Nieren-Nebenwirkungen

Neues zu kontrastmittelinduzierter Nephropathie

Seit Jahrzehnten bereits gibt die kontrastmittelinduzierte Nephropathie Klinikern und Patienten gleichermaßen Rätsel auf. Die Forschungslage ist bislang ungenügend: Angesichts mangelnder prospektiver randomisierter Studien basiert die Evidenz in erster Linie auf retrospektiven Studien mit variablen Kontrollpunkten. Die meisten Schlussfolgerungen, die aus diesen Studien gezogen wurden, sind daher nicht valide. Doch Abhilfe ist in Sicht.

Bericht: Mark Nicholls

Aktuelle prospektive Studien werden aller Voraussicht nach Benchmark-Ergebnisse liefern, die Klinikern aussagekräftige Daten zur kontrastmittelinduzierten Nephropathie an die Hand geben, insbesondere für die Computertomographie. Den derzeitigen Stand und die Perspektiven für die Zukunft skizziert Professor Henrik Thomsen, Spezialist für urogenitale Bildgebung und Professor für Radiologie an der Universität Kopenhagen, in seiner Präsentation „Contrast-induced nephropathy: the current evidence“ im Rahmen des CT-Symposiums. Im Vorfeld gibt Prof. Thomsen jedoch bereits einen Einblick in die Geschichte der kontrastmittelinduzierten Nephropathie, ein Begriff, der Mitte der 1950er Jahre erstmals in der Fachliteratur auftauchte.

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Professor Henrik Thomsen ist Spezialist für urogenitale Bildgebung und Professor für Radiologie an der Universität Kopenhagen.

Damals verwendete man hohe Kontrastmitteldosen, erklärt der Radiologe. Zunächst waren Ärzte natürlich begeistert von der detailgenauen Darstellung der Nieren, doch schon bald wurden Beeinträchtigungen der Nierenfunktion nach Kontrastmittelgabe festgestellt. So mag damals die Dehydrierung, die bei den modernen nicht-ionischen Kontrastmitteln keine so große Rolle mehr spielt, ein bedeutsamer Faktor gewesen sein, allerdings war aber auch über die Pathophysiologie wenig bekannt. Mitte der 1990er Jahre arbeiteten Metaanalysen den Unterschied zwischen ionischen und nicht-ionischen Kontrastmitteln heraus. 10 bis 15 Jahre später zeigten umfangreiche prospektive Studien, dass zwischen nicht-ionischen dimeren und monomeren Kontrastmitteln kein relevanter Unterschied besteht. Diese Ergebnisse waren für die Erforschung der kontrastmittelinduzierten Nephropathie entscheidend.

In allen fünf Fällen wurde Kontrastmittel verabreicht.

Laut Thomsen ist der Mangel an Evidenz jedoch seit Jahren ein großes Problem: „Die meisten Studien waren retrospektiv, das heißt, es gab keine Kontrollgruppen. Eine wirklich belastbare Studie wurde nie durchgeführt.” Neuere Forschungsergebnisse aus den USA weisen darauf hin, dass die Kontrastmittelgabe in der CT weniger problematisch ist. Dennoch warten Experten auf die Ergebnisse prospektiver Studien mit randomisierten Patienten, die einer Bildgebung mit bzw. ohne Kontrastmittel unterzogen wurden. Diese werden in den kommenden drei Jahren vorliegen. „Eines der Probleme ist die Tatsache, dass die meisten veröffentlichten Studien zu Kontrastmitteln und Nephrotoxizität nicht aus der Computertomographie stammen, sondern aus der Koronarangiographie und Kardiologie“, so Thomsen weiter, „denn bis vor Kurzem mussten Patienten nach einer Angiographie ein bis zwei Tage im Krankenhaus bleiben, während sie nach einer CT häufig sofort nach Hause durften.“ 

Die European Society of Urogenital Radiology (ESUR) hat ebenfalls zur Klärung der kontrastmittelinduzierten Nephropathie beigetragen. In den neuen Leitlinien der Organisation wird der Cut-off für die Hydrierung vor Kontrastmittelgabe von 40 auf 30 ml/min/1,73m2 gesenkt. Diese Senkung stellt für Radiologen eine Erleichterung dar, denn, so Thomsen, Patienten mit einer eGFR (geschätzten glomerulären Filtrationsrate) unter 30 ml/min/1,73m2 müssen eindeutig identifiziert werden.

Ich bin der Meinung, dass wir heute Kontrastmittel mit weniger Vorbehalten einsetzen können

Henrik Thomsen

Allerdings verweist Thomsen, der sich seit fast 40 Jahren mit den Auswirkungen von Kontrastmitteln beschäftigt, auch auf die Gefahr einer ‘Iod-Phobie‘ und die Tatsache, dass Ärzte aus Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen zu wenig oder gar kein Kontrastmittel mehr einsetzen und folglich Tumore übersehen. „Ich bin der Meinung, dass wir heute Kontrastmittel mit weniger Vorbehalten einsetzen können, denn die Risiken, die wir bisher befürchtet haben, scheinen nicht zu bestehen. In zwei bis drei Jahren werden wir hervorragende prospektive, randomisierte Studien haben, die dies hoffentlich bestätigen. Darauf warten wir. Wenn wir eine sauber konzipierte Studie durchführen und belastbare Daten erhalten, dann können wir auch entspannter an die Sache herangehen.“


Profil:

Professor Henrik Thomsen, Spezialist für urogenitale Bildgebung und Professor für Radiologie an der Universität Kopenhagen, forscht seit fast 40 Jahren zum Thema Auswirkungen von Kontrastmedien. Für seine bahnbrechende Arbeit wurde er kürzlich mit der Harry Fischer Medaille der International Society of Contrast Media und dem Torsten Almén Preis geehrt. Professor Thomsen ist seit 1996 Vorsitzender des europäischen Ausschusses für Kontrastmittel-Sicherheit (Contrast Media Safety Committee).


Veranstaltung:

Freitag, 19.01.2018, 

15:00-15:20 Uhr

Contrast-induced nephropathy: the current evidence

Henrik Thomsen (DK-Herlev)

Session: Abdomen und Intervention

15.01.2018

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