Diagnostik des Nierenzellkarzinoms

Personalisierte Medizin in der Onkologie

Wie lässt sich die Wirkung neuer Therapien in der Bildgebung belegen? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit Jahren PD Dr. Anno Graser vom Institut für Klinische Radiologie an der Universitätsklinik München-Großhadern. Der Radiologe, der im Herbst zum Präsidenten der Europäischen Gesellschaft für onkologische Bildgebung gewählt worden ist, forscht insbesondere zu modernen diagnostischen Verfahren beim Nierenzellkarzinom. Auf dem CT Symposium in Garmisch-Partenkirchen wird er erste Studienergebnisse dazu vorstellen.

PD Dr. Anno Graser
PD Dr. Anno Graser

Dr. Graser, stimmt es, dass die bildgebende Diagnostik des Nierenzellkarzinoms mittlerweile ein extrem komplexes Feld ist?

Anno Graser: Das stimmt. Radiologen haben über Jahrzehnte eine Untersuchung ohne Kontrastmittel und danach eine mit Kontrastmittel durchgeführt. Aus diesen Daten wurden die Bilder berechnet. Das war noch vergleichsweise einfach. Das Feld hat sich technisch sehr stark weiter entwickelt. Die Diagnostik ist heute aufgrund der technischen Neuentwicklungen für den Patienten sehr viel angenehmer. Die Untersuchung geht schneller und verursacht eine geringere Strahlenexposition als früher. Das sind Vorteile für den Patienten und für den Arzt.

Was genau ist passiert, dass jetzt alles so viel schneller geht?

Anno Graser: Siemens hat vor etwa fünf Jahren erstmals ein Dual-Source-CT entwickelt, also einen Scanner mit zwei Röhren und zwei Detektoren mit je 128 Detektorzeilen. Mit den beiden Röhren akquiriert man – mit unterschiedlicher Spannung – mehrere Bilder und gewinnt damit Informationen, die genau zeigen, wie sich das Kontrastmittel verteilt. So können Sie auf einen Blick erfassen, ob eine Raumforderung – das ist an der Niere besonders wichtig – Kontrastmittel aufnimmt oder nicht. Früher wurden dafür immer zwei Untersuchungen benötigt – einmal mit und einmal ohne Kontrastmittel. Mit der neuen Technik können Sie alle Informationen aus einer einzigen Untersuchung destillieren. Das bedeutet auch, dass die Strahlenexposition um die Hälfte reduziert wird, weil Sie die native Untersuchung nicht mehr brauchen.

Was hat sich beim metastasierten Nierenzellkarzinom getan?

Anno Graser: Noch vor fünf Jahren waren die Prognosen bei dieser Erkrankung sehr schlecht. Hatte das Nierenzellkarzinom bereits Metastasen gesetzt, so blieben dem Patienten oft nur noch sechs bis zwölf Monate Lebenszeit. Heute gibt es neue Therapiekonzepte, die sogenannten „targeted therapies“. Das Nierenzellkarzinom wird insbesondere mit Medikamenten behandelt, die die Gefäßneubildung unterdrücken. Diese Medikamente wirken beispielsweise auf die Tyrosinkinase, ein Enzym, das die Gefäßneubildung steuert. Die Therapie mit solchen Medikamente verlängert das Leben von Patienten mit metastasiertem Nierentumor um ein Vielfaches, oft um fünf und mehr Jahre.

Was heißt das für die Radiologie?

Anno Graser: Wir Radiologen müssen die Effekte darstellen, die diese Medikamente auslösen. Mit ganz normalen CTs, mit normaler Größenmessung, können Sie das nicht, weil die Metastasen sich nur wenig verkleinern. Um mit diesem Paradigmenwechsel in der Therapie Schritt zu halten, entwickeln wir derzeit neue Techniken – allen voran die sogenannte zeitaufgelöste Bildgebung oder Perfusions-CT. Mit dieser Perfusions-CT können Sie die Vaskularität darstellen und damit Parameter wie die Gefäßdichte, das Blutvolumen und den Blutfluss beurteilen.

Zum Beispiel können Sie bei einem Patienten, der mit diesen neuen Medikamenten behandelt wird, bereits nach kurzer Zeit im CT eindeutig sagen, ob er auf die Therapie anspricht oder nicht. Das leistet aber nur die neue Technik. Mit einem normalen CT sehen Sie das nicht. Sie brauchen eine Perfusions-Untersuchung und es gibt nur wenige Zentren auf der Welt, die dies momentan leisten können und an diesen Fragen arbeiten. Wir in München sind eines davon. In meinem Vortrag werde ich erste Ergebnisse präsentieren und erklären, wie eine Perfusions-CT abläuft und wie die Patienten davon profitieren. Denn letztlich muss auch hier abgewogen werden: Auch diese Therapien haben Nebenwirkungen und kosten – je nach Medikament – beachtliche 3.000 bis 5.000 Euro im Monat. Das ist sehr teuer und daher ist es so wichtig, dass die Radiologie früh eine Aussage treffen kann, welcher Patient profitiert und welcher nicht.

Diese Frage dürfte auch die Krankenkassen sehr interessieren. Haben Sie dazu schon erste Ergebnisse?

Anno Graser: Natürlich können wir erste Ergebnisse vorstellen, aber sie werden vermutlich nicht im nächsten Jahr den „Standard-of-Care“ verändern. Da ich allerdings eng mit den Onkologen und Urologen zusammenarbeite, wage ich trotzdem eine Prognose: In fünf Jahren werden wir nur noch auf Basis dieser Erkenntnisse entscheiden, also aufgrund der Frage, ob die 4-D-Untersuchung zeigt, wie der Patient auf das Medikament anspricht.

 

Im Profil

PD Dr. Anno Graser ist seit Jahresbeginn 2011 Oberarzt und Leiter der Onkologischen Bildgebung am Institut für Klinische Radiologie des Klinikums der Universität München. Im Herbst 2011 wurde er zum Präsidenten der Europäischen Gesellschaft für onkologische Bildgebung gewählt. Graser hat an der Universität München Medizin studiert und dort auch seine Facharztausbildung zum Radiologen abgeschlossen. Im Zuge seiner Ausbildung sammelte er vielfältige Berufserfahrung im Ausland – u.a. als Stipendiat am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York sowie während des Praktischen Jahres an der Universität von Kalifornien, San Francisco. Graser erhielt für seine Arbeiten mehrere Auszeichnungen: So bekam er 2007 u.a. ein Forschungsstipendium für die Universität in New York, Abteilung für Abdominelle Bildgebung, 2009 wurde er mit dem Felix Burda Award in der Kategorie „Medical Prevention“ für die „Münchner Darmkrebs-Vorsorgestudie“ ausgezeichnet.

05.01.2012

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