Neurologie

Wie man Schranken überwinden kann

Eines Tages erwachte Manuela Messmer-Wullen auf einer Geschäftsreise in ihrem Hotelzimmer und war halbseitig gelähmt. Dann bemerkte sie, dass sie kognitiv beeinträchtigt war und sich nicht artikulieren konnte. Die Diagnose: Schlaganfall. „In der ersten Zeit nach dem Schlaganfall waren die Besuche bei den Radiologen ein einziges Mysterium für mich.”

Report: Michael Krassnitzer

Photo: Wie man Schranken überwinden kann
Quelle: Shutterstock/©PathDoc

Mittlerweile ist Messmer-Wullen Board Member der European Federation of Neurological Associations (EFNA), die sich für Menschen mit neurologischen Erkrankungen einsetzt. Beim European Congress of Radiology 2015 sprach sie bei einer Session der ESR Patient Advisory Group, die sich mit den speziellen Kommunikationsproblemen zwischen Radiologen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen beschäftigte.

„Die Kommunikation zwischen Radiologe und Patient kann eine echte Herausforderung sein, insbesondere wenn der Patient von einer Störung der Gehirnfunktion betroffen ist“, erklärt Donna Walsh, Executive Director der EFNA. Neurologische Patienten können an Sprachstörungen (Aphasie), Sprechschwierigkeiten (Dysarthrie) und Koordinationsschwierigkeiten (Dyspraxie) leiden. Noch schwieriger wird die Kommunikation, wenn der Patient Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis hat oder wenn Persönlichkeitsstörungen wie Aggressivität oder Paranoia hinzukommen.

Eine Umfrage unter Patienten mit Multipler Sklerose und den behandelnden Neurologen hat ergeben, dass beide Gruppen mit ihrer Kommunikation erstaunlich zufrieden sind. Mehr als acht von zehn Patienten, die innerhalb der letzten zwölf Monate bei einem Neurologen waren, berichteten, dass sie ohne Scheu mit ihrem Neurologen über ihre MS sprechen und bezeichnen ihr Verhältnis als ehrlich, offen, tief gehend und hilfreich. Fast alle Neurologen (96 Prozent) waren der Ansicht, dass sie einen offenen Dialog mit ihren Patienten führen, und 90 Prozent gaben an, die Krankheit ihrer Patienten in allen Aspekten gut zu verstehen. Die Frage, ob ihr Neurologe zugänglich sei und sich ausreichend Zeit für seine Patienten nehme, beantworteten drei Viertel der Befragten mit ja.

Allerdings enthüllte die Umfrage auch weniger positive Fakten: So gaben 47 Prozent der Ärzte an, zu wenig Zeit für das Gespräch mit den Patienten zu haben. Interessanterweise teilten nur 21 Prozent der Patienten diese Auffassung. Auch bei der Einschätzung von Kommunikationsbarrieren waren die Ärzte vorsichtiger: 15 Prozent von ihnen waren der Ansicht, dass es keinerlei Barrieren zu den Patienten gab, während es bei den Patienten immerhin 37 Prozent waren. „Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 60 Prozent der Ansicht sind, es gebe Schranken”, betont Walsh.

„Wir weiß ich, ob mein Patient mit meiner Kommunikation zufrieden ist?“, fragt Walsh und gibt gleich die Antwort: „Nachfragen!” Die EFNA-Generalsekretärin hat auch drei weitere Tipps für die Kommunikation zwischen Arzt und neurologischen Patienten:

  • Geben Sie dem Patienten mindestens 30 Sekunden lang Zeit zu reden, ohne dass Sie ihn unterbrechen und machen Sie sich dabei möglichst     keine  Notizen, sondern halten Sie Augenkontakt.
  • Berühren Sie den Patienten; Berührungen vermitteln diesem das Gefühl, dass sich das Gespräch um etwas Reales handelt.
  • Beziehen Sie die Familienmitglieder mit ein – aber ignorieren Sie dabei den Patienten nicht: Der Patient ist die Person, die Sie behandeln und er sollte weder ignoriert noch abqualifiziert werden.

Insbesondere für Radiologen ist das oft keine einfache Aufgabe. „Radiologen gelten häufig als schlechte Kommunikatoren“, räumt Dr. Lorenzo E. Derchi ein, Leiter der Notfallradiologie am Universitätsspital San Martino in Genua (Italien): „Es ist sogar denkbar, dass sich manche Medizinstudenten für die Radiologie entscheiden, weil sie Angst vor dem Patientenkontakt haben.“ Daher plädiert Derchi dafür, Kommunikation mit den Patienten in größerem Ausmaß in der Ausbildung zu verankern. 

08.05.2015

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