Behandelbare Ursachen ausschließen

Laut eines aktuellen Berichts der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 35,6 Millionen Menschen weltweit von Demenzerkrankungen betroffen; für das Jahr 2030 prognostiziert die WHO bereits 65,7 Millionen Demenzkranke, für 2050 bis zu 115,4 Millionen.

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Diagnosesicherheit und Fortschritte in der Behandlung von Demenzerkrankungen sind für die vielen Industriegesellschaften im rapiden demografischen Wandel eine vordringliche Aufgabe der Medizin.
In Deutschland leben einer neuen Hochrechnung zufolge 1,4 Millionen Menschen mit Demenz. PD Dr. Jennifer Linn, Oberärztin und Leiterin der Sektion MR-Forschung der Abteilung für Neuroradiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, wird auf dem RadiologieKongressRuhr zum Thema „Neuroradiologie: Bildgebung bei Demenz – Verfahren der Radiologie“ sprechen.

Ein entscheidender Beitrag der Radiologie im Rahmen der Diagnose von Demenzerkrankungen ist der Ausschluss behandelbarer, sogenannter sekundärer Demenzursachen. „Meiner Einschätzung nach ist das die wichtigste Indikation“, sagt Dr. Linn. Bildgebende Verfahren können Aufschluss darüber geben, ob es sich bei der Erkrankung eines Patienten um eine primäre oder sekundäre Demenz handelt. „Unter die behandelbaren sekundären Demenzen fallen zum Beispiel langsam wachsende Gehirntumoren wie das Meningeom aber auch der Normaldruckhydrozephalus“, so Dr. Linn.

Schätzungsweise 60.000 Menschen in Deutschland sind am Normaldruckhydrozephalus, vulgo Altershirndruck, erkrankt. Der Altershirndruck ist eine häufig übersehene Erkrankung: Viele Patienten werden erst nach Jahren oder gar nicht diagnostiziert und laufen unter einer Fehldiagnose, wie zum Beispiel Alzheimer, Multiinfarktdemenz oder Parkinson. Dabei gibt es für den Normaldruckhydrozephalus im Gegensatz zu den primären Demenzerkrankungen gute Heilungschancen. Obwohl die Pathogenese des Normaldruckhydrozephalus ähnlich wie bei den primären Demenzerkrankungen nicht schlussendlich geklärt ist, gibt es effektive Behandlungsmethoden. In den meisten Fällen wird der Liquor aus den Hirnkammern mithilfe eines Ventil-/Schlauchsystems, eines sogenannten ventrikulo-peritonealen Shunts, in den Bauchraum abgeleitet.

„Um eine größere Diagnosesicherheit zu erhalten, empfiehlt die ‚S3-Leitlinie Demenzen‘ aus dem Jahr 2009 den generellen Einsatz bildgebender Verfahren im Rahmen der differenzialdiagnostischen Abklärung. Bei immerhin 5 Prozent der klinisch diagnostizierten Demenzen handelt es sich um sekundäre und damit behandelbare Demenzen“, sagt Dr. Linn. „Die Auswahl des diagnostischen Verfahrens hängt natürlich vom Ziel der Untersuchung ab. Zum Ausschluss eines Meningeoms oder des Normaldruckhydrozephalus ist in der Regel eine CT ausreichend. Um genauere Aussagen treffen zu können, braucht es den Einsatz der MRT, insbesondere wenn das Ziel nicht nur der Ausschluss sekundärer Demenzursachen, sondern auch die Differenzierung primärer, also der neurodegenerativen und der vaskulären Demenzformen ist“, so Dr. Linn.
Um hier Unterscheidungen zu treffen – wie zum Beispiel zwischen frontotemporaler Demenz und dem Morbus Alzheimer –, sei die MRT mit der Nutzung von 3-D-Sequenzen in T1-Wichtung zu empfehlen. „Bei diesen Erkrankungen achtet man im Wesentlichen auf bestimmte Atrophiemuster. Beim Morbus Alzheimer zeigt sich beispielsweise im Hippocampus schon relativ früh eine Atrophie. Die Auswertung der Bilder sollte vor allem im koronaren Schnitt erfolgen“, erklärt Dr. Linn.

In Deutschland sind derzeit 1,4 Millionen Menschen von der Alzheimererkrankung betroffen, jedes Jahr erkranken rund 200.000 Menschen, sodass mit einer dramatischen Steigerung auf bis zu zwei Millionen Alzheimerpatienten im Jahr 2030 gerechnet werden muss. Damit ist der Morbus Alzheimer die häufigste neurodegenerative Demenzerkrankung. Dr. Linn weist allerdings darauf hin, dass es wichtig sei, auch an das mögliche Vorliegen einer vaskulären Demenz zu denken. „Die vaskuläre Demenz – am häufigsten verursacht durch mikroangiopathische Veränderungen – ist eine weitere, gar nicht seltene Diagnose bei Patienten mit einer primären Demenz“, erklärt die Ärztin.

Obwohl es bei einer frühen Diagnose mittlerweile ansatzweise möglich ist, das Fortschreiten der Symptome zu verlangsamen, gibt es bisher für primäre Demenzerkrankungen keine Heilungsmöglichkeit. Obwohl die Möglichkeit einer Verlangsamung der Progredienz im frühen Stadium für Patienten und Angehörige natürlich wünschenswert ist, sei das Bestreben nach Früherkennung primärer Demenzen ethisch aber auch nicht völlig unproblematisch, so Dr. Linn: „Stellen Sie sich vor, bei einem 40-Jährigen werden mithilfe von Biomarkern und MR-Diagnostik präklinische Zeichen für eine Demenz gefunden. Für denjenigen und seine Familie bricht eine Welt zusammen – und trotzdem kann es sein, dass der fragliche Patient noch 30 Jahre weitgehend beschwerdefrei lebt.“ Ein weiteres generelles Problem bei allen Frühdiagnoseverfahren, vor allem wenn sie flächendeckend zur Anwendung gebracht werden sollen, sei die Vermeidung von falsch positiven Befunden. „Wir müssen in der Lage sein, mit an 100 Prozent grenzender Sicherheit die richtige Diagnose zu stellen – und da sind wir noch lange nicht. Die bisherigen diagnostischen Möglichkeiten sind zwar relativ sensitiv, aber noch nicht ausreichend spezifisch“, erklärt die Radiologin.

Nach der Diagnose steht natürlich die Frage nach der Heilung. Obwohl es daran bisher fehlt, gibt es Entwicklungen, die hoffen lassen: „Man hat in vergangenen Jahren viel dazugelernt, was den Erkrankungen zugrunde liegt, zum Beispiel der Mangel an bestimmten Überträgerstoffen. Es gibt große Fortschritte beim Verständnis des Pathomechanismus – das ist die Voraussetzung dafür, irgendwann medikamentöse Therapien zu entwickeln.“ Ferne Silberstreifen am Horizont sind laut Dr. Linn zurzeit intensiv beforschte immuntherapeutische Ansätze. „Ich denke schon, dass die Immuntherapie, die gerade erforscht wird, das Potenzial hat, in den nächsten Jahren signifikante Fortschritte zu erzielen“, so Dr. Linn abschließend.

Im Profil
PD Dr. Jennifer Linn ist seit Dezember 2009 Oberärztin und Leiterin der Sektion MR-Forschung der Abteilung für Neuroradiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach dem Studium der Humanmedizin an der Universität des Saarlandes und an der Université Libre de Bruxelles in Belgien promovierte sie am Institut für Neurowissenschaften der Technischen Universität München. Ihre Habilitation erfolgte an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Thema „Differenzierung des hämorrhagischen Schlaganfalls mit modernen Schnittbildmethoden“. Dr. Linn erhielt im Jahr 2011 die Einladung zu einer Gastprofessur am Department of Neuroradiology der Johns Hopkins University in Baltimore und wurde 2011 auch mit dem Kurt-Decker-Preis der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie ausgezeichnet.
 

24.10.2012

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