Covid-19

Thrombosen durch Vektorimpfstoffe: Ursachen gefunden, Behandlung entwickelt

Es waren Transfusionsmediziner, welche im Frühjahr dieses Jahres die Ursache für die sehr seltenen lebensgefährlichen Thrombosen gefunden haben, an denen vor allem jüngere Menschen nach der Gabe der Covid-19-Vakzine von AstraZeneca erkrankt waren. Inzwischen gibt es eine Behandlungsmöglichkeit mit Immunglobulin-Konzentraten, welche die Mechanismen unterbinden.

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Quelle: Unsplash/Daniel Schludi

Darüber hinaus haben aktuelle weitere Studien gezeigt, dass die gefährlichen Antikörper, welche die Thrombosen auslösen können, nur wenige Monate im Körper bestehen bleiben. Welche Mechanismen für Thrombosen nach einer Impfung verantwortlich sind und welche Behandlungsmethoden es gibt, erklärt der Transfusionsmediziner Professor Dr. med. Andreas Greinacher.

Als im März die ersten Fälle von lebensbedrohlichen Hirnvenenthrombosen nach einer Impfung mit dem Covid-19-Vakazin von AstraZeneca auftraten, haben sich Transfusionsmediziner um Professor Dr. med. Andreas Greinacher unmittelbar mit der Erforschung der Ursachen befasst. „Das Auftreten der Thrombosen in der zweiten Woche nach der Impfung ist typisch für eine Antikörperreaktion, was wir auch bestätigen konnten“, so Greinacher. Nach einer Impfung bildet der Körper Abwehrstoffe. In sehr seltenen Fällen bilden Geimpfte spezielle Antikörper, die sich an Thrombozyten, auch Blutplättchen genannt, binden. Die Untersuchungen von Blutproben zeigten, dass die Antikörper, welche die Geimpften gebildet hatten, gegen den Plättchenfaktor 4 (PF4) gerichtet waren, der von Blutplättchen freigesetzt wird. Jeder Antikörper bildete mit mehreren dieser PF4-Plättchenfaktoren sogenannte Immunkomplexe.

Die Forscher haben mittlerweile auch eine Vorstellung davon, warum der Impfstoff von AstraZeneca und teilweise auch der von Johnson & Johnson die Komplikation auslöst. Beide Impfstoffe verwenden Adenoviren. „Wahrscheinlich bilden Teile der Adenoviren bei manchen Menschen im Blut Komplexe mit dem Plättchenfaktor PF4“, erläutert Greinacher: „Die normale Immunreaktion führt dazu, dass innerhalb von ein bis zwei Wochen große Mengen Antikörper gegen die PF4-Komplexe gebildet werden“. Die PF4-Antikörper binden am sogenannten Fc-Rezeptor auf der Oberfläche der Blutplättchen an und aktivieren diese. Die Folge ist: Sie verklumpen und bilden Blutgerinnsel, welche die Blutgefäße verstopfen können. Diese Komplikation – ausgelöst durch die seltenen Immunreaktionen nach einer Vakzin-Impfung gegen Covid-19 - wird Vakzin induzierte thrombotische Thrombozytopenie oder VITT genannt.

Zusammen mit Neurologen der Berliner Charité, fanden die Forscherinnen und Forscher um Greinacher heraus, dass die Kopfschmerzen, über die viele Patienten mit VITT klagen, nicht die Folge der Thrombosen sind, sondern ein Warnsignal. „Durch eine schnelle Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten kann eine VITT häufig vermieden werden“, ist Greinacher überzeugt. Längst gibt es zwei von den Greifswalder Medizinern entwickelte Tests, mithilfe derer Ärztinnen und Ärzte potenziell Betroffene auf die Antikörper untersuchen konnten. 

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Außerdem entwickelten die Transfusionsmediziner auch eine Therapiemöglichkeit durch eine Infusion von Immunglobulin-Konzentraten, welche aus dem Blut gesunder Menschen gewonnen werden können. „Die Immunglobuline blockieren die Fc-Rezeptoren und verhindern dadurch, dass die Immunkomplexe die Blutplättchen aktivieren“, erklärt Greinacher die Wirkungsweise der Behandlung. „Während in den ersten Wochen noch mehr als die Hälfte der betroffenen Patienten verstorben ist, überleben jetzt 9 von 10 Patienten“, so der Greifswalder Wissenschaftler.  

Die Ergebnisse einer neuen Studie, die im September im New England Journal of Medicine publiziert wurde, zeigte, dass die gefährlichen Antikörper bei den meisten Patienten mit VITT innerhalb von drei Monaten wieder verschwinden. „Diese Patienten würden trotz VITT eine zweite Impfung komplikationslos vertragen“, sagt Greinacher. Er rät allerdings, für die 2. Dosis vorsichtshalber auf einen mRNA-Impfstoff zu wechseln damit auch das geringste Risiko vermieden wird. 

„Diese umfangreichen Untersuchungen zeigen einmal mehr, welche Rolle die Transfusionsmedizin in der Forschung und Behandlung während der Corona-Pandemie hat“, ordnet Professor Dr. med. Hubert Schrezenmeier, 1. Vorsitzender der DGTI, ein. „Durch dieses Wissen kann der AstraZeneca Impfstoff weiterhin angewendet werden und gibt es nun Behandlungsmöglichkeiten für die sehr selten auftretenden Thrombosen."

16.09.2021

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