Aufgeprallt

Jedem Land sein Trauma: Amerika schießen, Europäer bauen Unfälle

Die Behandlung von Trauma-Patienten ist ein zeitkritisches und diagnostisch komplexes Geschehen. In kürzester Zeit muss die richtige Diagnostik und adäquate Behandlung eingeleitet werden. Nach Schädel und Thorax steht für Prof. Dr. Hermann Helmberger, Chefarzt des Zentrums für Radiologie am Klinikum Dritter Orden in München, der Bauchraum auf Platz 3 der Prioritätenliste bei der Trauma-Versorgung.

Prof. Dr. Hermann Helmberger, Chefarzt des Zentrums für Radiologie am Klinikum...
Prof. Dr. Hermann Helmberger, Chefarzt des Zentrums für Radiologie am Klinikum Dritter Orden in München.

In seinem Vortrag erläutert er, wie bei abdominellen Traumata im Notfall zu verfahren ist. Denn akute Blutungen können schnell zu einer lebensbedrohlichen Situation führen, aber auch eventuell später auftretende Folgeerscheinungen dürfen nicht vernachlässigt werden.

Während in den Vereinigten Staaten vor allem Patienten mit Schuss- und Stichverletzungen eingeliefert und in der Fachliteratur beschrieben werden, treten in Deutschland und Europa abdominelle Traumata gehäuft bei Verkehrsunfällen auf. Trauma ist dabei ein weiter Begriff: „Von Menschen, die über den Fahrradlenker fallen bis zu solchen, die sich mit 200 Sachen auf der Autobahn zerlegen, gibt es die ganze Bandbreite“, so Helmberger aus Erfahrung.

Meistens werden diese Patienten in eine Klinik eingeliefert, die einem Trauma-Netzwerk angehört und die ein definiertes Diagnose-Schema verfolgen. In der Regel beginnt die Diagnostik mit einer Ultraschalluntersuchung im Schockraum. Sollte sich der Ultraschall nicht als komplett unauffällig erweisen oder eine eindeutige Diagnose gewährleisten, erfolgt die CT-Untersuchung. „Viele Probleme im Bauchraum bleiben sonst unerkannt“, warnt Helmberger, „ und man wiegt sich zu schnell auf der sicheren Seite.“

Besondere Eile ist dann geboten, wenn etwa ein Gefäß beschädigt ist und sofort interveniert werden muss. Während man früher schnell zum Skalpell griff, werden Lecks heute eher radiologisch-interventionell behandelt. „Oft sind kleine Seitenäste von Gefäßen eingerissen, die man mit Mikrokathetern aufsucht und behandelt“, berichtet der Radiologe.

Im Anschluss an die Primärdiagnostik müssen insbesondere mögliche zweizeitige Verletzungen berücksichtigt werden. Ein Klassiker dabei sind Verletzungen der Milz, aber auch Leber, Pankreas und Niere können betroffen sein. „Der Patient bleibt eine gewisse Zeit stabil und nach einigen Stunden ereignet sich aus unterschiedlichsten Gründen eine Perforation, die zu starken Blutungen und damit einer kritischen Situation führt.“ Eine engmaschige Überwachung ist daher unerlässlich; in welcher Form sie erfolgt, ist abhängig vom Gesamttrauma: Liegt etwa eine Schädelverletzung vor, steht diese im Vordergrund. Ein probates Mittel der Kontrolle abdomineller Traumata ist die regelmäßige laborchemische Untersuchung, um einen Blutverlust rechtzeitig zu erkennen. Doch nicht alle Parameter lassen sich damit abklären, wie etwa bei der Milz. „Ist die Kapsel noch intakt, tamponiert sich die Blutung in einigen Fällen selbst“, berichtet Helmberger. Bei einer Ruptur der Kapsel ergießt sich das Blut dagegen in die Bauchhöhle.

Um den Durchbruch der Milz zu verhindern, wurde in der Vergangenheit das Organ im Zweifelsfall entfernt, berichtet Helmberger. Doch hat inzwischen ein Sinneswandel stattgefunden und man versucht heute, das Organ zu erhalten. Denn es ist durchaus möglich, nur Teile zu entfernen oder möglicherweise auch zu nähen. „Bei der Leber hat man sich mit der Resektion schon immer zurückgehalten.“ Gleiches gilt für das Pankreas. Pankreas-Enzyme und Insulin können zwar substituiert werden, doch gilt: „Eine Entfernung ist nicht ganz ohne“, so Helmberger.

Darmzerreißungen treten in der Regel nur bei schweren Traumata auf, bei einem Verkehrsunfall kommt es eher zum so genannten Schockdarm. Dabei werden Teile des Darms nicht mehr durchblutet und als Folge nekrotisch. Zum Glück kann in manchen Fällen die Resektion verhindert werden, wenn es gelingt, die Blutzufuhr operativ wieder herzustellen.

Zwar stehen beim Trauma die Blutungen im Vordergrund, aber auch weitere mögliche Verletzungen müssen bedacht werden: So können in der Leber nicht nur Blut- sondern auch Gallegefäße einreißen, so dass Gallenflüssigkeit in die Bauchhöhle austritt. Da dies ein langsamer Prozess ist, macht sich das manchmal auch erst nach Tagen symptomatisch bemerkbar. Als weitere lebensbedrohliche Komplikationen drohen Bauchfellentzündung und Sepsis. Und immer wieder gerne übersehen werden laut Helmberger auch Verletzungen des Zwerchfells. Diese können zu Hernien führen, die die Funktion des Zwerchfells, als Abgrenzung zwischen Thorax- und Bauchraum zu dienen, beeinträchtigen. Kurz und gut: Helmberger rät im Zweifelsfall auf die CT zurückzugreifen, in den kritischen ersten 24-Stunden eine engmaschige Überwachung vorzunehmen sowie in den ersten Tagen den Patienten gut zu beobachten. Denn: „Die Trauma-Versorgung schaut einfach aus, ist aber ein sehr komplexes Geschehen mit etlichen Fallstricken.“


PROFIL:
Prof. Dr. Hermann Helmberger ist Chefarzt der Abteilung für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Nuklearmedizin im Klinikum Dritter Orden und am Zentrum für Radiologie und Nuklearmedizin Nymphenburg, München. Helmberger arbeitete zuerst als Assistenzarzt am Krankenhaus Nymphenburg und dann am Klinikum rechts der Isar. Bevor er seine aktuellen Tätigkeiten aufnahm, war er von 1996 bis 2000 Oberarzt und dann Leitender Oberarzt und Direktorenvertretung am Institut für Röntgendiagnostik. 2012 war Helmberger Kongresspräsident des Deutschen Röntgenkongresses in Hamburg.

Veranstaltungshinweis:
Europa Saal
Freitag, 02. Oktober 2015: 14:00-14:20
Abdominelles Trauma
H. Helmberger, München/DE
HS 3 – Notfall Abdomen

01.10.2015

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