70-jähriger Patient mit einem schnell gestiegenem PSA von 13ng/ml. Rechts peripher dorsal zeigt sich eine ca. 9mm große PIRADS 4–Raumforderung. Diese wurde gezielt biopsiert. Festgestellt wurde ein Gleason 7a-Tumor, der operiert wurde.

Krankenkassen/Politik

Prostata-MRT: Niedergelassene Radiologen stehen in den Startlöchern

Die wissenschaftliche Evidenz für den Nutzen der Prostata-MRT ist eindeutig. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis die Untersuchung von den Krankenkassen bezahlt wird. An der Qualität bei den niedergelassenen Radiologen scheitert es jedenfalls nicht.

Bei der Diagnose von Prostatakrebs ist die Kernspintomographie dem herkömmlichen diagnostischen Prozedere (PSA-Test, Tastbefund und ungezielte Biopsie) überlegen. Die funktionelle MRT, auch multiparametrische MRT genannt, ist das derzeit beste bildgebende Verfahren zur Darstellung der Prostata und liefert wichtige Hinweise auf den genauen Ort und die Ausbreitung eines Tumors sowie dessen Aggressivität. Die Prostata-MRT kann helfen, unnötige diagnostische und therapeutische Eingriffe bei wenig aggressiven Tumoren oder gutartigen Veränderungen zu verhindern. Im Falle einer notwendigen Biopsie können die bei der MRT-Untersuchung gewonnenen Bilddaten direkt auf die Ultraschallbilder des Urologen übertragen werden und so den (sonographisch meist unsichtbaren) Tumor für die Biopsie markieren. Bei dieser MRT-Fusionsbiopsie können kleine und ungünstig gelegene Tumorherde mit deutlich höherer Sicherheit (bis zu 85%) getroffen werden können (gegenüber ca. 30 - 40% bei der ungezielten Biopsie).

„Es ist eine Schande, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der Prostata-MRT, deren Vorteile durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt sind, nicht übernehmen“: Diese klaren Worte spricht Prof. Dr. Mike Notohamiprodjo, MHBA, stellvertretender Ärztlicher Geschäftsführer DIE RADIOLOGIE, eines radiologischen Praxisverbundes mit über zehn Standorten in und um München. Die Prostata-MRT gilt nach wie vor als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL). Das bedeutet: Gesetzlich versicherte Patienten können die Untersuchung nur als Selbstzahler-Leistung in Anspruch nehmen, Kostenübernahmen finden praktisch nicht statt. Private Krankenversicherungen hingegen erstatten die Kosten meist in voller Höhe.

Die Vorteile der multiparametrischen Prostata-MRT sind seit Jahren bekannt. Als Gründe, warum die Untersuchung nicht Teil des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes (EBM) ist, der die Grundlage für die Abrechnung der vertragsärztlichen Leistungen bildet, wurden in der Vergangenheit unter anderem die angeblich mangelnde Qualität der Bildgebung sowie die nicht ausreichende Qualifikation der Ärzte im niedergelassenen Bereich genannt. „Diese Zeiten sind vorbei“, betont Notohamiprodjo: „Die Qualität der Prostatabildgebung im niedergelassenen Bereich ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.“ Mittlerweile gebe es flächendeckend moderne Scanner, mit denen auch bei einer Feldstärke von 1,5 Tesla Bilder in guter Qualität gemacht werden können, argumentiert der Münchener Radiologe. Auch die Qualifikation der niedergelassenen Radiolog/-innen habe deutlich zugenommen. Die Deutsche Röntgengesellschaft (DRG) bietet mittlerweile zwei einschlägige Zertifikate an: ein Zertifikat (Q1) für Radiologen, die vorwiegend diagnostische MRT-Untersuchungen der Prostata durchführen wollen, ein zweites (Q2) für alle jene, die an großen Zentren arbeiten.

„Weil wir in mehreren Krankenhäusern mit Radiologie und Strahlentherapie vertreten sind, sind wir auch in die dortigen Tumorboards integriert“, berichtet Notohamiprodjo. Aber auch für radiologische Praxen, die nicht mit einem Krankenhaus kooperieren, ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit, wie sie für das Tumorboard charakteristisch ist, selbstverständlich. „In der Niederlassung ist es das A & O, eng mit dem Zuweiser zusammenzuarbeiten“, bekräftigt der Radiologe: „Uns ist es sehr wichtig, dass wir die Befunde und das weitere Vorgehen – Biopsie, Kontrolle, weiterführende Diagnostik – mit den Urologen besprechen. Wir versuchen immer auch, die histologische Bestätigung zu bekommen, um uns über unsere Trefferquote im Klarten zu sein. Wir fragen die urologischen Kolleg/-innen auch regelmäßig, wie zufrieden sie mit der Zusammenarbeit sind, sowohl strukturell, organisatorisch als auch die Befundqualität betreffend“ Diese intensive Kooperation sei nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein wirtschaftliches Gebot: „Wir sind Dienstleister und da gehört es dazu, die Customer-Relationships zu pflegen.“

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Prof. Dr. Mike Notohamiprodjo.

„Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Prostata-MRT zur Kassenleistung wird“, ist Notohamiprodjo überzeugt. Die kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband könnten sich nicht mehr lange der wissenschaftlichen Evidenz, die für die Prostata-MRT spricht, verschließen. Dazu sei eine starke berufspolitische Stimme wichtig, v.a. durch den Berufsverband Deutscher Radiologen und die Radiologen-Gruppe 2020 (RG20), ein kürzlich gegründeter deutschlandweiter Verbund inhabergeführter radiologischer Praxen.

Die Nachfrage nach der Prostata-MRT ist bereits jetzt sehr hoch. Im vergangenen Jahr hat der Praxisverbund DIE RADIOLOGIE weit über 1.000 Prostata-MRTs durchgeführt – trotz der Covid-19-Pandemie. „Wenn die Prostata-MRT eine Regelleistung wird, dann kommt einiges auf die Infrastruktur zu“, meint Notohamiprodjo: „Wenn wir unsere derzeitige Zahl an Untersuchungen extrapolieren, dann brauchen wir künftig einen eigenen Scanner, der den ganzen Tag nichts anderes als Prostata-MRTs macht.“ Der steigenden Nachfrage müssten natürlich auch die entsprechenden Budgets angepasst werden, rechnet der niedergelassene Radiologe vor: „Das ist wohl der Grund, warum die Kassen bisher vor der Anerkennung der Prostata-MRT zurückschrecken“.

Profil:
Prof. Dr. Mike Notohamiprodjo, MHBA ist stellvertretender Ärztlicher Geschäftsführer DIE RADIOLOGIE, eines radiologischen Praxisverbundes mit über zehn Standorten in und um München. Er studierte Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, seine Facharztausbildung als Radiologe absolvierte er am Universitätsklinikum Großhadern. Vor seinem Eintritt in den Praxisverbund im Jahr 2017 war der habilitierte Radiologe leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Tübingen. Er ist überdies außerplanmäßiger Professor an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, Ausbilder der Deutschen Gesellschaft für Muskuloskelettale Radiologie (DGMSR) und Q2-MR-Prostatographie-Zertifikatsinhaber.

25.11.2021

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