
Bildquelle: LMU Klinikum; Foto: Éva Gréta Schenkhut
News • Prävention schwerer Augen- und Lungenschäden
Automatisierte Beatmung in der Neonatologie: Studie zeigt Nutzen auf den zweiten Blick
Systeme übernehmen die manuelle Nachregulierung der Sauerstoffzufuhr und entlasten so das Personal
Lässt sich die Rate schwerer Augen- und Lungenschäden - bis zur Erblindung und zum Tod - bei der Atemunterstützung extrem früh geborener Kinder durch automatisierte Beatmungssysteme senken? Ja – aber nur, wenn man das richtige Gerät mit dem richtigen Algorithmus verwendet. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, an der die Neonatologie der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums entscheidend beteiligt war.
Die Studie ist erschienen im Fachjournal Lancet Child & Adolescent Health.

© LMU Klinikum
Im Jahr 2023 wurden allein in Deutschland über 4000 Kinder extrem früh geboren, mithin vor der vollendeten 28. Schwangerschaftswoche. Sie brauchen über Atemunterstützungssysteme zusätzlichen Sauerstoff, weil ihre unausgereiften Lungen den Körper noch nicht optimal mit dem Gas versorgen können. „Die Gabe von Sauerstoff ist die häufigste Maßnahme bei dieser Patientengruppe“, sagt Prof. Dr. Andreas Flemmer, Leiter der Neonatologie am LMU Klinikum München Großhadern und der Haunerschen Kinderklinik: „Trotzdem wissen wir kaum etwas über die optimale Dosis der Zufuhr.“ Zu wenig bedeutet Unterversorgung; zu viel Sauerstoff schädigt die Lungen und die Netzhaut der Augen bis hin zur Ablösung der Retina, was zur Erblindung führen kann. Pop-Legende Stevie Wonder beispielsweise ist das vor 75 Jahren passiert.
Um Wirkung und Nebenwirkungsrisiko zu optimieren, sollte die Sauerstoffzufuhr in einem engen Zielbereich genau dosiert sein, abhängig von der Sauerstoffsättigung im Blut der Kinder. Aber: Säuglinge atmen oft sehr unregelmäßig; zusätzlich schwanken Lungenbelüftung und -funktion der kleinen Patienten. Deshalb muss das Pflegepersonal die Konzentration des zugeführten Sauerstoffs immer wieder neu mit der Hand nachjustieren, was angesichts der knappen Personalressourcen eine Herausforderung darstellt. Können Maschinen mit automatisierter digitaler Technologie die Einstellung der Sauerstoffzufuhr übernehmen und sowohl die Rate der Lungenprobleme der Kinder reduzieren als auch die Rate der Netzhautkomplikationen?
Um das herauszufinden, haben über 30 Kliniken in Deutschland und weltweit eine Studie gestartet, die herstellerunabhängig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde. Über 1000 Säuglinge nahmen teil, die in der 23. bis 27 Schwangerschaftswoche geboren wurden. Sie wurden aufgeteilt in zwei Gruppen. In Gruppe 1 wurde die Sauerstoffzufuhr automatisch geregelt. Die Frühchen in Gruppe 2 erhielten die bisherige Routinebehandlung mit manueller Anpassung des Sauerstoffs.
Man kann diese Technologie anwenden, was im klinischen Alltag die Pflegekräfte enorm entlastet, weil sie nicht mehr bei einem jedem Alarm die Sauerstoffzufuhr händisch nachregulieren müssen. Das macht jetzt die Maschine
Andreas Flemmer
„In der Summe über alle Teilnehmer“, sagt Andreas Flemmer, „haben wir keinen statistisch deutlichen Effekt gesehen“ - weder weniger Lungenschädigungen noch weniger schwere Netzhautprobleme noch weniger Kinder, die an den Komplikationen ihrer Frühgeburtlichkeit sterben.
Aber: Die beteiligten Kliniken haben drei unterschiedliche Beatmungsgeräte benutzt. Und in der Einzel-Analyse der verschiedenen Maschinen zeigte sich, so Flemmer, „dass die auf unseren Stationen verwendete Beatmungsmaschine die Rate der gefährlichen Lungenkomplikationen doch signifikant um 35% reduziert hat.“ Dieser erhebliche Effekt wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass die Algorithmen anderer Geräte weiterentwickelt werden.
In der Auswertung der Gesamtstudie kam außerdem heraus, dass eine automatische Sauerstoffregulation keine nachteiligen Effekte auf die kleinen Patienten hat. Das bedeutet, wie der Münchner Neonatologe sagt: „Man kann diese Technologie anwenden, was im klinischen Alltag die Pflegekräfte enorm entlastet, weil sie nicht mehr bei einem jedem Alarm die Sauerstoffzufuhr händisch nachregulieren müssen. Das macht jetzt die Maschine.“ Insgesamt, resümiert Andreas Flemmer, „also eine lohnende, praxisverändernde Studie.“
Quelle: LMU Klinikum
27.02.2026



