MR im Ohr

Der Dreiklang von Cochlea, Hörnerv und Gehirn im MRT

Die Möglichkeiten der MRT reichen heute weit über die klassische Indikation bei Problemen mit dem Hören oder dem Gleichgewicht hinaus. „Die radiologische Diagnostik des Felsenbeins ist eine häufig angeforderte Untersuchung insbesondere bei Schwindel und Hörstörungen. Bei Radiologen ist sie oft nicht besonders beliebt, was vermutlich mit der komplexen Anatomie zu tun hat. Aber bei Hörstörungen ist nicht nur auf das Innenohr, sondern auch auf den Hörnerv und die Hörbahn im Gehirn zu achten“, betont Prof. Dr. Birgit Ertl-Wagner, Oberärztin im Institut für Klinische Radiologie am Campus Großhadern der Universität München.

Photo: Der Dreiklang von Cochlea, Hörnerv und Gehirn im MRT

Klassische und neue Indikationen für die MRT
Die Möglichkeiten der MRT reichen heute weit über die klassische Indikation bei Problemen mit dem Hören oder dem Gleichgewicht hinaus. Die MRT kommt nicht mehr allein zum Ausschluss eines Tumors am achten Gehirnnerv (meist einem Vestibularisschwannom entsprechend; umgangssprachlich oft auch als Akustikneurinom (AKN) bezeichnet) zum Einsatz. „Dank technologischer Fortschritte betreten wir hier auch neue Gebiete. Zum einen erzielen wir eine immer höhere Ortsauflösung des Innenohrs. So sind wir inzwischen beispielsweise in der Lage, Sequenzen mit 0,3 bis 0,4 Millimetern isotroper Kantenlänge zu akquirieren, und können damit die Innenohrstrukturen extrem präzise darstellen“, erklärt die Professorin. Insbesondere Patienten mit ausgeprägter Hörstörung, bei denen ein Cochlea-Implantat geplant wird, profitieren davon. Ist die Cochlea zum Beispiel vollständig mit Bindegewebe gefüllt, kann keine Elektrode eingebracht werden, was in der CT nicht immer sichtbar wird. Die CT ist hingegen hilfreich für die Untersuchung von knöchernen Strukturen und Verkalkungen, um Sklerosierungen und Fehlbildungen zu erkennen. Deshalb plädiert Ertl-Wagner für eine Kombination aus CT und MRT bei fortgeschrittener Hörstörung: „Es ist tatsächlich wichtig, vor einer Cochlea-Implantologie mit beiden Techniken zu untersuchen, um Fehler zu vermeiden.“


Hochaufgelöste Sequenzen und funktionelle MRT
Die MRT wird momentan vor allem zur Ausschlussdiagnostik des Akustikneurinoms (AKN) und anderer Tumoren genutzt. Bei Fragestellungen, die das Hören, die Gehörbahn beziehungsweise Gleichgewicht/Schwindel betreffen, wird zunächst die Struktur des Innenohrs intensiv mittels MRT-Untersuchung betrachtet. Dabei wird geprüft, ob Schnecke und Vestibulum richtig angelegt sind, ob normale Bogengänge bestehen oder ob Fehlbildungen oder Entzündungen vorliegen. In einem zweiten Schritt wird dann im Inneren des Empfangsorgans der achte Gehirnnerv untersucht, der sowohl die Cochlea (Hören) als auch das Vestibulum (Gleichgewicht) mit dem Hirnstamm vernetzt. In erster Linie geht es hier darum, einen Tumor auszuschließen und zu schauen, ob der Nerv auch wirklich da ist. „Bei primären Hörstörungen, also bei angeborener Taubheit, ist dieser Nerv nicht zwangsläufig angelegt. Und bei Patienten mit sekundärer, also erworbener Hörstörung wird der Nerv bei Nichtbeanspruchung mit der Zeit immer dünner. Bei einer Cochlea-Implantation muss daher unbedingt im Vorfeld geklärt werden, ob dieser Nerv vorhanden ist und wieder aktiviert werden kann“, so Ertl-Wagner.

Die Untersuchung bei Störungen des Hörvermögens ist somit eine komplexe Angelegenheit. Wichtig ist daher, nicht nur das Innenohr und den Nerv mit hochaufgelösten, stark T2-gewichteten Aufnahmen darzustellen, sondern mit einer funktionellen MRT das ganze Gehirn sichtbar zu machen, da nur so strukturelle Läsionen ausgeschlossen werden können. Dank innovativer Techniken wie Diffusion Tensor Imaging (DTI) und Resting-State-fMRT, also der funktionellen Konnektivitäts-MRT, wird es möglich, mehr über die Verschaltung und Verkabelung von Nervenbahnen und damit letztlich über die Prozesse im Gehirn herauszufinden. So können mit DTI die Faserbahnen farblich dargestellt werden, die verschiedenen Trakte und Verschaltungen der Hörbahnen sowie Reifungsvorgänge werden erkennbar. Allerdings liegen die Ursachen für eine Hörstörung nur in sehr seltenen Fällen tatsächlich im Gehirn. „Die meisten Ursachen für Hörschäden, ob primär oder sekundär, nach denen wir suchen, befinden sich im Innenohr, gefolgt von Störungen des Hör- und Gleichgewichtsnervs. In den selteneren Fällen kommt es zu einer Verschaltung im Gehirn, bei der zwar das Empfangsorgan funktioniert, aber das Signal im Gehirn aufgrund unterschiedlichster Ursachen nicht richtig wahrgenommen wird“, so Ertl-Wagner.


PROFIL
Prof. Dr. Birgit Ertl-Wagner ist seit 1999 am Campus Großhadern der Universität München-Großhadern tätig. Zu ihren Spezialgebieten gehören unter anderem die zerebrale Fluss-, Perfusions- und Druckquantifizierung mit der MRT und die Diffusions-Tensor-Bildgebung. Ihre Facharztausbildung für diagnostische Radiologie schloss die Münchnerin 2002 ab, die Schwerpunktbezeichnung für Neuroradiologie erlangte sie 2005. Sie war mehrmals zu wissenschaftlichen Aufenthalten im Ausland, unter anderem an der Mayo Clinic, Rochester, MN, USA, und an den National Institutes of Health (NIH). Heute ist Birgit Ertl-Wagner Oberärztin für MRT der radiologischen Abteilung am Campus Großhadern.

23.01.2015

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