Kontrastgestützte Abdomen CT mit Nachweis einer inkarzerierten Narbenhernie...
Kontrastgestützte Abdomen CT mit Nachweis einer inkarzerierten Narbenhernie mit Dünndarm-Ileus nach laparoskopischer Sigmaresektion.

Akuter Abdomen

Darm in Not: Wir brauchen die CT statt konventionelles Röntgen

Die Differentialdiagnose des akuten Abdomens gilt immer als medizinischer Notfall. Da potenziell Lebensgefahr besteht, bedarf es daher einer schnellen und klar strukturierten Diagnostik. „Es ist unsere Aufgabe als Radiologen zu prüfen, ob ein sofortiges operatives Eingreifen notwendig ist; wir müssen uns deshalb auch das entsprechende Rüstwerkzeug für eine solche Notfalldiagnostik erarbeiten“, sagt Prof. Dr. Andreas G. Schreyer, Direktor des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB).

Report: Sascha Keutel

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Prof. Dr. Andreas G. Schreyer, Direktor des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB).

„Der akute Abdomen macht den Großteil des Notfallgeschäfts einer Klinik aus. Die meisten Erkrankungen basieren dabei auf pathologischen Veränderungen im Darm“, weiß Schreyer aus Erfahrung. „Erstaunlicherweise wird bei 20 bis 30 Prozent aller Patienten keine Diagnose gestellt, das akute Abdomen bessert sich ohne Therapie und die Betroffenen verlassen das Krankenhaus gesund. Die restlichen 70 bis 80 Prozent abzudecken ist unsere oberste Aufgabe als Radiologen.“

Dafür sollten Radiologen die typischen Darmmuster wie Darmwandverdickung, Kontrastierungsmuster oder Zeichen von Darmtorsionen sowie die radiologischen 'Zeichen' kennen, dank derer sich die Differentialdiagnosen einengen lassen. „Nur so können wir im Kontext der klinischen Patienteninformation zusammen mit dem Chirurgen zu einem echten, klaren Befund kommen“, stellt Schreyer fest.

Am häufigsten unter den abdominellen Notfällen tritt laut Schreyer die Appendizitis auf, sie macht rund 30 Prozent der Fälle aus. Die Dünndarm-Obstruktion schlägt mit 5 Prozent zu Buche und das perforierte Ulkus oder die freie Luft machen etwa zwei bis drei Prozent der Fälle aus. Weitere zwei Prozent der akuten Notfälle gehen auf das Konto der Divertikulitis, die hauptsächlich im Dickdarm auftritt.

„Die Übersichtsaufnahme ist ein trainierter Automatismus …“

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Direkter Nachweis eines Verschlusses der A. mesenterica superior bei akuter mesenterialer Ischämie (Coronar rekonstruierte kontrastgestützte Angio-CT des Abdomens)

Zur raschen Differenzierung der manchmal lebensbedrohlichen Ursachen ist die Bildgebung wegweisend. Chirurgen möchten wissen, wo sich die Pathologie genau befindet und ob sie eine akute, eine subakute oder keine Operation durchführen müssen. Die Erstabklärung durch konventionelles Röntgen hält Schreyer in diesen Fällen allerdings für eine veraltete Herangehensweise. „Die klassische Übersichtsaufnahme des Abdomens wird meiner Ansicht nach aus traditionellen Gründen noch viel zu häufig durchgeführt, ohne dass sie relevante Ergebnisse erbringt“, kritisiert Schreyer. „Die CT ist eigentlich die Methode, mit der ich in der Akutsituation die beste, sensitivste und spezifischste Aussage treffen kann.“

In der abdominalen Bildgebung lassen sich schon mit geringer Strahlendosis schnell, hochaufgelöste CT-Aufnahmen anfertigen und so beispielsweise Appendizitis und Divertikulitis gut untersuchen. Auch kann der Radiologe dank Bildgebung der Gefäßverschlüsse gut erkennen, ob ein Darminfarkt vorliegt und wie weit er eventuell fortgeschritten ist. Insbesondere bei nicht ansprechbaren oder unkooperativen, aber auch älteren und übergewichtigen Patienten hat die CT Vorteile gegenüber der traditionellen Technik, so Schreyer. „Ich denke, wir machen uns als Radiologen unglaubwürdig, wenn wir uns Techniken bedienen, für die es nur wenige Indikationen gibt und die insgesamt auch nur geringe klinischen Konsequenz haben.“

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Coronare Rekonstruktion eines Abdomen CT mit Nachweis von geringen Mengen freier retroperitonealer Luft bei perforiertem Duodenalulcus.

Die Erstabklärung mit der konventionellen Röntgenaufnahme habe zwar in bestimmten Fällen noch ihre Berechtigung, sie sei aber längst kein Standard mehr. „Die Übersichtsaufnahme ist ein trainierter Automatismus, den wir als Radiologen aus der Vergangenheit mitschleppen, weil es in unserer Ausbildung so gemacht wurde. Diese Routinen lassen sich nur durch wissenschaftliche Studien, eine gewisse Beharrlichkeit bei Vorträgen oder auch in Gesprächen mit Studierenden und jungen Kollegen ändern“, ist Schreyer überzeugt. Gleichzeitig gelte es auch, andere Fachgesellschaften zu überzeugen, da auch sie der konventionellen Röntgendiagnostik oft noch einen zu hohen Stellenwert einräumen.

Profil:
Prof. Dr. Andreas Schreyer, MHBA, leitet seit Februar 2019 das Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie am Klinikum Brandenburg und hat seit April 2019 den Lehrstuhl Radiologie der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB). Zuvor war er als stellvertretender Direktor der Radiologie am Universitätsklinikum Regensburg tätig. Schreyer war zwei Jahre lang MRI Research Fellow an der Harvard Medical School in Boston. Nach der Habilitation in Radiologie im März 2007 wurde er im Juni 2011 von der Universität Regensburg zum außerplanmäßigen Professor berufen. Im September 2009 legte er an der Universität Erlangen/Nürnberg seinen Master of Health Business Administration ab.

07.11.2019

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