Eine Patientin und ihre Ärztin sitzen sich im Gespräch gegenüber
31% der Menschen in Deutschland verschweigen beim Arztgespräch wichtige Informationen. Das zeigt eine aktuelle YouGov-Studie im Auftrag von Doctolib.

© Doctolib

News • Umfrage zu Patientenverhalten

Warum Flunkern beim Arzt keine gute Idee ist

Zum Weltgesundheitstag am 7. April macht eine aktuelle YouGov-Befragung unter 312 niedergelassenen Ärzten im Auftrag des Health-Tech-Unternehmens Doctolib auf ein unterschätztes Problem im Praxisalltag aufmerksam:

31% der befragten Ärzte haben bei der Hälfte oder sogar bei fast jeder Konsultation den Eindruck, dass Patienten ihnen nicht alles berichten. Weitere 39% erleben dies gelegentlich, bei etwa einem Viertel der Gespräche. Nur 8% haben diesen Eindruck nie. 

Eine ergänzende repräsentative Patientenbefragung bestätigt die ärztliche Wahrnehmung: 31% der Menschen in Deutschland geben zu, ihren Ärzten schon einmal wichtige Gesundheitsinformationen verschwiegen zu haben. Bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren ist es fast jede und jeder Zweite (45%). Das Paradox: 87% derer, die schon einmal etwas verschwiegen haben, wissen, dass dies Folgen für ihre Gesundheit haben kann – und tun es trotzdem. 

Wenn Patientinnen und Patienten wichtige Informationen weglassen, führt das im besten Fall zu unnötigen Kosten durch überflüssige Diagnostik, im schlimmsten Fall sogar zu stationären Aufenthalten und invasiven Eingriffen

Ivo David Rimpl

Die medizinischen Konsequenzen sind gravierend: 

34% der befragten Ärzte nennen falsche oder verzögerte Diagnosen als häufigste Folge, wenn Patienten wichtige Informationen verschweigen. 31% berichten von Vertrauensverlust in der Arzt-Patienten-Beziehung, 30% von unwirksamen Behandlungen. 27% führen unnötige Untersuchungen und Tests durch, 26% sehen eine Verschlechterung der Erkrankung als Konsequenz. Weitere 26% warnen vor gefährlichen Wechselwirkungen zwischen Medikamenten. 

„Wenn Patientinnen und Patienten wichtige Informationen weglassen, führt das im besten Fall zu unnötigen Kosten durch überflüssige Diagnostik, im schlimmsten Fall sogar zu stationären Aufenthalten und invasiven Eingriffen. Es geht wertvolle Zeit verloren, was je nach Erkrankung die Genesung oder Therapie negativ beeinflussen kann", erklärt Dr. Ivo David Rimpl, Facharzt für Allgemeinmedizin und Chirurgie am Ärztehaus Weilrod. 

Welche Informationen Patienten verschweigen - und wie Ärzte sie durchschauen

Unter denjenigen, die schon einmal Informationen zurückgehalten haben, nennen 27% Symptome oder Beschwerden, 26% private und soziale Umstände wie Stress oder finanzielle Sorgen, 24% psychische Probleme und mentale Gesundheit. Auch Lebensstilfaktoren bleiben oft unerwähnt: Tabak- und Nikotinkonsum (17%), Gewicht (16%), Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten (14% bzw. 13%) sowie Alkoholkonsum (12%). 

Wie erkennen Ärzte, dass Patienten nicht ehrlich sind? 47% achten auf Körpersprache und Verhalten wie Nervosität, Zögern oder ausweichenden Blickkontakt. 45% bemerken es, wenn medizinische Befunde nicht zu den Angaben der Patienten passen. 42% registrieren widersprüchliche, vage oder ausweichende Aussagen, 40% verlassen sich auf ihre ärztliche Intuition und Erfahrung. 

Nur 51% der befragten Ärzte sind „eher sicher" oder „sehr sicher", dass sie Unehrlichkeit zuverlässig erkennen. 35% sind unentschieden, 13% fühlen sich unsicher oder sehr unsicher. 

Die Gründe für das Schweigen sind aus ärztlicher Sicht vor allem emotionaler Natur: 34% vermuten Angst vor Verurteilung oder negativer Bewertung als Hauptmotiv, 33% nennen Scham oder Peinlichkeit. 30% gehen davon aus, dass Patienten die Information für nicht relevant halten. 27% vermuten, dass Patienten eine bestimmte Behandlung oder ein Medikament erhalten oder vermeiden wollen. 

Die Patientenbefragung bestätigt dieses Bild: Unter denjenigen, die schon einmal Informationen verschwiegen haben, nennen 35% die Angst vor Verurteilung als Hauptgrund, 31% Scham, 30% die Annahme, die Information sei nicht relevant. 

Ärzte reagieren aktiv auf das Problem: 38% erklären die Wichtigkeit vollständiger Informationen, 36% stellen gezielte Nachfragen, 34% versuchen, eine vertrauensvollere Atmosphäre zu schaffen. Generell empfinden 67% der befragten Ärzte eine ehrliche Kommunikation für wichtig oder sehr wichtig für den Behandlungserfolg. 

Verschärft wird das Problem durch den Zeitdruck im Praxisalltag: Bei 22% der befragten Ärzte dauert ein Patientengespräch durchschnittlich nur fünf bis zehn Minuten, bei 27% elf bis 15 Minuten. 34% der Ärzte sehen „ausreichend Zeit für Gespräche" als wichtigen Faktor für ehrliche Kommunikation. Auch Patienten spüren den Druck: 40% wünschen sich mehr Zeit für das Gespräch. In dieser Situation bleiben sensible Themen, die mit Scham behaftet sind, oft unausgesprochen. 

Ich denke, dass Patientinnen und Patienten im Digitalen ehrlicher sind, weil dann wichtige emotionale Faktoren wie Scham keine Rolle spielen

Shireen Darwesh

Hier könnten digitale Vorab-Fragebögen einen Ausweg bieten: 57% derjenigen, die schon einmal nicht die Wahrheit sagten, bewerten einen vertraulich geführten digitalen Fragebogen als positiv. 40% geben an, in einem solchen Fragebogen ehrlicher antworten zu können als im direkten Gespräch. 

Bereits heute nutzen viele Ärzte digitale Lösungen: 53% setzen auf Patientennachrichten oder Messenger-Systeme für Anfragen, Rezepte oder Befunde, 46% nutzen eine digitale Patientenaufnahme, bei der Patienten Anamnesebögen digital ausfüllen. Nur 7% nutzen noch keine digitalen Tools. 

„Ich denke, dass Patientinnen und Patienten im Digitalen ehrlicher sind, weil dann wichtige emotionale Faktoren wie Scham keine Rolle spielen. Im persönlichen Gespräch haben viele Sorgen, Ängste, Schamgefühle oder ein schlechtes Gewissen. In der digitalen Kommunikation mit einer KI oder einem Fragebogen fallen diese Hemmungen weg", erklärt Dr. Shireen Darwesh, Allgemeinmedizinerin und Fachärztin für Innere und Kardiologie aus Oberhausen. 

Für die Zukunft wünschen sich 32% der Ärzte eine nahtlose Integration digitaler Tools in die bestehende Praxissoftware, 31% sichere Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Terminen und 28% digitale Eingabemöglichkeiten für besonders sensible Themen. 

Digitale Lösungen können nicht nur Barrieren wie Scham senken – sie haben auch therapeutisches Potenzial, wie Dr. Albrecht Wenzel, Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe und Ernährungsmediziner aus Leipzig betont: „Digitale Gesundheitstechnologien haben ein enormes therapeutisches Potenzial. Kontinuierliche Glukose-Messungen, die alle fünf Minuten den Blutzuckerwert erfassen und auf dem Smartphone visualisieren, zeigen beispielsweise eine vergleichbare Wirksamkeit wie medikamentöse Therapien. Dieses unmittelbare Biofeedback macht Gesundheit greifbar und kann nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken." 

Dieser Artikel könnte Sie auch interessieren

„Die Studienergebnisse zeigen: Ehrliche Kommunikation ist die Grundlage für erfolgreiche Behandlung", sagt Susanne Dubuisson, Product Director bei Doctolib Deutschland. „Digitale Patientenaufnahme, sichere Kommunikation zwischen Terminen und nahtlose Integration in Praxissoftware können Ärzte dabei unterstützen, mehr Zeit für das Wesentliche zu gewinnen und Patienten niedrigschwellige Wege zu bieten, sensible Themen anzusprechen. Die Technologie bereitet das Arzt-Patienten-Gespräch vor, sodass beide Seiten besser informiert sind und mehr Zeit für die eigentliche Behandlung bleibt." 

Informationen zur Studie 

Patientenbefragung: Die repräsentative Umfrage wurde von YouGov im Auftrag von Doctolib durchgeführt. Befragt wurden 1.043 Erwachsene ab 18 Jahren in Deutschland im Zeitraum vom 4. bis 11. März 2026. Die Erhebung wurde nach Alter, Geschlecht und Region quotiert und die Ergebnisse entsprechend gewichtet. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren. 

Ärztebefragung: Die ergänzende Befragung wurde ebenfalls von YouGov im Auftrag von Doctolib durchgeführt. Befragt wurden 312 niedergelassene Ärzte verschiedener Fachrichtungen in Deutschland im Zeitraum vom 4. bis 14. März 2026. Die Ergebnisse geben ein Stimmungsbild unter den befragten niedergelassenen Ärzten wieder und erlauben keine repräsentativen Rückschlüsse auf alle niedergelassenen Ärzten in Deutschland. 


Quelle: Doctolib

31.03.2026

Verwandte Artikel

Photo

News • Bedenklich oder unbedenklich?

Im Inneren einer Ethik-Kommission

Ärzte, Juristen, Medizintechniker, Pflegende und Geisteswissenschaftler sitzen in der Bachstraße in einem kleinen Raum unterm Dach zusammen, um gemeinsam eine Antwort zu finden. Immer dann, wenn am…

Photo

News •

Universitätsmedizin Mainz eröffnet Zentrum für Seltene Erkrankungen

Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer seltenen Erkrankung. Als selten gilt eine Krankheit, wenn sie weniger als fünf von 10.000 Personen betrifft. Um die Situation der…

Photo

News • Kardiologie

Fernüberwachung des PA-Drucks senkt kardiales Dekompensationsrisiko

Herzinsuffizienz ist eines der größten gesundheitswirtschaftlichen Themen. Mit geschätzten 26 Millionen Betroffenen hat sie mittlerweile pandemische Ausmaße angenommen. Um die steigende…

Newsletter abonnieren