Nationale Strategie

E-Health: Gesundheit auf dänisch

Die Dänen gelten bei der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung seit Jahren als Vorbild, zeigen sie doch erfolgreich, wie E-Health auf staatlicher Ebene funktionieren kann.

Bericht: Sascha Keutel

Quelle_ Pixabay/dancepool

Das 2001 initiierte und 2003 lancierte Gesundheitsportal sundhed.dk (auf Deutsch: Gesundheit) ist Teil des öffentlichen Gesundheitswesens. „Die dänische nationale Strategie vom Januar 2018 erklärt sundhed.dk als nationalen Zugangspunkt zu persönlichen Gesundheitsdaten von Krankenhäusern, Allgemeinärzten und Gemeinden“, erklärte Morten Elbæk Petersen, Direktor des dänischen Gesundheitsportals, die Funktionen des Portals auf der Konferenz  „Emerging Technologies in Medicine" (ETIM 2018) im Februar in Essen.

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Morten Elbæk Petersen ist Direktor des dänischen Gesundheitsportals sundhed.dk

Für Petersen ist die Digitalisierung des Gesundheitswesens vor allem eine Möglichkeit, die Eigenverantwortung der Patienten sicherzustellen und die Bürger im Austausch mit den Beschäftigten des Gesundheitswesens zu gleichwertigen Partnern zu machen. Denn die Idee hinter sundhed.dk ist nicht nur die Vernetzung von Daten für Ärzte, Krankenhäuser und Pflegeheime voranzutreiben, sondern vor allem auch den Patienten zu stärken. Und das System ist erfolgreich: „Seit Einführung des staatlich organisierten und finanzierten Portals ist die Todesfallrate gesunken und die durchschnittliche Verweildauer in dänischen Krankenhäusern hat sich auf rund 3,4 Tage reduziert“, so Petersen.

Ärzte und Patienten greifen auf Daten zu

Bei der Geburt erhalten die Dänen eine Identifikationsnummer, mit der sie sich rund um die Uhr am Portal anmelden können

Morten Elbæk Petersen

Das Portal bündelt die medizinischen Informationen und Daten aller dänischen Staatsbürger ab 15 Jahren. Es dient als zentraler Zugangspunkt für Ärzte und Patienten, um gleichermaßen Befunde, Medikamente, Behandlungspläne oder Abrechnungen einzusehen. Ärzte können E-Rezepte ausstellen, Arztbriefe über das System an Kollegen, aber auch an Pfleger senden; Ärzte können auf Bild- und Labordaten sowie auf Befunde von Fachärzten, Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanten Pflegern und von Psychologen sowie Physiotherapeuten zugreifen. Die Bürger wiederum versorgt sundhed.dk mit Kontaktdaten aller Ärzte, Informationen über die Qualität und Preise der Behandlungen und medizinische Prävention. Darüber hinaus können Patienten ihre Rechnungen einsehen, Termine mit dem Hausarzt vereinbaren, ihre eigenen Vitaldaten eingeben, Verschreibungen für Medikamente erneuern und Patientenverfügungen festhalten. Das Portal bietet ebenso kostenlose Gesundheitsprogramme für die Behandlung chronischer Krankheiten wie Diabetes, Krebs, Osteoporose, wie auch Ratgeber für Gewichtsverlust, Schwangerschaften und zur Geburt.

Der Aufwand, um auf das System zuzugreifen, ist für Patienten gering. „Bei der Geburt erhalten die Dänen eine Identifikationsnummer, mit der sie sich rund um die Uhr am Portal anmelden können - über ihren Desktop-PC, Smartphone oder Tablet", sagt Petersen. Durch den Login können Nutzer auf ihre persönliche Seite zugreifen, auf der sie ihre individuelle Krankengeschichte, Untersuchungsergebnisse und Medikamente bis zum Jahr 1977 einsehen können. Sorge um den Schutz der eigenen Daten müssten die Nutzer nicht haben. „Die Patienten können erkennen, welche Gesundheitsarbeiter ihre persönlichen Daten abgerufen haben“, betont Petersen. In Summe gebe es nur „drei bis fünf Missbrauchsfälle im Jahr“ mit nicht autorisierten Zugriffen auf Patientenakten.

Ist ein solches Portal auch in Deutschland möglich?

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Über eine persönliche ID kann man sich auf sundhed.dk anmelden und einen Überblick über seine Gesundheitsdaten erhalten.
Quelle: sundhed.dk

Die Grundlage für den Erfolg sei eine Kultur in Dänemark, die auf Vertrauen beruhe auch in den offenen Zugang zu personenbezogenen Daten. „Es ist wichtig, die Vorteile von digitalisierten und verfügbaren Daten für Patienten und medizinisches Fachpersonal hervorzuheben, um die Akzeptanz des Portals zu erreichen“, erklärt der Direktor des Portals. Laut Petersen sei die Akzeptanz in der Bevölkerung entsprechend hoch: Studien hätten gezeigt, dass 3,3 Millionen aller Dänen das Portal kennen würden, 24 Prozent der Meinung seien, dass sich ihre Behandlung durch die Nutzung des E-Health-Portals verbessert habe und 41 Prozent hätten angegeben, durch den Zugriff auf die Daten ein besseres Verständnis für ihre Krankheit gewonnen zu haben. Auch die Zugriffszahlen belegen den Erfolg. Das Portal habe eine stetig steigende Nutzerzahl. Im Januar 2018 nutzten etwa 1,8 Millionen Unique Visitors pro Monat das Portal bei einer Gesamtzahl von 5,8 Millionen Einwohnern.

Die Sorge um den Schutz von personenbezogenen Daten wiegt in Deutschland schwerer als bei den Dänen. Gleichzeitig sind die medizinische IT-Infrastruktur und die Akzeptanz unter den Ärzten in Deutschland weit weniger gut entwickelt als in Dänemark. Auch strukturell bietet Dänemark bessere Voraussetzungen für dieses Modell der Health-IT. Das Land hat weniger Einwohner, in Deutschland leben 14 Mal mehr Menschen. Es gibt zudem lediglich eine staatliche Krankenversicherung in Dänemark. In Deutschland stehen mehr als 120 Kassen zur Auswahl.

Dennoch kann sich Petersen ein solches Portal auch in Deutschland vorstellen. Er rät den Verantwortlichen, den deutschen Bürgern die Vorteile der elektronischen Patientenakte stärker bewusst zu machen. Denn die staatliche dänische Plattform zeige, wie gut solch ein System funktioniert und angenommen wird, erhalten die Bürger Zugang zu ihren eigenen Daten. Petersen sieht die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Möglichkeit, die Eigenverantwortung der Patienten zu sichern und die Bürger zu gleichberechtigten Partnern im Austausch mit den Beschäftigten der Gesundheitsbranche zu machen. Dies sollte schrittweise erfolgen, „damit die Bürger sich sicher fühlen und die Vorteile des Datenaustauschs und der Transparenz erfahren“, schlug  der Direktor von sundhed.dk vor. Die technische Lösung werde dabei wohl der einfachste Teil der Digitalisierung sein.

16.04.2018

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