Ein Embryo und ein Embryomodell in Rot- und Lilatönen vor einen schwarzen...
Ein direkter Vergleich zwischen einem Embryo (links) und einem auf Stammzellen basierenden Embryomodell, das den embryonalen Stamm darstellt (rechts). Das Beispiel zeigt zwar einen Mausembryo und ein Mausembryomodell, doch lassen sich ähnliche Embryomodelle auch aus menschlichen Stammzellen erzeugen.

© Jesse Veenvliet, MPI-CBG 

News • Stammzell-basierte hSCBEMs

Embryo-Forschung: Ethik jenseits von Checklisten

Vorschlag für integrierte Ethik auf Grundlage eines aktiven Dialogs, um ethisch verantwortungsvolle Forschung mit embryonalen Modellen auf Stammzellenbasis zu ermöglichen.

Ein Team bestehend aus Expertinnen und Experten in der Ethik, des Rechts und der Wissenschaft, darunter Jesse Veenvliet vom Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden, schlägt einen Ansatz zur integrierten Ethik vor, um verantwortungsvolle Forschung im Umgang mit Embryonenmodellen basierend auf menschlichen Stammzellen zu ermöglichen. Auf diese Weise könnten Fortschritte in diesem Bereich gemacht werden, ohne das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gefährden. 

Die Wissenschaftler haben ihr Rahmenwerk im Fachjournal Nature Cell Biology veröffentlicht. 

In der Wissenschaft sorgen ethische Richtlinien dafür, dass Forschung im Einklang mit dem öffentlichen Vertrauen und auf verantwortungsvolle Weise durchgeführt wird. Traditionelle Verfahren zur ethischen Begutachtung funktionieren gut bei Projekten, die etablierten Praktiken folgen, bieten jedoch wenig Flexibilität, wenn unerwartete Herausforderungen, neue Ansätze, oder unvorhergesehene Forschungsrichtungen und Ergebnisse aufreten. Für Forschungsarbeiten, die unbekanntes ethisches Terrain betreten, wie beispielsweise Studien mit Embryomodellen auf Basis menschlicher Stammzellen (hSCBEMs), sind herkömmliche Ansätze zur ethischen Begutachtung daher ungeeignet.

Der Gesellschaft garantiert [unser integriertes ethisches Rahmenwerk], dass wegweisende Forschung verantwortungsvoll erfolgt, wodurch öffentliches Vertrauen aufgebaut und gleichzeitig ein innovatives und wettbewerbsfähiges, aber dennoch verantwortungsbewusstes Forschungsökosystem gefördert wird

Jesse Veenvliet

Aus pluripotenten Stammzellen erzeugte Embryomodelle auf Basis menschlicher Stammzellen (hSCBEMs) sind ein neues, vielversprechendes Instrument zur Erforschung der frühen menschlichen Entwicklung und für den Fortschritt in der biomedizinischen Forschung. Diese Modelle werden immer komplexer und ähneln echten menschlichen Embryonen zunehmend. Die rasanten Fortschritte auf diesem Gebiet stellen eine Herausforderung dar für Ethikkommissionen, die in der Regel eher langsam reagieren, sowie für die Frage, wie schnell sich Gesetze und Vorschriften anpassen können. 

Eine zentrale Herausforderung haben alle neuen, wegweisenden Technologien gemeinsam: Die langfristigen gesellschaftlichen Auswirkungen sind noch unbekannt, da nicht alle Anwendungen und Folgen vorhersehbar sind. Für die hSCBEM-Forschung steht das Vertrauen der Öffentlichkeit auf dem Spiel, wenn bestimmte Entwicklungen als ethisch bedenklich empfunden werden; gleichzeitig könnten voreilige oder unnötig strenge Vorschriften, die auf mutmaßlichen Ängsten oder Bedenken beruhen, vielversprechende wissenschaftliche Fortschritte bremsen, noch bevor deren biomedizinischer Nutzen zum Tragen kommt. Es ist daher wichtig, das richtige Gleichgewicht zu finden, indem Innovationen gefördert werden und gleichzeitig ethische Aspekte und das Vertrauen der Öffentlichkeit berücksichtigt werden. 

In dem kürzlich veröffentlichten Fachartikel schlägt eine internationale Gruppe führender Experten für embryonale Modelle auf Stammzellenbasis und deren ethische und rechtliche Implikationen einen neuen Rahmen vor, um die ethische Bewertung direkt in die hSCBEM-Forschung zu integrieren. Die Veröffentlichung wurde von einem vom Europäischen Innovationsrat geförderten Konsortium namens „Engineered Living Materials“ initiiert, dem unter anderem Forschende des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) in Dresden und der Universität Oslo angehören. Anstatt die ethische Bewertung als reine Formalität oder als externes Urteil zu betrachten, plädieren die Autoren für einen Ansatz der integrierten Ethik. Dieses Ethikmodell sieht während des gesamten Forschungsprozesses aktive, gesellschaftsorientierte Diskussionen zwischen Forschung, Ethik, politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit vor. Ansätze der integrierten Ethik haben sich bereits in Forschungsbereichen etabliert, die eine vergleichbar hohe gesellschaftliche Relevanz und ethische Sensibilität aufweisen, wie beispielsweise die künstliche Intelligenz (KI)

Einer der leitenden und korrespondierenden Autoren des vorliegenden Artikels ist Jesse Veenvliet, Forschungsgruppenleiter am MPI-CBG, dessen Forschungsgruppe „Stembryogenesis“ die Entwicklung in der Petrischale nachbildet, um zu verstehen, wie Embryonen sich selbst aufbauen. „Von unserem integrierten ethischen Rahmenwerk profitieren alle Beteiligten“, erklärt der Experte. „Es hilft Fachleuten aus den Bereichen Ethik und Recht, Wissenschaft aus erster Hand kennenzulernen und die Chancen und Grenzen der Forschung zu verstehen. Es hilft Forschenden, sich in ethischen Fragen zurechtzufinden und sich in politische und gesellschaftliche Debatten einzubringen. Der Gesellschaft wiederum garantiert es, dass wegweisende Forschung verantwortungsvoll erfolgt, wodurch öffentliches Vertrauen aufgebaut und gleichzeitig ein innovatives und wettbewerbsfähiges, aber dennoch verantwortungsbewusstes Forschungsökosystem gefördert wird.“ 

Um eine wissenschaftlich fundierte und ethisch verantwortungsvolle Forschung mit hSCBEMs zu ermöglichen, bietet die integrierte Ethik einen flexiblen, fortlaufenden Rahmen für Forschung, Ethik und Recht. Im Gegensatz zu herkömmlichen ethischen Genehmigungsverfahren fördert sie einen frühzeitigen und offenen Dialog, der dabei hilft, Herausforderungen zu antizipieren, Entscheidungsprozesse zu lenken und Innovation mit Vorsicht in Einklang zu bringen. Vor allem bietet der vorgeschlagene Ansatz einen praktischen Weg, den iterativen, reaktionsfähigen Überwachungs- und Genehmigungsprozess umzusetzen, der in den neuesten hSCBEM-Richtlinien der International Society for Stem Cell Research (ISSCR) empfohlen wird. Durch die Integration kontinuierlicher ethischer Reflexion in die Konzeption und Durchführung von Experimenten macht die eingebettete Ethik ethische Überlegungen transparent und gemeinsam zugänglich, um verantwortungsvolle Forschung zu unterstützen, öffentliches Vertrauen aufzubauen und sicherzustellen, dass die Wissenschaft im Einklang mit gesellschaftlichen Werten weiterentwickelt werden kann. 


Quelle: Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik 

11.04.2026

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