Ein Netzwerk für die Kinderdiabetes

Europäische Referenzzentren für Kinderdiabetes machen sich stark für länderübergreifende Gesundheitsversorgung von Karoline Laarmann

Drei Jahre hat es gedauert, nun wird aus den Bemühungen des von der EU und der Internationalen Kinderdiabetesgesellschaft (ISPAD) unterstützten SWEET-Projekts zur Schaffung von Referenzzentren für Kinderdiabetes endlich Wirklichkeit.

Prof. Dr. Thomas Danne
Prof. Dr. Thomas Danne

Für den Anfang gehen 12 von SWEET zertifizierte Referenzzentren für Kinderdiabetes in Europa an den Start, um gemeinsam und länderübergreifend für eine bessere Gesundheitsversorgung junger Typ 1- und Typ 2-Diabetes-Patienten einzustehen. Prof. Dr. Thomas Danne, Leiter des SWEET-Projekts, Generalsekretär der ISPAD und Chefarzt am Kinderkrankenhaus auf der Bult, Hannover, erläutert im Interview mit European Hospital die wichtigsten Ziele des europaweiten Netzwerks.

Prof. Danne, warum benötigt Europa grenzübergreifende Referenzzentren für Kinderdiabetes?

Momentan herrschen in den internationalen Zentren signifikante Unterschiede in der Qualität der Behandlung von Kinderdiabetes. Nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch einrichtungsübergreifend können die Erfolge bei der Einstellung der Stoffwechselziele wie die optimale Einstellung des HbA1c-Wertes, der Unterzuckerungsrate, Häufigkeit von Ketoazidosen usw. stark variieren. Das kann sozioökonomische Gründe haben, aber auch an unterschiedlichen Behandlungsstrategien liegen. Ein Ziel ist es darum, in Zukunft mehr voneinander zu lernen und herauszufinden, warum manche Zentren beim Erreichen der Stoffwechselziele erfolgreicher sind als andere. Zum anderen möchten wir standardisierte Qualitätssicherungsmaßnahmen einführen, die die Diagnose und Kontrolle von Diabetes Typ 1 und 2 bei Kindern und Jugendlichen verbessern. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir uns mit immer komplexeren und teureren Behandlungsformen konfrontiert sehen. Hier ist vor allem die Technologisierung der Kinderdiabetes-Therapie zu nennen. Mit den Referenzzentren kann eine Grundlage geschaffen werden, diese Behandlungsstrategien auf ihren Nutzen hin zu untersuchen.

Welche länderspezifischen Unterschiede gibt es momentan?

Italienische Zentren sind zum Beispiel sehr erfolgreich, während Großbritannien im internationalen Vergleich nicht so gut abschneidet. Das hängt weniger von der wirtschaftlichen Lage eines Landes ab als von der jeweiligen Gesundheitsversorgung pädiatrischer Patienten mit Diabetes. Die Insulinbehandlung eines Kindes unterscheidet sich deutlich von der eines Erwachsenen, weil die körperliche Entwicklung und auch der Lebensalltag sich stark voneinander unterscheiden. Dennoch gibt es in vielen Ländern keine Kinderdiabetologen, Diabetesberaterinnen oder altersbezogene Schulungsprogramme. Andere Länder wiederrum wie Frankreich haben sehr gute Patientenselbsthilfeorganisationen, die unter anderem viele Schulungsfunktionen übernehmen.

Wie funktioniert das Akkreditierungsverfahren zum Referenzzentrum?

Dazu müssen die Einrichtungen longitudinale Patientendaten von mindestens 150 Patienten vorweisen bzw. ihre Daten regelmäßig in einer elektronischen Gesundheitsakte (EPA) erfassen. In der EPA ist ein System implementiert, dass die Daten anonymisiert auf einen Server lädt, damit sie für Vergleichsanalysen zur Verfügung stehen. Desweiteren werden die Zentren von einem Audit besucht, das sich davon überzeugt, ob alle Qualitätskriterien erfüllt sind. Danach wird der Titel eines Referenzzentrums für drei Jahre vergeben. Nach der Akkreditierung werden die Daten zwei Mal im Jahr in einem Qualitätszirkel untereinander verglichen und diskutiert. Das ist insofern für die Referenzzentren selbst spannend, weil sie sehen können, wo genau sie mit ihren Behandlungsergebnissen im Vergleich zu anderen Zentren stehen.

Welche Forschungsschwerpunkte lassen sich dank der Referenzzentren realisieren?

Sicherlich erleichtern die großen Register Studienvorhaben zu selteneren Diabetesformen wie dem monogenetischen Diabetes. Das ist aber nur ein Aspekt. Wir erwarten zum Beispiel auch, dass die Referenzzentren bei der Entwicklung der Diabetestechnologie eine Vorreiterrolle übernehmen werden. Zum einen in der Telemedizin, aber auch bei der Insulinpumpenbehandlung und den kontinuierlichen Glukosesensoren. Im Rahmen des DREAM-Projekts testen wir bereits den künstlichen Pankreas, der es in Zukunft ermöglichen soll, als eine Kombination aus Insulinpumpe und Glukosesensor über Nacht eigenständig den Stoffwechsel zu regulieren. Die Studie wurde an drei großen Kinderdiabeteszentren in Tel Aviv, Ljubljana und bei uns in Hannover durchgeführt und zeigen bereits erste vielversprechende Ergebnisse. Wir haben bei 7 Patienten in 12 Sitzungen festgestellt, dass der mittlere Blutzucker im Vergleich zur normalen Pumpentherapie von 182 auf 126 mg/dl gesunken ist. Der prozentuale Zeitanteil im Blutzuckerzielbereich (63-140 mg/dl) konnte von 29 % auf 77 % gesteigert werden. Momentan können wir den künstlichen Pankreas noch nicht tagsüber einsetzen, weil der Steuerungsalgorithmus noch zu langsam bei der Erkennung des Blutzuckeranstiegs nach einer Mahlzeit ist. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir dieses Problem gut lösen können, sobald schneller wirkende Insuline erhältlich sind.

Prof. Danne, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Informationen unter http://www.sweet-project.eu/
 

16.06.2011

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