Bildquelle: Unsplash/Erik Odiin

Fokussierung der Teststrategie gefordert

COVID-Tests für Reiserückkehrer: Experten sehen Labore am Limit

Die Akkreditierten Labore in der Medizin – ALM e.V. halten eine Anpassung der Teststrategie für Reiserückkehrer, wie in der Schaltkonferenz der Landesminister mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigt, für dringend erforderlich.

Kostenlose Corona-Tests für Urlauber bei der Einreise nach Deutschland soll es demnach nach Ende der Sommerreisesaison nicht mehr geben. Außerdem soll die erst kürzlich eingeführte Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten abgeschafft werden. „Hier reicht es keinesfalls, das Ende der Sommerferien abzuwarten“, sagt Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender des ALM e.V. und mahnt: „In Berlin sehen wir beispielsweise gerade jetzt eine deutliche Steigerung der Testzahlen – und das, obwohl die Schule hier bereits vor zwei Wochen wieder begonnen hat.“

Sollten jetzt noch weitere regionale Ausbrüche hinzukommen, wird uns das in die Knie zwingen

Jan Kramer

Die Zahlen sprechen für sich: Die wöchentliche Datenanalyse des ALM e.V., an der bundesweit 153 Labore, davon etwa ein Drittel außerhalb des Verbands, teilgenommen haben, zeigt in der vergangenen 34. Kalenderwoche erneut einen drastischen Anstieg der SARS-CoV-2-PCR-Tests – und zwar auf 889.815 (+17 Prozent). Der Rückstau an Tests am Montagmorgen, die nicht in der üblichen Zeit bis Sonntagabend ausgewertet werden konnten, beträgt mittlerweile 25.327 – eine deutliche Steigerung im Vergleich zur Vorwoche. Ein erheblicher Anteil dieses Rückstaus kommt aus den Einsendungen von Freitag bis Sonntag. Die Positivrate bleibt mit 0,9 Prozent annähernd gleich.

Auch wenn die maximale kurzfristig verfügbare Testkapazität für die laufende Woche mit 1.064.000 PCR-Tests wöchentlich weiterhin auf sehr hohem Niveau bleibt, sieht der ALM e.V. die zunehmende Belastung der fachärztlichen Labore mit Auslastungen von 85 Prozent im Bundesdurchschnitt und Spitzenauslastungen von über 100 Prozent in einigen Bundesländern sehr kritisch: „Wir können diesen Druck aufs System nicht länger aushalten und unsere engagierten und seit Monaten an der Leistungsgrenze arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht weiter überlasten. Die Testanforderungen übersteigen in vielen Laboren bereits die rationierten Liefermengen an Reagenz- und Verbrauchsmaterialien. Sollten jetzt noch weitere regionale Ausbrüche hinzukommen, wird uns das in die Knie zwingen“, stellt Prof. Jan Kramer, Vorstand im ALM e.V., besorgt fest. „Es kann doch nicht sein, dass wir sehenden Auges auf eine Notsituation zusteuern. Bund und Länder sollten den Impuls aus der Gesundheitsministerkonferenz aufnehmen und unmittelbar reagieren.“

Statt alle Reiserückkehrer zu testen, sollten Bund und Länder jetzt gezieltere Teststrategien umsetzen. Noch viel konsequenter solle man zudem die Einhaltung der AHA-Regel (Abstand-Hygiene-Alltagsmaske) einfordern, so Kramer. Darüber hinaus müsse geklärt werden, welche Testungen in einer solch angespannten Situation Priorität hätten: „Weder die Ärzte in den Praxen noch wir Fachärzte in den Laboren wollen und dürfen Testaufträge priorisieren und ad hoc entscheiden, welche Tests dringlicher sind. Statt uns als Ärzteschaft in diese missliche Lage zu bringen, sollten insbesondere die Landesregierungen eine klare Priorisierung zur Entnahme der Tests vorgeben.“

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Eine Lösung für die dramatische Situation hatte Prof. Christian Drosten ins Spiel gebracht. Der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité hatte vorgeschlagen, die Corona-Testung an den Flughäfen einzustellen. Statt zahlreiche symptomlose Reiserückkehrer zu testen sei es besser, sich vorerst auf Personen mit COVID-19-Symptomen zu konzentrieren. Auch die Mitglieder des ALM e.V. halten es für effektiver, effizienter und obendrein ressourcenschonend, die Nationale Teststrategie konsequent anzuwenden und zu fokussieren. Der ALM e.V. unterstützt die Empfehlung, Reiserückkehrer aus Risikogebieten zunächst in häusliche Quarantäne zu schicken und erst dann zu testen, wenn Symptome auftreten. „Wir brauchen nun ein klares Signal von der Politik“, fordert der gesamte ALM-Vorstand.

Jeder Test, der hier nicht an der richtigen Stelle eingesetzt wird, ist verbraucht und kann anderswo fehlen – insbesondere wenn wir an den möglicherweise steigenden Testbedarf in den Herbst- und Wintermonaten denken

Evangelos Kotsopoulos

„Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Laboren leisten das Menschenmögliche, um die Tests so schnell wie möglich auszuwerten und die Ergebnisse zu übermitteln. Es ist jedoch außerordentlich belastend zu erleben, dass wir kaum noch hinterherkommen“, betont Dr. Michael Müller. Weder die Ressource Mensch noch die Materialien, die für eine PCR-Testung eingesetzt werden, stünden unbegrenzt zur Verfügung und seien beliebig ausbaubar.

Evangelos Kotsopoulos, Vorstand im ALM e.V., verweist auf einen weiteren Aspekt: „Die COVID-19-Diagnostik ist nicht nur hierzulande, sondern weltweit eine begrenztes Gut. Jeder Test, der hier nicht an der richtigen Stelle eingesetzt wird, ist verbraucht und kann anderswo fehlen – insbesondere wenn wir an den möglicherweise steigenden Testbedarf in den Herbst- und Wintermonaten denken.“ Die gerade in diesen Zeiten so wertvolle und für die Eindämmung der Pandemie unabdingbare Ressource Labordiagnostik sollte – so die Forderung der ALM-Vorstände – nicht anlasslos verschwendet werden.


Quelle: Akkreditierte Labore in der Medizin – ALM

25.08.2020

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