Notfall

Der vaskuläre Notfall hat Vorrang

"In der Notfallmedizin werden die Radiologen immer mehr zum Patientenmanager“, weiß Ass.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Wolf Florian, MBA, stellvertretender Leiter der Abteilung für Kardiovaskuläre Bildgebung und Interventionelle Radiologie an der Universitätsklinik für Radiodiagnostik und Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Wien, „seit einigen Jahren ist der Radiologe gefordert, im Schockraum die Initiative zu ergreifen und vaskuläre Notfälle sofort zu lösen.“

Traumatische Aortenruptur, 38-jähriger Mann, Zusammenstoß von Klein-Lkw und...
Traumatische Aortenruptur, 38-jähriger Mann, Zusammenstoß von Klein-Lkw und Motorrad, Hubschrauber – Schockraum-CT. Typische Lokalisation: „Aufhängung“ der Aorta durch das Ligamentum arteriosum 90 Prozent, Aorta ascendens 5 Prozent, Zwerchfellhiatus 5 Prozent.
Traumatische Aortenruptur, 38-jähriger Mann, Zusammenstoß von Klein-Lkw und...
Traumatische Aortenruptur, 38-jähriger Mann, Zusammenstoß von Klein-Lkw und Motorrad, Hubschrauber – Schockraum-CT. Typische Lokalisation: „Aufhängung“ der Aorta durch das Ligamentum arteriosum 90 Prozent, Aorta ascendens 5 Prozent, Zwerchfellhiatus 5 Prozent.

Das bedeutet: Nach einer groben Erstversorgung muss der Patient sofort in die Angiographie gebracht werden. Ganz einfach sei das nicht, räumt der Radiologe ein: „Denn in den anderen Fächern, die mit traumatischen Blutungen zu tun haben, ist noch nicht ganz angekommen, was die Radiologie im Fall von lebensbedrohlichen Gefäßverletzungen zu leisten imstande ist.“

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit wurden lebensgefährliche Gefäßverletzungen chirurgisch saniert. Bei einer Aortenruptur nach einem Dezelerationstrauma (zum Beispiel infolge eines Verkehrsunfalls) musste der Brustkorb des Patienten von oben bis unten aufgeschnitten werden und das betroffene Stück der Aorta unter einem künstlichen Herzstillstand ersetzt werden. Nierenblutungen (etwa nach einer Stichverletzung) endeten bei einer operativen Behandlung in vielen Fällen mit einer Nephrektomie, einer Nierenentfernung. Heute ist das anders. „Traumatische Blutungen kann man heute wahnsinnig elegant und einfach auf interventionell-radiologische Weise lösen. Vom Aufwand und der Invasivität liegen Welten zwischen einer Operation und einem interventionell-radiologischen Verfahren“, bekräftigt Wolf.

Heute wird bei einem Abriss der Brustschlagader die Leiste freigelegt und über diesen Zugang ein Stentgraft unter Sicht bis zur Aorta hinaufgeschoben und an der Stelle der Ruptur abgesetzt. Das ist eine Sache von zehn bis 15 Minuten. Auch bei einer Blutung im Becken werden über die Leiste mittels eines Mikrokatheters kleine Metallspiralen an die verletzte Stelle geführt und damit der Blutzufluss gestoppt (Coilembolisation). Wenn es nicht möglich ist, nah genug an die Blutung heranzukommen, wird das zuleitende Gefäß mit einem Kleber verschlossen. Bei einer Nierenblutung wiederum verschließt der interventionelle Radiologe lediglich eine kleine Subsegmentarterie – und die Niere ist praktisch unversehrt. „Für die Patienten sind all diese Verfahren ein riesiger Gewinn“, unterstreicht Wolf.

Voraussetzung dafür ist allerdings eine vorherige Diagnostik mittels Computertomographie in entsprechender Qualität. „Eine 08/15-CT mit wenig Kontrastmittel und wenigen, dicken Schichten erlaubt es in vielen Fällen nicht, traumatische Blutungen tief im Inneren des Körpers zu diagnostizieren“, betont Wolf. Aber bereits ein 16-Zeilen-Computertomograph ermöglicht eine ausreichende Diagnostik. Die Schockräume der österreichischen Schwerpunktkrankenhäuser sind zumindest mit solchen Geräten oder mit moderneren 64-Zeilern ausgestattet. Dort landet der Patient direkt vom Rettungswagen oder vom Rettungshubschrauber auf dem CT-Tisch und wird dort innerhalb weniger Sekunden von oben bis unten gescannt.

„Ganz wichtig ist, dass es ein Untersuchungsprotokoll gibt, das auf die Detektion traumatischer Blutungen abgestimmt ist“, sagt Wolf. Im Optimalfall sei das eine Nativserie ohne Kontrastmittel, eine arterielle Serie, bei der bolusgetriggertes Kontrastmittel in die Vene injiziert wird und der Scan durchgeführt wird, sobald dieses in die Arterie kommt, und schließlich eine dritte Serie ungefähr 60 Sekunden später, um die Dynamik abzubilden.

Ein Problem allerdings ist, dass nicht in allen Krankenhäusern interventionelle Radiologen rund um die Uhr im Dienst sind, die ein mögliches vaskuläres Problem sofort lösen können. „Für die Patienten wäre es optimal, wenn ein interventioneller Radiologe in jedem Krankenhaus 24 Stunden am Tag verfügbar wäre“, wünscht sich Wolf, „und wenn nicht, muss dafür gesorgt sein, dass vaskuläre Notfälle so rasch wie möglich in ein Zentrum gebracht werden, wo es einen interventionellen Radiologen gibt.“


PROFIL:
Ass.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Florian Wolf, MBA, EBIR, EBCR, ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Kardiovaskuläre Bildgebung und Interventionelle Radiologie an der Universitätsklinik für Radiodiagnostik und Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Wien. Seine Schwerpunkte liegen in der kardiovaskulären und onkologischen Bildgebung sowie der interventionellen Radiologie (vaskulär und nichtvaskulär). Des Weiteren betreut er am Wiener Allgemeinen Krankenhaus die Unfallchirurgie im Rahmen der Akutversorgung durch interventionelle Akuteingriffe (vor allem Embolisation von Blutungen und Versorgung von traumatischen Aortenrupturen). Der Radiologe, der Studium und Facharztausbildung in Wien absolvierte, ist Mitglied zahlreicher Fachgesellschaften und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

Veranstaltungshinweis:
Raum: Europa-Saal
Samstag, 3. Oktober 2015, 09:30–09:50 Uhr
Traumatische Blutungen – Diagnostik und Therapie
F. Wolf, Wien/Österreich
HS 5 – Vaskulärer Notfall: Diagnostik und Therapie

25.09.2015

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