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Artikel • Intensivmedizin

Post-Covid: Langzeitfolgen durch Corona-Infektion

Symptome von Covid-19 können auch noch fortbestehen, nachdem Patienten eine Erkrankung durchgemacht haben. Ein Forschungsprojekt an der Universitätsklinik Ulm befasst sich mit den Spätfolgen einer Corona-Erkrankung. Oberarzt Prof. Dr. Dominik Buckert aus der Klinik für Innere Medizin betreut dieses Projekt. Er ist überzeugt: „Die Folgen von Post-Covid werden die Gesellschaft definitiv fordern.“

Interview: Sascha Keutel

HiE: Dr. Buckert, wenn über Langzeitfolgen berichtet wird, sprechen Experten von Long- oder Post-Covid: Was genau verstehen Sie darunter?

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Prof. Dr. Dominik Buckert ist Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin II, Kardiologie, Pneumologie, Angiologie, Internistische Intensivmedizin, Sport- und Rehabilitationsmedizin, Universitätsklinikum Ulm.
Quelle: Universitätsklinikum Ulm

Buckert: „Post-Covid ist aktuell ein furchtbar inklusiver Begriff, hinter dem sich eine Vielzahl von Symptomen und verschiedener Krankheitssituationen versteckt. Eine eingängige, allgemein akzeptierte Nomenklatur für die Symptomatik und Problematik gibt es noch nicht. In der breiten Masse werden beide Begriffe synonym verwendet, was aber eigentlich nicht stimmt. 

Die leitlinienkonforme Definition der Begriffe sieht vor, dass es sich beim Post-Covid-Syndrom um fortbestehende Beschwerden mehr als drei Monate nach der ursprünglichen Infektion handelt, ohne dass andere Diagnosen diese Beschwerden erklären könnten. 

Von Long-Covid spricht man dann, wenn der Patient vier Wochen nach der Infektion noch immer Beschwerden hat. Long-Covid deckt also den Zeitraum zwischen einem und drei Monaten ab – wobei dies von vielen Autoren mittlerweile eher als verzögerte Rekonvaleszenz gewertet wird. 

Bei Patienten in intensivmedizinischer Behandlung wird das Bild noch viel komplizierter. Denn diese bringen nicht nur eine durchgemachte Covid-Infektion, sondern auch die Folgen invasiver Verfahren als Bürde mit. Hier vermischt sich das Post-Covid-Syndrom mit einem Post-Intensive-Care-Syndrom (Post-ICU-Syndrom) – das macht es sehr schwer, Symptome auf auslösende Faktoren zurückzuführen. 

Der Begriff Post-Covid war eine Hilfskonstruktion – ein Sammelbegriff, der notwendig war, um eine gemeinsame Sprache zu finden, wie wir mit den Patienten umgehen sollen. Allerdings kommen wir jetzt an den Punkt, an dem er abgelöst werden muss, da sich hinter dieser Bezeichnung unterschiedliche Patientengruppen feiner definieren lassen. Wir vom Universitätsklinikum Ulm schlagen beispielsweise die Bezeichnungen ‚durch Covid getriggerte Erkrankung‘ oder ‚funktionelles Post-Covid-Syndrom‘“ vor.“

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News • Mit Corona-Spätfolgen zurechtkommen

Erste Patientenleitlinie zu Long-Covid und Post-Covid ist da

Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsstörungen – 10-15% der Patienten klagen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 über mehr als 200 Symptome. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin hat zusammen mit anderen Fachgesellschaften und Betroffenen die Patientenleitlinie „Long-/Post-Covid-Syndrom“ veröffentlicht, die sich speziell an Betroffene und Angehörige richtet.

Was sind typischen Symptome von Post-Covid und wie häufig kommen diese vor?

„Meist liegt mehr als ein Symptom vor. Da deren Muster wiederkehrend sind, spricht man von Symptom-Clustern. Es gibt mehrere solcher Cluster, beispielsweise das der internistischen und kardio-respiratorischen Symptome, die sich durch Luftnot, Brustschmerzen, Herzklopfen oder Husten äußern. Ein anderes Cluster umfasst neuro-psychiatrische Symptome wie Konzentrationsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Wortfindungsstörungen, aber auch eine unspezifische übersteigerte Müdigkeit im Sinne eines Fatigue-Syndroms sowie Nervenschmerzen. 

Beschwerden aus diesen Clustern treten in unterschiedlicher Zusammenstellung auf. Daher versuchen wir, die einzelnen Unterformen spezifisch zu adressieren. Diese Symptome treten bei etwa zehn Prozent aller Patienten auf, die ihre Infektion ambulant durchgemacht haben, sowie bei etwa der Hälfte der hospitalisierten Patienten. 

Spezifische Behandlungen existieren noch nicht. Nichtsdestotrotz können wir die Patienten nicht ein oder zwei Jahre vertrösten, bis wir Post-Covid verstanden haben

Dominik Buckert

Ganz wichtig ist, dass das Label ‚Post-Covid‘ eine ganz heterogene Patientengut umfasst. Zudem sind manche Symptome keine direkte Folge einer Infektion, sondern werden erst durch diese getriggert. Zum Beispiel kann eine Corona-Infektion eine Lungenembolie auslösen, die im weiteren Verlauf Folgeprobleme bereiten. Dadurch wäre der Betroffene eigentlich kein klassischer Post-Covid-Patient, denn schließlich hat die Corona-Erkrankung die Embolie getriggert, welche nun die weiteren Symptome verursacht. 

Rund 20 Prozent der Patienten, die sich bei uns in der Post-Covid-Sprechstunde vorgestellt haben, leiden unter solchen durch Covid getriggerten Erkrankungen. Bei den anderen 80 Prozent – die wir im eigentlichen Sinn als Post-Covid-Patienten bezeichnen – liegt jedoch keine organspezifische Diagnose vor. 

Gibt es eine Erklärung, warum nur bestimmte Patienten unter Spätfolgen leiden?

„Nein, leider tappen wir noch weitestgehend im Dunkeln. Das liegt unter anderem auch daran, dass wir noch immer nicht vollständig verstehen, warum Patienten überhaupt eine solche Symptomatik bekommen. Erst wenn wir bessere Erklärungsmodelle für eine Erkrankung haben, können wir untersuchen, warum bestimmte Patientengruppen scheinbar stärker betroffen sind als andere.“

Haben sich die Cluster mit dem Auftreten der verschiedenen Varianten verändert?

„Das wissen wir noch nicht. Die meisten aktuellen Forschungsergebnisse beziehen sich auf die Alpha-Variante. Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass diese Infektion bereits von ausreichend vielen Patienten durchlebt wurde. Zudem ist genug Zeit für die Entwicklung eines Post-Covid-Syndroms vergangen, das erforscht werden kann. 

Ob Post-Covid bei der Delta-, aber insbesondere der Omikron-Variante in ähnlichen Umfang auftritt und welchen Einfluss dies auf die Schwere oder die einzelnen Komponenten hat, können wir aktuell noch nicht sagen.“

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Wie behandeln Sie die betroffenen Patienten?

„Aktuell sind wir hauptsächlich damit beschäftigt, die Erkrankung zu verstehen. Spezifische Behandlungen existieren noch nicht. Nichtsdestotrotz können wir die Patienten nicht ein oder zwei Jahre vertrösten, bis wir Post-Covid verstanden haben. Aus meiner Sicht ist eine klassische Rehabilitation im internistischen Sinne der beste Therapieansatz für Post-Covid. Diese umfasst neben Atem- und funktionellem Training mit allmählicher Steigerung der Belastung eine psychische und psychosomatische Behandlung. Ein medikamentöser Therapieansatz wird derzeit erforscht, aber dieser ist wissenschaftlich bislang noch nicht belastbar. 

Das bedeutet, dass die Vermeidung schwerer und überhaupt klinisch apparenter Verläufe mutmaßlich auch vor dem Post-Covid-Syndrom schützt. Auch deshalb ist die Notwendigkeit einer Impfung zu betonen.“

Welche Folgen wird Post-Covid auf die Intensivmedizin haben?

„Durch den aktuellen wissenschaftlichen Fokus auf Post-Corona-Patienten lernen wir auch viel darüber, wie sich die Intensivmedizin auf die Patienten auswirkt. So gewinnen wir auch weitere Einblicke in das Post-ICU-Syndrom. 

Post-Infektions-Syndrome sind nichts völlig Neues – diese kennen wir von anderen schweren Infektionskrankheiten schon seit Jahren. Die entscheidende Neuerung ist die Vielzahl der Betroffenen. Damit bringt Post-Covid viele neue Erkenntnisse, die in einigen Jahren zum Post-Infektions-Syndrom Eingang in die Fachliteratur Eingang finden werden.“

08.02.2022

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