Echtzeit-MRT-Aufnahmen der Lunge eines gesunden Patienten (links) und eines...
Echtzeit-MRT-Aufnahmen der Lunge eines gesunden Patienten (links) und eines Patienten mit der Pompe-Erkrankung (rechts). Gelb-markiert ist das normale Lungenvolumen, rot und lila markiert ist das Lungenvolumen, das bei der Einatmung hinzukommt. Während sich bei dem gesunden Patienten eine regelrechte Zunahme des Lungenvolumens zeigt, ist bei dem Patienten mit der Pompe-Erkrankung nur eine sehr geringe Volumenzunahme beider Lungenflügel zu beobachten.

Abbildungen: UMG / MRT Forschung 

News • Bildgebung zeigt Bewegungsmuster

Echtzeit-MRT erkennt Schluck- und Atemstörungen frühzeitig

Verfahren zeigt geringste Unstimmigkeiten in der Zwerchfellbewegung, die in herkömmlichen Lungenfunktionstests unerkannt blieben

Zwei internationale Studien unter Federführung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) zeigen, dass ein neues Echtzeit-MRT Schluck- und Atemstörungen bei Muskelerkrankungen früher und präziser sichtbar macht. Die Methode analysiert Bewegungen von Schluckmuskulatur und Zwerchfell millisekundengenau und erkennt krankheitsspezifische Muster zuverlässig. So lassen sich Funktionsstörungen oft schon vor ersten Symptomen erkennen – eine wichtige Grundlage für frühzeitige Therapien und personalisierte Behandlungen. Die Ergebnisse sind in den Fachzeitschriften „Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle“ und „MedComm“ veröffentlicht. 

Schlucken und Atmen sind lebenswichtige, hochkomplexe Abläufe, die durch ein Zusammenspiel verschiedener Muskeln gewährleistet werden. Im Falle eines krankheitsbedingten Absterbens oder einer Funktionsstörung von Muskelfasern, kann die Muskelfunktion beeinträchtigt sein. In der Folge kann es zu einer Schwächung oder dem Abbau der Schluck- oder Atemmuskulatur kommen, einhergehend mit Mangelernährung oder Atemschwäche.

Wir können nun bei unterschiedlichen Muskelerkrankungen exakt nachvollziehen, welche Phase des Schluckens gestört ist und welche Muskelgruppen betroffen sind

Rachel Zeng

In einer internationalen Zusammenarbeit unter Federführung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben Forschende eine neue Echtzeit-Magnetresonanztomographie (RT-MRT)-Untersuchung zum Erkennen und Behandeln von Schluck- und Atemstörungen eingesetzt. Die RT-MRT erlaubt es, die komplexen Bewegungsabläufe der am Schlucken beteiligten Muskelgruppen millisekundengenau zu analysieren. So kann überprüft werden, welche Phase des Schluckens gestört ist und welche Muskelgruppen betroffen sind. Eine Untersuchung des Schluckverhaltens von Patienten mit unterschiedlichen Muskelerkrankungen zeigte, dass die Patienten mit der jeweils selben Muskelerkrankung nahezu identische Bewegungsmuster beim Schluckvorgang aufwiesen. Anhand dieser charakteristischen Bewegungsmuster konnten die Schluckstörungen sicher der zugrundeliegenden Muskelerkrankung zugewiesen werden. 

Zudem erlaubten die Aufnahmen, frühzeitig eine sich entwickelnde Schluckstörung bei Patienten zu erkennen, die bisher keine Symptome für diese Störung aufwiesen. Die hochauflösende Darstellung der Atmung mit der RT-MRT ermöglichte ebenfalls eine frühe Identifizierung von Atembewegungsstörungen, da geringste Unstimmigkeiten in der Zwerchfellbewegung, die eine zentrale Rolle bei der Atmung spielt, dargestellt wurden, die in herkömmlichen Lungenfunktionstests unerkannt blieben. Die neue Methode ermöglicht somit gezielte Behandlungsmaßnahmen und einen frühen Therapiebeginn. 

Portraitfoto von Prof. Jens Schmidt
Prof. Dr. Jens Schmidt, Facharzt in der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und Letztautor der Studien

Bildquelle: UMG; Foto: Frank Stefan Kimmel

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir krankheitsspezifische Funktionsmuster deutlich präziser erfassen können als bisher“, sagt Prof. Dr. Jens Schmidt, Facharzt in der Klinik für Neurologie der UMG und Letztautor der Studien. „Das bringt uns einen wichtigen Schritt näher an eine personalisierte Behandlung neuromuskulärer Erkrankungen.“ 

Darüber hinaus bietet die Methode Potenzial zur Analyse physiologischer Bewegungsabläufe bei gesunden Menschen und könnte künftig auch in weiteren medizinischen Bereichen Anwendung finden. 

In der ersten Studie wurde die Schluckfunktion bei Patienten mit Einschlusskörpermyositis sowie okulopharyngealer Muskeldystrophie untersucht. Die Einschlusskörpermyositis ist eine entzündliche Muskelerkrankung unbekannter Ursache. Sie beginnt schleichend und führt in 60% der Fälle zu einer Störung des Schluckvorgangs. Die okulopharyngeale Muskeldystrophie hingegen ist eine seltene, erblich bedingte und langsam voranschreitende Muskelerkrankung, bei der es zu einer Schwächung der Augenlid- und Schluckmuskulatur kommt. Die korrekte Identifizierung der zugrundeliegenden Erkrankung ist ausschlaggebend für die bestmögliche Therapie der Schluckstörung. 

Die RT-MRT zeigte, dass insbesondere die orale Phase des Schluckens, bei der die Nahrung im Mund zerkleinert und zum Rachen transportiert wird, bei den Patienten mit okulopharyngealer Muskeldystrophie deutlich verlangsamt war. Bei den Patienten mit Einschlusskörpermyositis hingegen verlängerte sich vor allem die anschließende pharyngeale Phase, bei der die im Rachen angekommene Nahrung den Schluckreflex auslöst. Zudem zeigte ein Großteil der Patienten, die für die Einschlusskörpermyositis typische Verdickung eines Muskels am Übergang vom Rachen zur Speiseröhre. Ergänzende Gewebeanalysen und eine Ultraschalluntersuchung – ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung der Muskelstruktur – belegten zudem einen für die okulopharyngeale Muskeldystrophie charakteristischen Umbau der Zungenmuskulatur, bei dem funktionsfähiges Gewebe durch Bindegewebe ersetzt wird. In Kombination mit den Gewebe- und Ultraschalluntersuchungen erreichte die RT-MRT eine sehr hohe diagnostische Genauigkeit und unterschied die beiden Erkrankungen zuverlässig voneinander – im Vergleich zu bisherigen Standarduntersuchungen, die diese Unterscheidung nicht leisten konnten. Die Schluckstörung ist ein Symptom der genannten Muskelerkrankungen, die nicht bei allen Patienten auftritt. Anhand der RT-MRT kann frühzeitig überprüft werden, ob bisher nicht betroffene Patienten eine Schluckstörung entwickeln werden. 

„Wir können nun bei unterschiedlichen Muskelerkrankungen exakt nachvollziehen, welche Phase des Schluckens gestört ist und welche Muskelgruppen betroffen sind“, erklärt Dr. Rachel Zeng. „Das verbessert nicht nur die Diagnostik, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten für gezielte Therapien und klinische Studien.“ 

Portraitfoto von Prof. Ali Seif
Prof. Dr. Ali Seif, Direktor des Instituts für Klinische und Interventionelle Radiologie der UMG und ebenfalls Letztautor der Studien

Bildquelle: UMG; Foto: Frank Stefan Kimmel 

In der zweiten Studie stand die Atemfunktion bei Patienten mit der Spätform der Pompe-Erkrankung im Mittelpunkt. Bei dieser Erkrankung ist eine Schwäche des Zwerchfells ein Hauptsymptom. Das Zwerchfell ist ein zentraler Muskel, der den Brust- vom Bauchraum voneinander trennt und entscheidend zur Atmung beiträgt, indem er sich beim Einatmen zusammenzieht, wodurch sich die Lunge mit Luft füllen kann. Die frühzeitige Erkennung dieser Zwerchfellschwäche ist daher entscheidend für die Prognose und den Therapiebeginn. Klassische Lungenfunktionstests bleiben im Frühstadium der Erkrankung häufig unauffällig. 

Die RT-MRT in einer zeitlichen Auflösung von 50 Millisekunden in Kombination mit einer KI-gestützten Bildanalyse ermöglichte eine detaillierte Untersuchung der Zwerchfellbewegung. Neben einer deutlich verringerten Beweglichkeit des Zwerchfells konnten die Forschenden bei der Mehrheit der Betroffenen ein abweichendes Bewegungsmuster des Zwerchfells nachweisen. Zusätzlich wurde bei einigen Patienten eine verlangsamte Bewegung sowie eine gestörte Synchronität zwischen Zwerchfell und Brustkorb festgestellt, obwohl die Lungenfunktionswerte noch im Normbereich lagen. Auch hier war ein Zusammenhang zwischen strukturellen Muskelveränderungen und den funktionellen MRT-Parametern erkennbar. Ein geschwächtes Zwerchfell ist mit einem Lungenfunktionstest meist nicht sofort nachweisbar, da der Brustkorb zu Beginn der Atemstörung die Arbeit des Zwerchfells übernimmt. 

„Besonders eindrucksvoll ist, dass wir Atembewegungsstörungen auf den RT-MRT-Bildern erkennen konnten, bevor sie in der klassischen Lungenfunktionsprüfung messbar wurden“, sagt Prof. Dr. Ali Seif, Direktor des Instituts für Klinische und Interventionelle Radiologie der UMG und Letztautor der Studie. „Das bietet eine echte Chance für einen frühzeitigen Beginn geeigneter Therapien.“ 


Quelle: Universitätsmedizin Göttingen 

21.07.2026

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