Der Ultraschall als Stethoskop

Bei Früh- und Neugeborenen können fast alle Erkrankungen mit Ultraschall diagnostiziert werden

Prof. Deeg beim schallen eines Neugeborenen durch die Fontanellen
Prof. Deeg beim schallen eines Neugeborenen durch die Fontanellen

„Ultraschall ist das Diagnostikum der ersten Wahl im Kindesalter, denn es ist nicht schädlich, tut nicht weh und ist beliebig oft einsetzbar. Aufgrund der Besonderheiten des kindlichen Körpers kann das Verfahren vielseitiger angewendet werden als beim Erwachsenen. Insbesondere bei kleinen Kindern sind die Dimensionen für den Ultraschall ideal, denn das Problem in große Tiefen oder durch Fettschichten gelangen zu müssen, gibt es hier nicht“, erklärt Prof. Dr. Karl-Heinz Deeg, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche der Sozialstiftung Bamberg.

Dies gilt auch und gerade für die Bildgebung des kindlichen Zentralnervensystems (ZNS). Denn ähnlich wie bei der Hüfte sind die für die Neurosonographie relevanten Bereiche noch nicht vollständig verknöchert. „Beim Hirn sind die Fontanellen in den ersten Lebensmonaten noch offen, d.h. wir haben akustische Fenster, durch die wir mit dem Ultraschall wunderbar reinschauen können. Analog verhält es sich bei der Wirbelsäule, so sind die Wirbelbögen in den ersten Wochen des Lebens noch nicht vollständig verknöchert, so dass man das Rückenmark beim Säugling sehr gut darstellen kann“, erklärt Deeg, der von 1992 bis 2004 Vorsitzender der pädiatrischen Sektion der DEGUM war. Die Limitationen sind durch das Alter gesetzt, so funktioniert die Neurosonographie nur bei Früh- und Neugeborenen, Säuglingen und ganz jungen Kleinkindern. Die Fontanellen schließen sich zwischen dem 6. und 24. Lebensmonat unterschiedlich schnell und meist zu einem späteren Zeitpunkt als die Wirbelkörper verknöchern. Prinzipiell gilt, je jünger das Kind ist, desto günstiger ist dies für Ultraschallaufnahmen. „Bei einem Kind von 18 Monaten sind die Untersuchungen nicht mehr mit der gleichen Qualität möglich wie im Säuglingsalter. Bei Neugeborenen und jungen Säuglingen ist die Sonographie durchaus der MRT ebenbürtig“, schildert der Chefarzt. Er sieht die Notwendigkeit einer MRT nur bei etwa 1-2% der Kinder, etwa dann, wenn Stoffwechsel- oder Durchblutungsstörungen vorliegen oder wenn zwischen grauer und weißer Substanz differenziert werden muss.

Die embryonale Entwicklung von Gehirn und Rückenmark sind kompliziert und anfällig für eine Vielzahl von Fehlentwicklungen. Schwellungen am Rücken, ein Blutschwamm in der Mittellinie und Pigmentanomalien oder Hautdefekte können ein Hinweis auf eine spinale Fehlbildung sein. Grundsätzlich können bedrohliche Fehlbildungen des zentralen Nervensystems, die oft mit einer schweren Entwicklungsstörung einhergehen, alle sonographisch abgeklärt werden. Dazu gehört z.B. auch der Hydrozephalus, der Wasserkopf. „Ganz unreife Frühgeborene erleiden häufig Hirnblutungen, die die Ursache für einen späteren Wasserkopf sind. Die Sonographie erlaubt es, auch beatmete Kinder zu untersuchen und zu beurteilen, wie stark die Liquorräume erweitert sind. Bei progredienter Erweiterung kann entschieden werden, wann eine Liquorableitung durchgeführt werden muss.

Für die zweidimensionale Darstellung der Anatomie eignen sich am besten hochauflösende Sektorschallköpfe. Mit Hilfe der Dopplersonographie kann der Untersucher besser als im zweidimensionalen Ultraschall erkennen, ob das Kind einen gesteigerten Schädelinnendruck hat und eine therapeutische Intervention nötigt wird. Wenn beim Hydrocephalus keine Ableitung des überschüssigen Nervenwassers erfolgt, hat dies gleich mehrfach negative Folgen: Das nicht komprimierbare Wasser drückt auf das Gehirn und die Hirngefäße und beeinflusst die Blutströmung in den Hirngefäßen. Das führt einerseits dazu, dass Nervenfasern reißen mit der Folge einer mechanischen Schädigung des Hirns, andererseits zur Kompression der Hirngefäße mit der Konsequenz mangelnder Durchblutung. Während früher für die Beurteilung ein CT erforderlich war, operieren die Neurochirurgen heute allein aufgrund des Ultraschallbefundes.

Screening der Hirnbasisarterien deckt Risikokinder für plötzlichen Kindstod auf

Die intensive Beschäftigung mit der Dopplersonographie im Säuglingsalter führte Deeg zu der Annahme, dass eine Minderperfusion des Hirnstamms während Kopfrotation für den plötzlichen Kindstod (SID) verantwortlich sein könnte: „Mitte der 90er Jahre hatten wir ein Kind in der Klinik, bei dem die Flussgeschwindigkeiten in den Hirnbasisarterien bei Kopfdrehung zur Seite stark abgefallen sind, ohne dass wir uns das erklären konnten. Dieses Kind hatte Atempausen und Abfälle in der Herzfrequenz. Das brachte mich auf die Idee, dass die Minderperfusion der Arteria basilaris während der Kopfrotation die Ursache des plötzlichen Kindstods sein könnte“, erinnert sich der Studienleiter. In Bamberg wurde daraufhin das einzigartige Programm entwickelt, alle Neugeborenen routinemäßig mit der Dopplersonographie zu untersuchen; inzwischen sind es über 25.000 Kinder. Das Ergebnis: Bei etwa drei Promille (3 von 1000) der Untersuchten ist die Blutströmung bei der Kopfdrehung abgefallen. „Diese Säuglinge haben ein erhöhtes Risiko, am plötzlichen Kindstod zu versterben. Deshalb lernen die Eltern die Lagerung des Kindes, bei der die pathologischen Blutströme auftreten können, zu vermeiden. Zusätzlich werden die kleinen Patienten mit einem Herz-Atemmonitor versorgt. Auf diese Weise konnten wir die Fälle des plötzlichen Kindstodes drastisch reduzieren. Bei 25.000 Kindern erleiden statistisch gesehen zwischen 15-20 Kinder einen plötzlichen Kindstod, von den von uns untersuchten Kindern verstarb aber nur eines an SID“, resümiert Prof. Deeg.

Vier gute Gründe für Ultraschall bei Früh- und Neugeborenen:

1. Es wird keine Sedierunggebraucht

2. Der Patient muss nicht zumGerät transportiert werden

3. Der Patient kühlt nicht aus

4. Ultraschall ist um ein Vielfaches billiger als die Schnittbildverfahren
 

Im Profil:
Prof. Dr. med. Karl-Heinz Deeg leitet seit 1990 die Klinik für Kinder und Jugendliche in Bamberg und ist seit 1995 außerplanmäßiger Professor der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg (FAU). Das Studium der Humanmedizin absolvierte Deeg an der FAU ebenso wie seine Facharztausbildung zum Kinderarzt und Kinderkardiologen. Für seine Habilitation über die zerebrale Dopplersonographie im Säuglingsalter erhielt er den Jacques-Lefebvre-Award der European Society of Pediatric Radiology. Von 1992 bis 2004 leitete er als Vorsitzender die pädiatrische Sektion der DEGUM. Für das Dopplersonographische Screening der Blutströmung gegen den plötzlichen Kindstod wurde er 2010 mit dem Wissenschaftspreis der DEGUM geehrt.

17.10.2013

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