Grenzüberschreitend: Telemedizin diesseits und jenseits der Oder

Wie kann die medizinische Versorgung in den menschenarmen Regionen Ostdeutschlands verbessert werden und wie kann die medizinische Versorgung im angrenzenden Polen das gleiche Niveau erreichen wie beim westlichen Nachbarn?

Prof. Dr. med. Norbert Hosten
Prof. Dr. med. Norbert Hosten

Auf diese Fragen versucht das Projekt Telemedizin Pomerania, größtes grenzüberschreitendes medizinisches Telenetzwerk der Europäischen Union, eine Antwort zu finden. Seit 2001 arbeiten Kliniken in Vorpommern, Nordbrandenburg und der polnischen Wojewodschaft Westpommern daran, ein gemeinsames Netzwerk aufzubauen, das die Kommunikation zwischen den Medizinern als auch den Austausch von Patientendaten erlaubt. In der vierten Förderphase des Projekts, das im Rahmen des INTERREG-Programms bis 2013 mit 11,4 Millionen Euro unterstützt wird, sind insgesamt 21deutsche und 14 polnische Krankenhäuser beteiligt.

„Wenn wir an die deutsch-polnische Grenze kommen, werden auch die medizinischen Leistungen dünner: Es gibt hier weniger Menschen, und Fachärzte haben einfachnicht genug Patienten. Die Menschen in den Grenzregionen werden also tendenziell von weniger spezialisierten Ärzten behandelt als Menschen in Ballungsräumen. Telemedizin, das Erbringen von ärztlichen Leistungen über eine räumliche Entfernung, schafft Abhilfe“, beschreibt Prof. Norbert Hosten, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und zugleich Vorsitzender des an der Greifswalder Universität angesiedelten Vereins Telemedizin in der Euroregion Pomerania die Herausforderung.

So können seit einigen Jahren dank des Netzwerkes in Krankenhäusern, in denen kein Radiologe vor Ort ist, dennoch CT-Untersuchungen zu jeder Tages- und Nachtzeit durchgeführt werden. Eine MTRA macht die CT-Aufnahmen, die Befundung und die Indikationsstellung werden in einem übergeordneten Zentrum vorgenommen.„Unsere Radiologie ist im Umkreis von 100 Kilometern die einzige Abteilung, die nachts und am Wochenende immer besetzt ist. Dank des gemeinsamen Netzes machen wir für sechs kleinere Krankenhäuser in unserem direkten Umkreis die Wochenend- und Nachtbefundung von CTs“, erläutert Hosten. Auch das Einholen von Zweitmeinungen bei schwierigen Befunden ist auf diesem Wege möglich, sogar über die Landesgrenze hinweg. Und auch Pathologen, Urologen und andere an den Tumorkonferenzen beteiligten Mediziner können in der Grenzregion so diegroßen Entfernungen und fehlenden Möglichkeiten vor Ort gut überbrücken.

Die EU verfolgt mit der grenzüberschreitenden Förderung die Idee, dass Polen und Deutsche gemeinsam dieses Projekt entwickeln. Und es fließt auch nur dann Geld, wenn der Nachweis darüber erbracht wird. Einmal im Monattrifft sich daher die Steuerungsgruppe des Projekts, die zu gleichen Teilen mit deutschen und polnischen Partnern besetzt ist, um über anstehende Fragen und Probleme zu diskutieren: „Wir sind vor allem dabei, Hindernisse auf unserem gemeinsamen Weg zu einer umfassenden Gesundheitsfürsorge in dieser Region zu identifizieren“, erklärt Norbert Hosten. Und Hindernisse gibt es nach wie vor viele. Ein klassisches Problem ist die Versorgung von Traumapatienten in Grenznähe. Ein Beispiel: Das nächste deutsche Krankenhausmag vielleicht 100 Kilometer entfernt sein, auf der anderen Seite der Grenze in Polen ist aber schon nach zwei Kilometern eins zu finden. Seit diesem Jahr sind deutsche und polnische Krankenkassen zwar dazu verpflichtet, die Behandlung ihrer Mitglieder auch jenseits der Grenze zu erstatten, doch nur zu den jeweils eigenen Sätzen. Und da die polnischen Krankenkassen wesentlich weniger zahlen als die deutschen, stehen die Krankenhäuser auf deutscher Seite vor einem Finanzierungsproblem.

Hürden anderer Art hat man inzwischen dafür bereits überwunden. „Am Anfang waren unsere Treffen von sehr großem wechselseitigemMisstrauen geprägt. Die Mentalitäten sind einfach sehr unterschiedlich. Doch wir haben gelernt, damit umzugehen.“ Auch die sprachlichen Barrieren sind gemeistertdurch Dolmetscher oder das Wechseln in die englische Sprache. Obwohl das Netzwerk Pomerania auf nationaler Seite weiter entwickelt ist als über die Oder hinweg, so gibtes auch schon fruchtbare grenzüberschreitende Kooperationen, wie beispielsweise in der Tele-Urologie zwischen den Krankenhäusern in Schwedt und Stettin, oder die Lehrkonferenzen in der Teleradiologie zwischen dem Knochentumorzentrum in Stettin und der Greifswalder Universitätsklinik. Auf deutscher Seite wird derzeit am Aufbau eines telemedizinischen Stroke-Netzwerkes gearbeitet. Insgesamt umfasst das Projektvorhaben zehn telemedizinische Arbeitsbereiche. „Sobald die entsprechende Infrastruktur, vor allem in technischer Hinsicht in Polen aufgebaut ist, werden auch die polnischen Patienten von den Entwicklungen auf deutscher Seite profitieren“, ist der Chefarzt überzeugt.

 

 

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Im Profil

Prof. Dr. med. Norbert Hosten ist seit 2001 Lehrstuhlinhaber für Diagnostische und Interventionelle Radiologie an der Universität Greifswald. Die Arbeitsschwerpunktedes Neuroradiologen liegen in der MRT, der Interventionellen Radiologie und der Telemedizin. Der gebürtige Düsseldorfer studierte, promovierte und habilitierte sich an der Freien Universität Berlin. Anschließend leitete er über ein Jahrzehnt die Strahlen- und Poliklinik am Berliner Rudolf Virchow Klinikum.

Im Jahr 2008 übernahm er den Vorstandsvorsitz des Vereins Telemedizin in der Euroregion Pomerania– ein Zusammenschluss von Experten, der sich die Entwicklung und den Ausbau der Telemedizin in der dünnbesiedelten Region zum Ziel gesetzt hat.
 

09.05.2012

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