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Artikel • Gesundheitssysteme im Vergleich

Zwischen Fax und KI: Europas digitale Gesundheitskluft

In Stockholm ordert der Hausarzt Medikamente per Klick. In München surren noch Faxgeräte. Dieser Unterschied ist keine Nebensache – er entscheidet darüber, ob Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen ihr Potenzial entfalten kann. Denn KI-Anwendungen wie algorithmische Diagnoseunterstützung, Predictive Analytics oder automatisierte Bildauswertung setzen funktionierende digitale Infrastrukturen voraus: interoperable Systeme, strukturierte Patientendaten, einheitliche Standards. Digitalisierung ist die Voraussetzung, KI das nächste Ziel. Wie weit europäische Gesundheitssysteme auf diesem Weg sind, zeigt ein Blick auf Deutschland, Skandinavien und Frankreich: drei Länder mit sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen.

Von Michelle Gresbek

Deutschland: Exzellente Forschung trifft auf fragmentierte Strukturen

Auf der KI-Ebene verfügt Deutschland über international anerkannte Forschungsexzellenz. Die Charité Berlin entwickelt mit dem CLAIM-Labor KI-Anwendungen von der Radiologie bis zur Onkologie. Die Medizininformatik-Initiative schafft standardisierte Datenmodelle für deutsche Universitätskliniken und bildet eine wichtige digitale Grundlage für übergreifende KI-Nutzung1. Bereits in 15% der deutschen Arztpraxen kommt KI zum Einsatz2

Zwischen Forschungsexzellenz und klinischer Realität klafft eine Lücke. Im Digitalisierungsgrad europäischer Krankenhäuser liegt Deutschland unter dem Durchschnitt3. 16 Bundesländer mit eigenen medizinischen und datenschutzrechtlichen Regelungen erschweren den interoperablen Datenaustausch. Zeitaufwändige Genehmigungsverfahren und eine zersplitterte Datenlandschaft bremsen die Implementierung4. Im internationalen Innovationsvergleich fällt Deutschland zurück5

Die Bundesregierung versucht gegenzusteuern: Das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) schafft bundesweit einheitliche Rechtsgrundlagen, die elektronische Patientenakte (ePA) ermöglicht strukturierten Zugriff auf Patientendaten, beides Digitalisierungsschritte, die KI-Anwendungen erst möglich machen6. Dennoch bleiben die Investitionen im internationalen Vergleich zu niedrig7

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Skandinavien: Zentrale Infrastrukturen als Wettbewerbsvorteil

Dänemark und Finnland gehen einen anderen Weg: hochgradig digitalisierte, zentralisierte Gesundheitssysteme mit einheitlichen Dateninfrastrukturen. Während der Pandemie nutzten nordische Bürger telemedizinische Konsultationen intensiver als der europäische Durchschnitt. Ein Vorsprung, der auf jahrzehntelanger digitaler Aufbauarbeit beruht8. 

Schweden zeigt, was eine konsequente Digitalisierung ermöglicht. Die zentrale Plattform 1177.se bietet allen Bürgern Zugang zu Gesundheitsinformationen und medizinischen Dienstleistungen, die Zahl digitaler Konsultationen hat sich verdoppelt. Diese flächendeckend verfügbaren, strukturierten Daten sind die Grundlage, auf der KI-Systeme trainiert und eingesetzt werden können9

Finnland hat in den vergangenen Jahren umfassende Reformen im Gesundheitswesen durchgeführt, die auf Konsolidierung und Effizienzsteigerung abzielen. Diese Strukturreformen schaffen bessere Voraussetzungen für digitale Infrastrukturen und KI-Anwendungen. 

Die nordischen Länder profitieren zudem von günstiger, nachhaltiger Stromversorgung, einem entscheidenden Faktor für rechenintensive KI. Große Tech-Konzerne investieren massiv in nordische KI-Infrastruktur, etwa OpenAIs Stargate-Projekt in Norwegen mit ausschließlich erneuerbarer Wasserkraft10. Rechenintensive KI braucht billige Energie. Skandinavien hat sie. 

Aber auch Skandinavien weist Schwächen auf: Internationale KI-Rankings verzeichnen sinkende Positionen für alle nordischen Länder. Die Antwort: Die nordischen und baltischen Staaten gründeten das Nordic AI Center (NAIC), um die regionale Kooperation zu vertiefen und mit globalen Führern Schritt zu halten11

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Blickpunkt: KI in der Medizin

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Frankreich: Staatliche Lenkung und massive Investitionen

Frankreich setzt auf koordinierte nationale Steuerung, auf beiden Ebenen gleichzeitig. Auf der Digitalisierungsebene bietet Mon espace santé allen Bürgern eine einheitliche digitale Gesundheitsplattform. Auf der KI-Ebene sind über tausend KI-Startups aktiv; Mistral AI und andere Erfolgsgeschichten positionieren Frankreich als wichtigen europäischen KI-Hub. Die nationale Strategie für Daten und KI im Gesundheitswesen bündelt beides: umfangreiche staatliche Investitionen und gezielte Forschungsförderung über Inserm, Inria und CEA sowie die Initiative France 203012

Die KI-Infrastruktur wächst rasant. Der Jean-Zay-Supercomputer, einer der ökoeffizientesten in Europa, unterstützt zahlreiche KI-Projekte und Startups13

Der französische Ansatz betont Souveränität, Vertrauen und Innovation. Gesundheitsdaten gelten als strategisches Gut außerhalb der Kontrolle außereuropäischer Unternehmen. Zahlreiche Stakeholder, Krankenhäuser, Startups, Patientengruppen, Behörden, beteiligten sich an Konsultationen zur nationalen KI-Strategie im Gesundheitswesen14

Die französischen Behörden haben Leitlinien für ethische KI im Gesundheitswesen entwickelt. Der Ansatz hat jedoch einen Nachteil: Datenzugang und Zertifizierungen für KI-Systeme gelten als komplex und können sich hinziehen. 

Gemeinsame Herausforderungen trotz unterschiedlicher Wege

Alle drei Länder müssen sich innerhalb des europäischen Regulierungsrahmens bewegen. Der EU AI Act klassifiziert die meisten KI-Systeme im Gesundheitswesen als hochriskant und schreibt strenge Anforderungen vor. Der European Health Data Space ermöglicht den grenzüberschreitenden Zugriff auf Gesundheitsdaten für Versorgung und Forschung15

Diese harmonisierten Rahmenbedingungen schaffen Rechtssicherheit. Manche sehen darin ein Innovationshemmnis, so zeigten sich US-Technologiegiganten zurückhaltend bei der Einführung neuester KI-Modelle in Europa16. Die Kritik: Europa wird zum Regulierer statt zum Innovator. 

Im globalen Wettbewerb klaffen Investitionslücken. Die USA investieren massive Summen in KI-Startups, Europa bleibt zurück. Bei generativer KI ist die Disparität besonders ausgeprägt17

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„KI darf nicht durch übermäßige Regulierungsanforderungen behindert werden“

Wird künstliche Intelligenz (KI) künftig den Menschen ersetzen? Für Prof. Dr. Steffen Augsberg ist das nicht nur unvermeidlich, sondern sogar wünschenswert, zumindest in manchen Bereichen. In seinem Impulsvortrag auf der MEDICA widmete er sich den vielfältigen Aspekten und Herausforderungen von KI im Gesundheitswesen und betonte, dass KI menschliche Mängel durchaus ausgleichen könne.

Best Practices und Lessons Learned

Der Ländervergleich zeigt klare Erfolgsmuster. Skandinaviens zentrale Dateninfrastrukturen ermöglichen schnelle Implementierung und breite Nutzung digitaler Gesundheitsdienste. Die einheitliche Governance reduziert Komplexität und beschleunigt Innovationszyklen. Die Kombination aus nachhaltiger Energieversorgung und günstigen Strompreisen macht nordische Länder zu attraktiven Standorten für rechenintensive KI-Infrastruktur. 

Frankreichs koordinierte nationale Strategie mit massiven staatlichen Investitionen zeigt, wie zentralisierte Planung Innovationsdynamik schaffen kann. Die bewusste Betonung technologischer Souveränität und der Aufbau lokaler Ökosysteme stärken die Unabhängigkeit von außereuropäischen Technologieanbietern. 

Deutschland kämpft mit den Herausforderungen föderaler Systeme bei der Digitalisierung komplexer Sektoren. Die Vielfalt an Regelungen schafft Ineffizienzen und verlangsamt die Implementierung. Gleichzeitig hat Deutschland Stärken in der Grundlagenforschung und bei industriellen KI-Anwendungen. 

Alle drei Ansätze stehen vor der gleichen Aufgabe: Innovationsfreude mit ethischer Verantwortung verbinden. Patienten und medizinisches Personal vertrauen nur durch Transparenz, robuste Governance und nachweisbare klinische Vorteile. 

Der europäische Weg wird eine Synthese verschiedener Ansätze sein. Zentrale Infrastrukturen nach skandinavischem Vorbild, koordinierte Investitionen wie in Frankreich und die Bewahrung hoher ethischer Standards wie in Deutschland könnten gemeinsam ein tragfähiges Modell bilden. Der European Health Data Space schafft die rechtliche Grundlage. Jetzt fehlen die technischen und organisatorischen Voraussetzungen. 


Autorenprofil 

Michelle Gresbek ist Masterstudentin für Management und Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen. Ihre fachjournalistische und wissenschaftliche Arbeit fokussiert sich auf Digitalisierung und KI-Anwendungen im Gesundheitswesen; zu diesen Schwerpunkten hat sie bereits mehrere Fachpublikationen veröffentlicht. 


Quellen: 

  1. Charité (2025). Charité Lab for Artificial Intelligence in Medicine (CLAIM). https://claim.charite.de/ 
  2. Bitkom (2025). KI im deutschen Gesundheitswesen: Aktuelle Erhebung zur Nutzung in Arztpraxen und Krankenhäusern. 
  3. Europäische Kommission (2024). Digital Economy and Society Index (DESI). https://digital-strategy.ec.europa.eu/  
  4. Klauber, J. et al. (2019). Krankenhaus-Report 2019: Das digitale Krankenhaus. Schattauer Verlag. 
  5. Zimmermann, V. (2023). Global Innovation Index 2023. Cornell University, INSEAD, WIPO. 
  6. OECD (2025). Progress in Implementing the EU Coordinated Plan on AI: Germany. https://www.oecd.org/en/publications/progress-in-implementing-the-european-union-coordinated-plan-on-artificial-intelligence-volume-1_6d530a88-en/germany_f00f3020-en.html  
  7. Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence (2024). Artificial Intelligence Index Report 2024. https://aiindex.stanford.edu/  
  8. OECD 2019. The COVID-19 Pandemic and the Future of Telemedicine https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2023/01/the-covid-19-pandemic-and-the-future-of-telemedicine_1c878192/ac8b0a27-en.pdf  
  9. Swecare (2024). The Digital Transformation of Healthcare in Sweden. https://www.healthbysweden.com/the-digital-transformation-of-healthcare/  
  10. Introl (2025). Nordic AI Data Centers: The Renewable Power Advantage. https://introl.com/blog/nordic-ai-data-centers-renewable-power-advantage-guide-2025  
  11. Computer Weekly (2024). Nordic states launch ambitious AI centre regional plan. https://www.computerweekly.com/news/366616444/Nordic-states-launch-ambitious-AI-centre-regional-plan  
  12. French Irish Chamber of Commerce (2025). France's National Strategy on Data and Artificial Intelligence in Healthcare (2025-2028). https://www.franceireland.ie/news/n/news/frances-national-strategy-on-data-and-artificial-intelligence-in-healthcare-2025-2028.html  
  13. NVIDIA (2025). France Bolsters National AI Strategy With NVIDIA Infrastructure. https://blogs.nvidia.com/blog/france-sovereign-ai-infrastructure/  
  14. OECD (2025). Progress in Implementing the EU Coordinated Plan on AI: France. https://www.oecd.org/en/publications/progress-in-implementing-the-european-union-coordinated-plan-on-artificial-intelligence-volume-1_6d530a88-en/france_3e109fb4-en.html 
  15. BfArM (2025). European Health Data Space (EHDS). https://www.bfarm.de/EN/News/events/2025-Health-Data/_node.html  
  16. Kather, J.N. et al. (2025). Overcoming regulatory barriers to the implementation of AI agents in healthcare. Nature Medicine, 31, 3239-3243. https://doi.org/10.1038/s41591-025-03841-1 
  17. Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence (2025). AI Index 2025 – Economy chapter. https://hai.stanford.edu/ai-index/2025-ai-index-report/economy  

09.03.2026

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