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Krisenkommunikation

Anschläge und Attentate: Herausforderungen für die Radiologie

Terror, Anschläge und Attentate sind mittlerweile auch in Mitteleuropa angekommen. Eine adäquate Vorbereitung aller Einsatzkräfte ist daher besonders wichtig. Denn nicht nur eine hohe Reaktionsbereitschaft, sondern auch effiziente Kommunikationsketten und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind in solchen Szenarien unabdingbar. Professor Stefan Wirth, Geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Radiologie der Universität München, zeichnet ein nüchternes Bild zum aktuellen Status.

Bericht: Marcel Rasch

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Professor Stefan Wirth ist Geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Radiologie der Universität München.

Der wichtigste Faktor nach Anschlägen und Attentaten ist die eingespielte, interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Beteiligten und die daraus entstehende Priorisierung der abzuarbeitenden Aufgaben. Meist wird an das typische Bild gedacht, Explosionen oder Schussverletzungen in großer Zahl. Hier kann auch die Radiologie viel bewirken. „Es gibt aber auch andere Szenarien“, betont Wirth, „wie biologische oder chemische Anschläge oder Situationen, bei denen radioaktive Substanzen ausgetreten sind und vieles weitere mehr. Das sind dann Umstände, wo es auch in der Radiologie noch viel anspruchsvoller sein dürfte, so adäquat zu reagieren, wie wir uns das alle wünschen.“

Während bereits die Triage am Anschlagsort anspruchsvoll sein kann, so ist auch alles Nachfolgende nicht minder wichtig. „Eine Priorisierung findet sowohl am Unfallort als auch im Krankenhaus statt. Eingebunden sind Ersthelfer, Sanitäter, Berufsfeuerwehr und staatliche Organe. Es gibt für derartige Szenarien Arbeitsgruppen und Einsatzteams, die auf Grundlage einer Verteilungsmatrix arbeiten. Dies klingt kompliziert, ist aber im Prinzip ein Schema, das festlegt, wie die Rettungskräfte die Patienten überhaupt erreichen und vor allem, wie sie verteilt werden“, erklärt Wirth. „Logistisch ist es von enormer Bedeutung, dass die Patienten 1) anhand ihrer Verletzungsschwere verteilt werden, 2) die Kapazität und Entfernung der Krankenhäuser dabei berücksichtigt werden und 3) so lange wie irgend möglich nur ein Patient auf einmal eingeliefert wird. Mit steigender Zahl der Verletzten wird diese Taktung natürlich immer enger und irgendwann wird der Punkt erreicht, an dem mehrere Patienten gleichzeitig pro Versorgungspunkt eintreffen. Wann genau das passiert, ist bisher unbekannt“, klärt Wirth auf.

Vorbereitung auf den Ernstfall

Die vielen Begleitverletzten werden in der Vorbereitung und Simulation bislang zu wenig berücksichtigt

Stefan Wirth

Anschläge und Attentate sind glücklicherweise seltene Ereignisse. Dies hat jedoch den Nachteil, dass entsprechend wenig Erfahrung besteht und Routine kaum anhand realer Praxis erlernt werden kann. Daher wird ein solcher Ablauf stattdessen in Simulationen trainiert, deren Abfolge sich beim Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München im Juli 2016 bewährt hat. „Da wir kaum auf Erfahrungswerte zurückgreifen und solche Situationen nur rechnerisch vorhersehen können, dient uns der Anschlag am OEZ nun als Anhaltspunkt für entsprechende Berechnungen“, so Wirth.

Doch wie immer gilt, dass Training allein zwar eine gute, aber keineswegs vollständige Vorbereitung darstellt. Stefan Wirth hat daher einen guten Rat für alle Beteiligten: „Die wichtigste Botschaft ist: Erwarte das Unerwartete, denn das ist die wahre Herausforderung. Es ist gut, wenn Krisensituationen trainiert, simuliert und bestenfalls direkt ins Krisenmanagement einbezogen, also Kennzahlen entwickelt und kontinuierlich optimiert werden. Aber dies schützt leider nicht vor Überraschungen“, mahnt er. Als zweitwichtigsten Aspekt sieht Wirth die Definition eines möglichst einfachen Standards. „Das“, so Wirth, „ist die Voraussetzung, um so einfach und effizient wie möglich zu lernen und immer wieder zu üben.“

Der Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum in München im Juli 2016 hat auch...
Der Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum in München im Juli 2016 hat auch aufgezeigt, an welchen Stellen die Abläufe im radiologischen Krisenmanagement noch verfeinert werden müssen.
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Der Anschlag im OEZ hat vor allem eines gezeigt: es häuft sich sehr schnell ein unglaublicher Aufwand an, der kaum noch überschaubar ist. Dies betrifft vor allem die um sich greifende Panik der Massen, auch aufgrund der schnellen Berichterstattung in sozialen Medien. „Es herrscht schnell ein vollkommenes Chaos. Man konnte beobachten, wie Eltern mit ihren Kindern auf die Straße rannten. Menschen fallen Treppen herunter, brechen sich die Knöchel, laufen durch Glastüren oder werden von anderen Menschen einfach überrannt.“ Es passiert also auch im größten Bemühen und mit einer großartigen Polizeileistung, dass die Massen völlig unangebracht reagieren“, weiß Wirth aus Erfahrung zu berichten. „Paniken haben uns um ein Vielfaches mehr Patienten beschert, als wir Opfer aufgrund des Anschlags hatten. Die eigentliche Versorgungsleistung in München betraf nicht die Schwerverletzten, die war problemlos realisierbar. Aber die vielen Begleitverletzten werden in der Vorbereitung und Simulation bislang zu wenig berücksichtigt!“

Terror ist auch ein Zahlenspiel

Trotz oder vielleicht aufgrund der ernüchternden Realität seiner bisherigen Erfahrungen rät Wirth allen Radiologinnen und Radiologen, die Bestandteil eines solchen Einsatzteams sind, an Simulationen teilzunehmen. „Gerade in großen Städten und Metropolregionen mit vielen Versammlungsorten werden Anschlagsszenarien zukünftig immer wahrscheinlicher. Es ist daher wichtig, sich mit den vorhandenen, einfachen Standards adäquat vorzubereiten, weil diese viel sicherer sind. Es bringt nichts, wenn wir den Untersuchungsablauf so stark beschleunigen würden, was durchaus möglich ist, dass am Ende so viele behandlungsbedürftige Patienten in die Intensivstationen und Operationssäle gelangen, dass die Versorgung nicht mehr gegeben ist.“

Die bei weitem meiste Zeit wird in Notfallsituationen mit Schnittstellen vertan und nicht mit der eigentlichen Leistung

Stefan Wirth

Simulationen ergeben, dass pro CT-Scanner, pro Stunde mit einem zeitoptimierten CT-Protokoll rechnerisch ein Maximum von 20 Patienten untersucht werden kann. „Wenn wir diesem folgten, würden wir an einem Klinikum mit fünf Computertomographen stündlich bis zu 100 behandlungsbedürftige Patienten für Intensivstationen oder Operationssäle produzieren. Das würde selbst die Kapazitäten der größten Uniklinik sprengen“, so Wirth. Immerhin: Manpower ist genug und schnell verfügbar. Der Fall München hat gezeigt, dass innerhalb von 20 Minuten ausreichend Personal vor Ort war. Am Ende sogar dreimal so viel wie notwendig. „Es mangelte eher an Aufnahmekapazitäten, Räumlichkeiten und absoluten Banalitäten, wie z.B. Speise- und Getränkeversorgung des Personals“, stellt Wirth klar.

Und noch etwas ist Wirth besonders wichtig: „Wir müssen uns über die Kommunikation Gedanken machen. Wie arbeitet man am besten mit der Chirurgie zusammen? Wie mit der Anästhesie? Wie läuft die Kommunikation mit der Berufsfeuerwehr am besten, direkt oder indirekt? Und schlussendlich sollten die radiologischen Bilder schnellstmöglich allen zur Verfügung gestellt werden, die sie brauchen, also den Stationen und Operationssälen. Es bringt nichts, den Patienten in drei Minuten zu untersuchen und in fünf Minuten komplett zu diagnostizieren, wenn diese Informationen dann in der Kommunikation mit den Weiterbehandelnden versiegen. Die bei weitem meiste Zeit wird in Notfallsituationen mit Schnittstellen vertan und nicht mit der eigentlichen Leistung, an die aber alle zuerst denken. Das halte ich persönlich für wichtiger als ein eingeübtes Standard-Polytrauma-Protokoll noch weiter zu beschleunigen. Mit diesem ist es immerhin möglich, unter sonst optimalen Bedingungen pro CT-Scanner sechs Patienten stündlich zu versorgen. Das erscheint bei guter Planung ausreichend. Es muss allerdings unbedingt sichergestellt sein, dass ein anhand von einfach zu erlernenden Standards eingeübtes radiologisches Team niemals der Flaschenhals in der Versorgung einer solchen Situation ist.“


Profil:

Professor Dr. Dr. Stefan Wirth ist Geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Radiologie  der Universität München und widmet sich seit vielen Jahren praktisch und wissenschaftlich intensiv der Notfallradiologie. Zudem ist er Präsident der Europäischen Gesellschaft für Notfallradiologie.


Veranstaltung:

Donnerstag, 18.01.2018,

16:10-16:30 Uhr

Radiologie bei Anschlägen und Attentaten

Stefan Wirth (D-München)

Session: Neurologie/Notfall

15.01.2018

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