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Artikel • Telemonitoring-Programm „HerzMobil“

„Digitales Therapeutikum“ senkt Mortalität bei Herzinsuffizienz

Ein umfassendes Versorgungsprogramm für Menschen mit Herzinsuffizienz hat in Österreich für Aufmerksamkeit gesorgt: Eine jüngst veröffentlichte Studie belegt, dass die Mortalität mit Hilfe von Telemonitoring von 25% auf 10% gesenkt werden kann.

Artikel: Sonja Buske

portrait of günter schreier
Günter Schreier

Foto: zvg

HerzMobil heißt das Programm, das Günter Schreier, Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Telemedizin (ÖGTelemed), beim 14. Nationalen Fachkongress Telemedizin am 6. Juni in Berlin vorstellte. Im Gespräch mit HiE erklärte er, dass schon vor vielen Jahren am AIT Austrian Institute of Technology darüber nachgedacht wurde, wie man das Smartphone für die Gesundheit einsetzen kann. „In Gesprächen mit Klinikern hat sich herausgestellt, dass die Herzinsuffizienz bestens für den Einsatz von Telemonitoring geeignet ist“, so Schreier. „Durch verschiedene Parameter wie Blutdruck oder Gewicht lässt sich die Anbahnung einer Dekompensation frühzeitig erkennen.“ Zusammen mit der Medizinischen Universität Graz wurden daraufhin erste klinische Studien durchgeführt, in denen gezeigt werden konnte, dass Telemonitoring die Krankenhauswiederaufnahme verringern und die Lebensqualität verbessern kann.

Konzept in drei österreichischen Bundesländern im Einsatz

Tirol war 2016 das erste Bundesland, das das Konzept aufgegriffen und so weiterentwickelt hat, dass es für die Routine geeignet ist. Inzwischen kommt es auch in der Steiermark und in Kärnten zum Einsatz. Konzentrierte man sich zunächst nur auf Kliniken, wird mittlerweile auch der ambulante/niedergelassene Bereich mit einbezogen. Ziel von HerzMobil ist die nachhaltige Stabilisierung der Erkrankung, die Optimierung der medikamentösen Therapie, die Reduktion der Krankenhauswiederaufnahmen und der Sterblichkeitsrate, und damit verbunden eine bessere Lebensqualität für Patienten und Angehörige. 

Voraussetzung für die Teilnahme an dem Programm ist die stationäre Behandlung einer akuten Herzinsuffizienz oder eine strukturelle oder funktionelle Herzerkrankung. Die Patienten müssen zudem in ihrer Leistung eingeschränkt sein und unter Atemnot oder Wassereinlagerungen leiden. Treffen all diese Punkte zu, meldet der Arzt den Patienten im Programm an, woraufhin eine spezialisierte Versorgungseinheit bestehend aus Pflegekräften, niedergelassenen Ärzten und IT-Dienstleistern zum Einsatz kommt.

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Persönliche Schulung und Betreuung

Noch im Krankenhaus werden die Patienten von den Pflegekräften, die eine Weiterbildung zum Herzinsuffizienzberater durchlaufen haben, in die Handhabung der Geräte (Fitnesstracker, Blutdruck- und Pulsmessgerät, Waage, Smartphone) eingewiesen und die ersten Messungen gemeinsam durchgeführt. Erfolgt die Anmeldung im Programm über den ambulanten Bereich, findet die Einweisung im häuslichen Umfeld statt. In der ersten Woche müssen die Patienten bei einem ihnen zugeordneten Netzwerk-Arzt vorstellig werden, damit die Medikation korrekt eingestellt wird. Zwei weitere Untersuchungen sowie zwei Blutabnahmen sind während der Teilnahme zudem verpflichtend. 

Eine persönliche Schulung durch die spezialisierten Pflegekräfte im häuslichen Umfeld findet ebenfalls in der ersten Woche des Programms statt. Die Patienten werden unter anderem über relevante Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen oder übermäßigen Alkoholkonsum aufgeklärt und über eine ausgewogene Ernährung und die Wichtigkeit der täglichen Bewegung informiert. 

Über einen Zeitraum von drei Monaten werden nun täglich automatisch Blutdruck, Puls und Gewicht per Mobiltelefon an die telemedizinische Datenzentrale übertragen. Zusätzlich werden das Wohlbefinden und die Medikamenteneinnahme abgefragt. „In Deutschland ist das Herzmonitoring auf Dauer angelegt“, weiß Schreier. „Dadurch sind die laufenden Kosten für das Monitoring in Deutschland andere als bei uns in Österreich, jedoch wurden für beide Ansätze gesundheitsökonomische Vorteile publiziert. Unser Ziel ist die Stabilisierung der Situation, so dass die Patienten auch ohne Telemonitoring zurechtkommen“, erklärt der Experte. „Nur wenn eine Betreuungszeit von drei Monaten nicht ausreicht, ist eine einmalige Verlängerung um weitere drei Monate möglich.“

Innerhalb des ersten Jahres ist die Mortalität von 25,7% auf 10,0% gesunken. Es gibt kaum Medikamente, die ähnlich effektiv sind

Günter Schreier

Ein als Medizinprodukt zertifiziertes Überwachungsmodul unterstützt die Pflegekräfte beim Monitoring. Anhand der Daten wird entschieden, ob die Medikation geändert oder die Therapie angepasst werden muss. Kommen die Pflegekräfte an ihre fachlichen Grenzen, werden Ärzte zur Auswertung hinzugezogen. Das Feedback läuft multimodal über die HerzMobil-App in Form einer sicheren Nachricht, oder aber über einen persönlichen Anruf. Kosten entstehen den Patienten nicht, da die Leistungen vom Bundesland und dem zuständigen Sozialversicherungsträger bezahlt werden. 

Am Ende des Programms erfolgt ein abschließender Besuch durch die Pflegekräfte, um festzustellen, ob die Patienten eine Verlängerung benötigen, oder aber alleine mit ihrer Erkrankung zurechtkommen.

Fall-Kontroll-Studie

Um den Erfolg des Projektes zu ermitteln, wurde nun eine weitere Studie durchgeführt, die im Fachjournal Clinical Research in Cardiology veröffentlicht wurde. „Wir bezeichnen das Programm als ein digitales Therapeutikum. Dafür braucht es Evidenz“, erklärt Schreier. In einer Fall-Kontroll-Studie wurden 251 Patienten, die an dem Programm teilgenommen haben, mit 257 nicht versorgten Patienten verglichen. „Innerhalb des ersten Jahres ist die Mortalität von 25,7% auf 10,0% gesunken“, zeigt sich Schreier begeistert. „Es gibt kaum Medikamente, die ähnlich effektiv sind.“ Zudem konnte eine signifikante Reduktion der Krankenhauswiederaufnahmen während des Programmes von 23,7% auf 10,5% festgestellt werden. Nicht zuletzt solche Ergebnisse haben die European Society of Cardiology, die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie und die Österreichische Gesellschaft für Kardiologie dazu veranlasst, die Teilnahme an einem multidisziplinären Versorgungsprogramm ohne Einschränkung zu empfehlen. 


Profil: 

Günter Schreier studierte Elektrotechnik mit Schwerpunkt Biomedizinische Technik in Graz. Nach verschiedenen Tätigkeiten in der angewandten Forschung und der Industrie baute er am AIT Austrian Institute of Technology ein eHealth-Forschungsteam auf und ist dort aktuell als Leitender Wissenschaftler tätig. Er ist Mitglied im Beirat der Österreichischen Gesellschaft für Telemedizin (ÖGTelemed) und leitet die führende österreichische Tagung zum Thema „digital Health“.

11.06.2024

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