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Zoonosen

Neue Strategien gegen MERS-CoV

Mit einer durchschnittlichen Mortalität von 35 Prozent ist die Infektion mit dem MERS (Middle East respiratory syndrome)-Coronavirus eine äußerst gefährliche Erkrankung.

Bericht: Michael Krassnitzer

portrait of norbert nowotny
Dr. Norbert Nowotny ist Universitätsprofessor am Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien und am College of Medicine der Mohammed Bin Rashid University of Medicine and Health Sciences in Dubai

Als dieses Virus vor mittlerweile sieben Jahren entdeckt wurde, wurde die Sterblichkeit noch mit nahezu 100 Prozent beziffert. Das lag daran, dass zu Beginn nur jene schweren Infektionen erfasst wurden, die zu einer Einweisung auf die Intensivstation führten. Mittlerweile wird bei jedem Fall von MERS auch das Umfeld der Patienten epidemiologisch genau untersucht. „Im Zuge dessen hat sich herausgestellt, dass Infektionen mit dem MERS-Coronavirus auch weniger schwer verlaufen können, vor allem bei jüngeren Menschen“, wie der österreichische Virologe Univ.-Prof. Dr. Norbert Nowotny erklärt. Am Rande des International Meeting on Emerging Diseases and Surveillance (IMED 2018) in Wien gab er ein aktuelles Update in Sachen MERS bzw. MERS-Coronavirus. MERS trat erstmals im Jahr 2012 auf. Bei einem Mann, der an einer schweren Lungenentzündung verstorben war, wurde ein mit dem SARS-Coronavirus verwandtes, aber eigenständiges und damit völlig neues Virus entdeckt. Bis heute nahmen alle bekannten Humaninfektionen mit dem MERS-Coronavirus ihren Ausgangspunkt von der arabischen Halbinsel.

Die größte Gefahr für den Menschen stellt der Kontakt mit Dromedaren im Alter von etwa drei Monaten bis eineinhalb Jahren dar

Norbert Nowotny

Aufgrund des internationalen Reiseverkehrs aber verbreitete sich die Krankheit in insgesamt 27 Länder. Bis heute (Stand: 31. Dezember 2018) wurden 2.279 Fälle diagnostiziert, davon endeten 806 tödlich. Hauptsymptom ist eine schwere Lungenentzündung. Der Verlauf der Erkrankung ist altersabhängig – je älter der Infizierte, desto schwerer die Erkrankung. Einen wesentlichen Einfluss haben auch vorhandene Grunderkrankungen wie Diabetes oder Übergewicht.

Nowotny gehörte zu jener Forschergruppe, die entdeckte, dass der Erreger ursprünglich in Dromedaren vorkommt und als Zoonose auf den Menschen übertragen werden kann. Demnach sind ältere Dromedare zu nahezu 100 Prozent seropositiv, hatten also irgendwann im Laufe ihres Lebens Kontakt mit dem MERS-Coronavirus. Neugeborene Dromedare sind etwa drei bis vier Monate durch mütterliche Antikörper geschützt, aber sobald dieser Schutz ausläuft, infiziert sich das Kalb mit dem offenbar weit verbreiteten Virus. 

Bei Dromedaren verläuft die Infektion asymptomatisch oder es zeigt sich eine geringgradige Rhinitis. Wenn die Tiere allerdings akut infiziert sind – was nur rund eine Woche dauert – dann sondern sie große Mengen des Virus über Nasen- und Augensekret ab. Übertragungen auf den Menschen dürften nur in dieser kurzen Zeitspanne und bei intensivem Kontakt mit einem infizierten Dromedar stattfinden. „Die größte Gefahr für den Menschen stellt also der Kontakt mit Dromedaren im Alter von etwa drei Monaten bis eineinhalb Jahren dar“, weiß Nowotny. Jedoch gehen nur zirka fünf Prozent humaner Infektionen auf direkten Kontakt mit Dromedaren zurück – im Rest der Fälle breitet sich das Virus von Mensch zu Mensch aus.

Einige Fragen bleiben ungeklärt

Derzeit steht kein kommerziell erhältlicher Impfstoff zur Verfügung. „Bei der relativ geringen Fallanzahl stellt sich die Frage, ob ein Impfstoff überhaupt Sinn macht“, sagt Nowotny. Höchstens für Menschen, die tagtäglich mit Dromedaren zu tun haben, wäre eine Impfung sinnvoll, nicht jedoch für die gesamte Bevölkerung. Auch nicht für Touristen, sofern sie zwei Regeln befolgen: „Jungen Dromedaren sollte man nicht zu nahe kommen“, erklärt der Wiener Virologe „und wenn man auf einem erwachsenen Dromedar reitet, genügt es, danach mit einem handelsüblichen Desinfektionsmittel die Hände zu desinfizieren.“ Es wird aber überlegt, junge Dromedare zu impfen, um auf diese Weise den Übertragungszyklus zu unterbrechen.

Einige Fragen in Bezug auf das MERS-Coronavirus sind freilich noch offen: Nicht nur auf der arabischen Halbinsel, sondern auch in Afrika und im Iran ist die Dromedarpopulation mit dem Erreger infiziert. Warum gingen dann nahezu alle bisher bekannten Human-Infektionen von der arabischen Halbinsel aus? Es kann nur vermutet werden, dass regional genetische Unterschiede zwischen den Viren bestehen; auch ist die korrekte Diagnosestellung nicht immer einfach. Überdies sind Dromedare auf der arabischen Halbinsel Haustiere, während sie etwa in Afrika eher als Nutztiere behandelt werden – was einen weniger intensiven Kontakt zwischen Mensch und Tier mit sich bringt. Auch in Bezug auf die Infektionskette zwischen den Dromedaren gibt es noch offene Fragen. Nowotny: „Zirkuliert das Virus nur unter Dromedaren oder sind auch andere Tiere daran beteiligt, etwa Zecken oder kleine Nager?“ Eine Antwort darauf zu finden ist die aktuelle Forschungsarbeit des Virologen. 


Profil:

Dr. Norbert Nowotny ist Universitätsprofessor am Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien und am College of Medicine der Mohammed Bin Rashid University of Medicine and Health Sciences in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate). Der Virologe beforscht alle Aspekte von (vor allem viralen) Infektionskrankheiten von Mensch, Nutz-, Haus-, Zoo- und Wildtieren. Weitere wissenschaftliche Schwerpunkte sind medizinische und veterinärmedizinische Entomologie, durch Stechmücken und Zecken übertragene Virusinfektionen, neu auftretende virale Infektionskrankheiten und Zoonosen. Bei der IMED 2018 war er, wie bereits bei den sechs IMED-Kongressen zuvor, lokaler wissenschaftlicher Organisator und Mitglied des scientific committees.

20.03.2019

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