„OMICS“ – Neues Schlüsselwort in der Gesundheitspolitik

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahr 2000 wird einen totalen Paradigmenwechsel in der medizinischen Versorgung auslösen. Genomik, Pharmakogenomik oder Nutrinomik als neue Wissenschaften revolutionieren Diagnostik und Therapie zunehmend in Richtung zielgerichtete, maßgeschneiderte
Individuelle Behandlung und/oder Prävention. Die Verfügbarkeit von Gentest, pränatales Screening

A. Kent, Director Genetic Alliance UK
A. Kent, Director Genetic Alliance UK
S. Savas, GENAR Institute for Public Health and Genomic Research, Istanbul
S. Savas, GENAR Institute for Public Health and Genomic Research, Istanbul

Zukunftsmusik? „ Es ist nicht länger eine Frage des „If“ sondern nur mehr des „When“ und des „How“, bis die genaue Kenntnis der genetischen Disposition des Einzelnen effizientere und effektivere Strategien für Prävention, Früherkennung und Behandlung ermöglicht, postuliert S.Savas vom GENAR Institute for Public Health and Genomic Research, Istanbul.
 

Die richtige Diagnostik und Therapie zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Patienten: Unter diesem Schlagwort fassen viele Experten die Potenziale zusammen, die seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms mit Spezialgebieten wie Genomik, Pharmakogenetik oder Nutrigenomik in die Medizin eingezogen sind. Das Ziel: Maßgeschneiderte, individualisierte Diagnostik und Therapie, die den genetischen Unterschieden zwischen Menschen gerecht wird und unter dem Stichwort „Personalisierte Medizin“ die Expertenrunde macht.

„Eine neue, veränderte Sichtweise in Richtung eines systematisierten und ganzheitlichen Verständnisses von der Entstehung und Progression von Krankheiten ist als eine wissenschaftliche Revolution zu sehen“, sagte heute beim European Health Forum Gastein Prof. Dr. Angela Brand, Direktorin des European Centre for Public Health Genomics, das an der Maastricht University angesiedelt ist. „Moderne Technologien zur DNA-Sequenzierung öffnen die Tür für eine breite Anwendung der Einsichten der modernen Genomik und werden zu einem entscheidenden Paradigmenwechsel in den Gesundheitssystemen führen.“

Das EHFG findet heuer zum 13. Mal statt, rund 600 Entscheidungsträger aus Gesundheitspolitik, Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft und Patientenorganisationen aus 40 Ländern treffen derzeit beim wichtigsten gesundheitspolitischen Kongress der Europäischen Union in Bad Hofgastein (Österreich), um über zentrale Zukunftsthemen der europäischen Gesundheitssysteme zu diskutieren.

Große Aufmerksamkeit erregte kürzlich das Selbstexperiment des US-Schriftstellers Richard Powers, der als erst neunter Mensch weltweit sein komplettes Genom entschlüsseln ließ und seine Erfahrungen, nicht zuletzt mit beunruhigenden Genabweichungen, in der Reportage Das Buch Ich # 9 dokumentierte. Eine routinemäßige Entschlüsselung jeder Person zum Zweck gezielter Prävention, Früherkennung oder maßgeschneiderter Therapie ist zwar noch Zukunftsmusik – auch wenn einschlägige Unternehmen für die absehbare Zukunft individuelle DNA-Sequenzierungen für weniger als 1.000 Dollar in Aussicht stellen.

Doch seit im Jahr 2000 erstmals eine menschliche DNA mit ihren sechs Milliarden Nukleotiden und Genbausteinen erstmals vollständig entschlüsselt wurde, macht die Genomik, die Wissenschaft von der Entschlüsselung der genauen Zusammensetzung des menschlichen Genoms laufend Fortschritte. Die Konzepte personalisierter Medizin und Gesundheitsversorgung werden vielleicht schon bald Realität sein: Aufgrund der genauen Kenntnis der genetischen Disposition jedes Menschen und der Zusammensetzung seiner Erbsubstanz, so die Hoffnung der Genomik-Proponenten, können maßgeschneiderte Strategien in Prävention, Früherkennung und Behandlung von Krankheiten entworfen werden. Alistair Kent, Direktor der Genetic Alliance UK, erklärte: „Patienten können sich von der personalisierten Medizin positive Auswirkungen auf die Diagnostik und mehr Effizienz in der Behandlung von Krankheiten erwarten. Innovative Therapien können zielgenauer eingesetzt werden, Erkrankungen können effizienter und effektiver bekämpft werden, mit einem geringeren Risiko von Nebenwirkungen.”

Umwelteinflüsse auf das Genom – neues Verständnis für Krankheitsursachen ermöglicht individuelle Prävention und Therapie


Dabei wird aber nicht nur die genetische Disposition immer genauer unter die Lupe genommen, sondern auch die Wechselwirkungen zwischen Erbanlagen und Umwelteinflüssen: „Die Krankheiten unseres Jahrhunderts sind komplex und haben ihre Ursachen meist in einem Zusammenspiel von genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen oder Lebensstil“, sagte Prof. Dr. B. Serdar Savas, Leiter des GENAR Institute for Public Health and Genomic Research in Istanbul.

Für ein ganzheitliches Verständnis plädiert auch Prof. Brand: „Genomik kann nicht Phänotypen individuell genau vorhersagen. Ein modernes Verständnis davon, wie Gesundheitsversorgung in Zukunft aussehen müsste, umfasst eine Kombination aus genomischer Wissenschaft und umweltbedingten sowie sozialen Aspekten des Lebensstils. Dieser Ansatz ist wesentlich für die Prävention, Früherkennung und Therapie von Erkrankungen.” Das sich rasch entwickelnde Gebiet der Epigenomik trägt wesentlich zum besseren Verständnis davon bei, wie genetische Veranlagung und Umwelteinflüsse zusammenwirken. Darauf aufbauend kann der Einfluss von Umweltfaktoren wie Stress, Ernährung, toxische Substanzen oder Viren auf die Gene untersucht werden. Besonders große Hoffnungen werden in die Potenziale einer personalisierten Medizin in der Krebstherapie gesetzt: Moderne Bluttests fördern dabei den gentischen „Fingerabdruck“ einer Krebserkrankung zutage und machen die Effekte von Therapien evaluierbar.

Gesundheitspolitik gefordert: Balance zwischen Persönlichkeitsschutz und gesellschaftlichem Nutzen

Die neuen Möglichkeiten der personalisierten Medizin seien nicht nur ein Fall für die innovative medizinische Forschung, sondern auch für die Gesundheitspolitik, betonten Experten beim European Health Forum Gastein. „Im Bereich der Gesundheitspolitik sind klare Strategien zur Beurteilung und Richtlinien zur Umsetzung genombasierter Erkenntnisse und Technologien gefordert“, so Prof. Brand. „Politischen Entscheidungsträgern sollten sich bewusst sein, dass diese Erkenntnisse für gesundheits-, sozial- und umweltpolitische Ziele und im Sinne von Prävention und Gesundheitsförderung eingesetzt werden müssen.“

„Public Health Genomics“ ist hier das neue Schlagwort für die Gesundheitspolitik. Prof. Savas: „Genombasierte Informationen können wesentlich dazu beitragen, die Gesundheit und Lebensqualität zu verbessern und somit das Leben zu verlängern. Public Health Genomics zielt darauf ab, auf Basis der Erkenntnisse der Genomik Verbesserungen sowohl für die individuelle als auch für die öffentliche Gesundheit zu erreichen.”

Personalisierte Medizin und Gesundheitsversorgung verlangen nach adäquaten rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, so der Tenor der Expertendebatten in Gastein. Hier muss ein Mittelweg zwischen dem Schutz individueller Interessen und dem gesellschaftlichen Nutzen, der aus genomischen Innovationen resultiert, gefunden werden. Direktor Kent dazu: „Personalisierte Medizin ist nicht nur ein Thema im Bereich Gesundheit, sondern auch eine wirtschaftliche und politische Frage. Wir werden Regeln und Richtlinien für die Anwendung individualisierter Therapien brauchen, aber auch völlig neue Ansätze in der Zulassung solcher Behandlungsmethoden. Durch wirtschaftliche Anreize für die pharmazeutische Industrie muss die Entwicklung von Medikamenten auch für seltene Genprofile vorangetrieben werden, damit kleine und kleinste Patientengruppen nicht untergehen.“

Europa-weites Genom-Netzwerk bereitet Gesundheitssysteme auf die Herausforderungen vor


Eine bereits weit entwickelte Antwort der europäischen Gesundheitspolitik auf die neuen Herausforderungen ist das Public Health Genomic Network (PHGEN), so Brand: „Eine der Kernaufgaben von PHGEN ist es, die Europäische Gesundheitspolitik und die Gesundheitssysteme der Europäischen Länder auf den Paradigmenwechsel in Richtung personalisierte Medizin und Gesundheitsversorgung vorzubereiten.“ PHGEN wird vom Institute for Public Health Genomic, angesiedelt an der Universität Maastricht, koordiniert und wird von der Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucherschutz der Europäischen Kommission finanziert. Ein sehr wesentlicher Teil der Aufgabe von PHGEN ist die Herausgabe der European Best Practice Guidelines for Quality Assurance, Provision and Use of Genome-based Information and Technologies. Diese Richtlinien sind für alle EU-Mitgliedsstaaten, aber auch EU-Bewerberstaaten und EFTA-EEA-Länder vefügbar und als Unterstützung und praktische Leitlinie in allen Fragen des verantwortungsvollen Umgangs mit genombasierten Informationen und Technologien gedacht, so Brand.

 

08.10.2010

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