MSK-Diagnostik

Den Teufelskreis Schmerz durchbrechen

Fast 50 Milliarden Euro direkte und indirekte Krankheitskosten werden nach Schätzungen des Spitzenverband Bund der Krankenkassen jährlich durch das Volksleiden Rückenschmerz verursacht.

Bericht: Karoline Laarmann

Das sind 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts! Nicht nur der behandelnde Arzt, auch die Wirtschaft hat daher ein großes Interesse daran, die Betroffenen schnell wieder fit zu machen. Der Neuroradiologe ist nicht nur in der Lage hier diagnostisch, sondern auch therapeutisch tätig zu werden. Für welche Kreuzschmerzpatienten eine Intervention in Frage kommt, berichtet Prof. Dr. Tobias Engelhorn, Leitender Oberarzt in der Neuroradiologischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen.

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Prof. Dr. Tobias Engelhorn ist Leitender Oberarzt in der Neuroradiologischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen.

Zunächst einmal erklärt Prof. Engelhorn jedoch, für wen die Intervention nicht gedacht ist: „98 Prozent der Rückenbeschwerden sind myofaszial bedingt und selbst limitierend. Abwarten ist hier die beste Therapie. Allerdings werden Kreuzschmerzpatienten hierzulande sehr rasch einer radiologischen Untersuchung zugeführt. Im Vergleich zu anderen Ländern wie Großbritannien, in denen man mit einer Bildgebung weniger schnell bei der Hand ist, bekommen Patienten in Deutschland nach einer CT- oder MR-Diagnostik dreimal häufiger eine Operation angeboten. Das liegt daran, dass sich bei mehr als der Hälfte der Patienten über 50 Jahre deutliche degenerative Veränderungen der Wirbelsäule finden lassen. Diese sind in den allermeisten Fällen harmlos und haben gar nicht mit den eigentlichen Problemen des Patienten zu tun. Das bedeutet, in vielen Fällen wird nicht das klinische Bild, sondern der radiologische Befund behandelt.“

Ein Großteil der Patienten ist danach bis zu sechs Wochen beschwerdefrei oder spürt zumindest eine erhebliche Linderung

Tobias Engelhorn

Bei Bandscheibenvorwölbungen mit Nervenkompression und Wurzelsyndrom bietet die CT-gesteuerte Schmerztherapie Abhilfe. Dabei wird mit einer dünnen Nadel unter computertomografischer Sichtkontrolle gezielt eine Mischung aus Schmerzmittel und abschwellenden Medikamenten an die betroffene Stelle appliziert. Gerade bei Patienten mit einem Bandscheibenvorfall, die erst einmal abwarten und nicht operiert werden möchten, bietet sich dieser minimal-invasive Eingriff an. Aber auch degenerative knöcherne Veränderungen wie eine Arthrose oder eine durch Arthrose bedingte Entzündung der kleinen Wirbelgelenke (Facettenarthrose) lassen sich so schonend und effektiv behandeln. „Der Vorteil ist, dass der Patient nicht Unmengen an Schmerzmittel schlucken muss, sondern das Medikament in Depotform an den Nerv oder die knöcherne Struktur herangespritzt wird“, erläutert der Leitende Oberarzt aus Erlangen. „Ein Großteil der Patienten ist danach bis zu sechs Wochen beschwerdefrei oder spürt zumindest eine erhebliche Linderung. Dies hilft dem Patienten aus dem Teufelskreis Schmerz herauszukommen und etwa Fehlhaltungen, die wieder neue Schmerzen provozieren, zu vermeiden.“

Stabilisierung einer akuten osteoporotischen Wirbelkörperfraktur mittels...
Stabilisierung einer akuten osteoporotischen Wirbelkörperfraktur mittels Vertebroplastie. Entscheidend für den Erfolg ist die möglichst frühe Durchführung (am besten innerhalb der ersten beiden Wochen). Die Flachdetektor-CT (FDCT, Angio-CT) ermöglicht dabei eine optimale Planung des Zugangs, Kontrolle der Kanülenlage im Wirbelkörper und der Zementverteilung.

Zwar gehört die CT-gesteuerte Schmerztherapie sowohl im klinischen als auch im niedergelassenen Bereich zu den regelmäßigen neuroradiologischen Routineeingriffen, jedoch wird die Inanspruchnahme dieser Leistung durch eine 2013 in Kraft getretene Zuweiserregelung des Bewertungsausschusses der Ärzte erschwert. Demnach muss die Zuweisung zum Neuroradiologen durch einen spezialisierten Schmerztherapeuten erfolgen.

Doch nicht nur Medikamente lassen sich CT-gesteuert im Bereich der Wirbelsäule injizieren, sondern auch Knochenersatzmaterial. Bei einer perkutanen Vertebroplastie wird Knochenzement in gebrochene oder eingefallene Wirbelkörper eingebracht, um sie wieder aufzubauen und zu stabilisieren. Das Verfahren kommt vor allem bei älteren Patienten mit Osteoporose oder bei Krebspatienten mit Metastasen in den Wirbelkörpern zum Einsatz. „Wenn die Metastase den Knochen so zerfressen hat, dass der Wirbel droht, vollständig einzustürzen, dann können wir mithilfe dieses Verfahrens verhindern, dass der Patient in Folge einen Querschnitt erleidet oder die Knochenfragmente das Rückenmark drücken. Da der Eingriff in der Regel unter Lokalanästhesie stattfindet, erspart er dem Patient zudem mögliche Risiken, die mit einer Operation in Vollnarkose zusammenhängen. Außerdem behandelt das Ausfüllen mit Zement auch die Schmerzen durch den Tumor. Wir können zwar nicht heilen, aber zumindest lindern.“


Profil:

Prof. Dr. Tobias Engelhorn ist Leitender Oberarzt in der Abteilung für Neuroradiologie am Universitätsklinikum Erlangen. Er studierte in Heidelberg, erhielt seine radiologische Facharztausbildung am Universitätsklinikum Essen in der Allgemeinradiologie und Neuroradiologie und habilitierte in der Diagnostischen Radiologie mit Schwerpunkt Neuroradiologie. Engelhorn ist u.a. Träger des Kurt-Decker-Preis 2002 der DGNR. Im Jahr 2009 erhielt er die Schwerpunktanerkennung für Neuroradiologie und wurde 2012 zum außerplanmäßigen Professor bestellt.


Veranstaltungshinweis:

Freitag, 10.11.2017, 9:00 – 10:00 Uhr

Degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule

Prof. Dr. Tobias Engelhorn, Erlangen

Session: Neuroradiologie I (mit TED)

Congress-Saal

09.11.2017

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