Radiologen sind keine Blackbox

Über die Zusammenarbeit zwischen Viszeralchirurgen, Gastroenterologen und Radiologen. Die Radiologie ist unbestritten ein Querschnittsfach, mit einem Innovationstempo ohnegleichen in der Medizin, das als Dienstleister für alle klinischen Fächer fungiert.

Prof. Dr. Christoph Germer
Prof. Dr. Christoph Germer
Prof. Dr. Christoph Germer
Prof. Dr. Christoph Germer

Besonders viele Anforderungen kommen aus den Bereichen Viszeralchirurgie und Gastroenterologie. Aus diesem Grunde findet in diesem Jahr beim Deutschen Röntgenkongress erstmals die Veranstaltungsreihe „DRG trifft die Gastroenterologen und die Viszeralchirurgen“ statt. Dabei wird es auch um die Frage gehen, inwieweit die Radiologie ihrer Servicefunktion gerecht wird und an welchen Stellen im klinischen Alltag noch Verbesserungspotenzial im Austausch mit den Klinikern besteht. Stellvertretend für die Fachgesellschaften führen hier der Chirurg Prof. Christoph Germer, der Gastroenterologe Prof. Thomas Rösch und der Radiologe Prof. Andrik Aschoff die Diskussion.

Prof. Dr. Christoph Germer, Direktor der Chirurgischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg, sieht es als positiven Trend, dass die Fortbildungsveranstaltungen nicht mehr nur fach- sondern verstärkt auch krankheitsspezifisch ausgerichtet sind. „Damit wird der Entwicklung in den Krankenhäusern, die zunehmend Zentren bilden, Rechnung getragen. Die Medizin wird immer komplexer und individualisierter, beides erfordert Interdisziplinarität“, so Christoph Germer. Prof. Dr. Andrik Aschoff, radiologischer Chefarzt am Klinikum Kempten und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Abdominal- und Viszeralradiologie in der DRG, betont, dass die Rolle der Bildgebung und damit der Radiologen an Bedeutung gewonnen hat. Ein gutes Beispiel hierfür sei die Therapie des Kolonkarzinoms.

„Früher wollten die Chirurgen nur wissen, ob der Patient ein Karzinom hat. Heute fordert die behandelnde Disziplin auch Auskunft über Stadium, Ausbreitung und Metastasierungen des Tumors. Beim Rektumkarzinom ist die differenzierte Bildgebung noch wichtiger, weil hier vielleicht noch neoadjuvante Therapien vor einer Operation zum Einsatz kommen müssen“, erklärt Aschoff.

Auch Prof. Dr. Thomas Rösch, Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Interdisziplinäre Endoskopie im Zentrum für Radiologie und Endoskopie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, unterstreicht diese Aussage: „Röntgenärzte sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, weil sie uns durch ihre Schnittbildgebung wichtige Informationen liefern, die wir gerne ergänzend zu unserer Diagnostik und vor unserer Therapie haben möchten.“ So ermöglicht die MRCP (Magnetresonanzcholangiografie), die vor einer Endoskopie der Gallenwege (ERCP = Endoskopisch-retrograde Cholangiopankreatikografie) erstellt wird, eine gezieltere Therapie, weil damit bereits vor dem Eingriff das Ziel der Reise bekannt ist.

Nicht ganz unisono sind die Stimmen in Hinblick auf die Spezialisierung der Radiologen. Im Gegensatz zu Germer, der wie in den USA üblich, einen „gastrointestinal radiologist“ auch für Deutschland wünschenswert findet, sieht Aschoff die allgemeine Viszeralchirurgie als eine Art „Brot- und-Butter-Radiologie“ an, die jeder durchschnittlich begabte und intelligente Radiologe durchführen können sollte. Und für Rösch, in seinem universitären und spezialisierten Zentrum, ist der Austausch mit „seinen“ Radiologen intensiv gelebte und befruchtende tägliche Erfahrung. Und er tauscht sich, ähnlich wie der Chirurg Germer, dabei lieber mit einem Radiologen aus, der seine Materie kennt, als z.B. mit einem Radiologen, der sonst nur Köpfe oder Knochen ansieht. Er favorisiert daher die Zusammenarbeit in großen (radiologischen) Einheiten, in denen sich Fachleute auf vergleichsweise kleine und vor allem spezialisierte Gebiete konzentrieren können.

Ein Problem sieht Christoph Germer in der methodenspezifischen Ausbildung der Radiologen in Deutschland. „Es gibt den Radiologen für die CT, den für die MRT und den Interventionellen Radiologen. Die können eine Methode sehr gut, aber als klinisch tätiger Arzt möchte man einen Radiologen haben, der sich auf bestimmte Organe und nicht bestimmte Technologien spezialisiert hat.“ Der Radiologe Aschoff räumt ein, dass es sicherlich Gerätespezialisten gibt und bestätigt auch, dass sich die Ausbildung auf die Schulung an bestimmten Systemen fokussiert, warnt aber gleichzeitig davor, Schmalspurradiologen auszubilden. „Wenn ein Radiologe nicht weiß, was 5 Zentimeter neben dem spezifischen Organ zu sehen ist, dann ist auch das ein großes Problem.“ Er plädiert daher dafür, an der Ausbildung wie bisher festzuhalten.

„In der Facharztausbildung erhält der Radiologe sein Handwerkzeug, erst danach sollte eine weitere Subspezialisierung erfolgen. Seiner Ansicht nach habe sich die Radiologie bereits dahin entwickelt, dass jeder ein (organspezifisches) Steckenpferd hat. Und diese Spezialisten sind verstärkt in den interdisziplinären Zentren und Tumorboards anzutreffen. 

Die Etablierung von spezialisierten Krankheitszentren ist nach Meinung aller drei Interviewpartner ein guter Ansatz. Germer: „Der Vorteil für den Patienten besteht darin, dass er ein maßgeschneidertes individuelles Therapiekonzept bekommt mit der Garantie, dass alle Spezialisten, die sich mit seiner Krankheit beschäftigen, involviert sind. Früher war die Therapie des Patienten davon abhängig, in welches klinische Fachgebiet die Einweisung erfolgte. Das wird durch die Organzentren verhindert. Die Daten aus den Brustzentren belegen, dass dieser Ansatz richtig ist.“ Dass allerdings gerade diese Organzentren für die Radiologen eine große Herausforderung darstellen, wird inzwischen auch von den klinischen Disziplinen so gesehen. „Für die Leute, die die Bilder machen, bedeutet das ziemlich viel Sitzfleisch“, so Rösch, und Germer pflichtet ihm bei: „Ein kompetenter Radiologe in jeder Tumorkonferenz kostet Zeit und damit Geld, das letztlich die Krankenkassen aufbringen müssen, wenn sie diese Zentren fordern.“ Alle drei Mediziner betonen die Wichtigkeit des Austausches und der Kommunikation zwischen Fachgebieten und unter den Ärzten.

Veranstaltungshinweis

Saal Rieder
Do, 17.05, 16:40 - 17:00 Uhr
Moderne chirurgische Therapie des
Rektumkarzinoms: Gibt es Grenzen
für die minimal-invasive Technik?
Germer CT / Würzburg
Session: DRG trifft DGVS und
DGAV - Rektumkarzinom
Vorsitz: Hagenmüller F /
Aschoff A / Germer CT

Saal Rieder
Do, 17.05, 14:40 - 15:00 Uhr
ERC, PTC und Stent: Immer oder
nur in der palliativen Situation?
Rösch T / Hamburg
Session: DRG trifft DGVS und
DGAV - Pankreaskarzinom

 

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Im Profil

Prof. Dr. Andrik J. Aschoff leitet seit Dezember 2008 die Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin am Klinikum Kempten. Der berufliche Werdegang des gebürtigen Berliners ist jedoch eng mit der Stadt Ulm verknüpft. Hier studierte er Medizin und arbeitete von 1994 bis 2008 am Universitätsklinikum.

Zuletzt war er dort leitender Oberarzt der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie. Bis heute lehrt Aschoff als außerplanmäßiger Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm. Der 46-jährige Facharzt für Diagnostische Radiologie ist außerdem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Gastrointestinale- und Abdominelle Radiologie“ der DRG und Mitglied in zahlreichen Fachgesellschaften.

Der gebürtige Münchener Prof. Dr. Thomas Rösch ist am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf seit Oktober 2008 Direktor der Klinik und Poliklinik für Interdisziplinäre Endoskopie. Nach dem Studium und der Facharztausbildung an der Technischen Universität seiner Heimatstadt habilitierte er sich 1995 mit dem Thema: „Endosonographie in Diagnostik und Staging von Pankreaserkrankungen“. Von 2004-2008 war er Leiter der Zentralen Interdisziplinären Endoskopie am Campus Virchow der Charité Berlin. 

Prof. Dr. Christoph Germer erhielt 2008 die Berufung auf eine W3-Professur für Chirurgie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg und ist seither Direktor der Klinik und Poliklinik für Allgmein-, Viszeral-, Gefäß- und Kinderchirurgie.

Der gebürtige Berliner hat an der Freien Universität Berlin studiert und als Assistenz- und Oberarzt der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Benjamin Franklin gearbeitet. 2002 folgte er dem Ruf der Freien Universität Berlin auf eine C3-Professur für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Von 2004 bis 2008 leitete er die chirurgische Klinik des Klinikums Nürnberg.

09.05.2012

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