Kinderradiologie

Bildgebung für die nächste Generation

Die pädiatrische Radiologie bekommt immer größeren Seltenheitswert in Deutschland. Auf eine Million Kinder kommen gerade einmal vier Kinderradiologen. Gleich drei dieser „Exoten“ sind am Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg zu finden. Deren Abteilung für Bildgebende Diagnostik zählt zu den wenigen Einrichtungen, die über einen eigenen Magnetresonanztomographen für die kleinen Patienten verfügen.

Dr. Andreas Leenen
Dr. Andreas Leenen

Seit 2007 führen Chefarzt Dr. Leenen und sein Team etwa 1.200 Untersuchungen im Jahr in dem Siemens Magnetom Espree 1,5T durch. Das Gerät zeichnet sich durch eine kurze Röhre und eine großzügige Öffnung aus, sodass es auch auf Kinder einen nicht allzu angsteinflößenden Eindruck macht. „Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass eine Kinderradiologie einen eigenen MRT betreibt“, betont der Kinderarzt und Kinderradiologe. „Das Gerät ist bei uns nicht so stark wie in einer Erwachsenenradiologie ausgelastet. Aber eine MRT-Untersuchung von Kindern braucht mehr Zeit und Zuwendung, weil sie sich weniger kooperativ verhalten als Erwachsene. Aus medizinischer Sicht lohnt sich die Investition dadurch allemal. So ermöglicht uns der MRT etwa auch, Untersuchungen durchzuführen, die modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen, für die man aber sonst keinen Termin bekommt, zum Beispiel bei der Frage nach einer Appendizitis oder Pyelonephritis. Gerade bei älteren oder adipösen Kindern kann der MRT hier mithilfe der Diffusionswichtung weiterhelfen.“

Da das Wilhelmstift keine Abteilung für Neurochirurgie oder Onkologie unterhält und keine Kinder mit chronischen Lungenkrankheiten betreut, kommt die Abteilung für Bildgebende Diagnostik im Haus komplett ohne einen Computertomographen aus. Neben dem MRT-System sind zwei hochauflösende Ultraschallgeräte sowie zwei digitale Röntgenanlagen mit gepulster Durchleuchtung im Einsatz. Was die Röntgenbildgebung angeht, so herrschen strenge Auflagen, erklärt Dr. Leenen: „Kinder haben eine sehr hohe Lebenserwartung, zudem sind sie deutlich strahlensensibler als Erwachsene. Deshalb hat der Strahlenschutz im Kindesalter oberste Priorität. Jede Untersuchung wird streng nach der Röntgenverordnung durch einen Fachkundigen indiziert. Wenn wir eine diagnostische Fragestellung mit einem alternativen Verfahren beantworten können, dann tun wir das.“

Darüber hinaus hat es der Kinderradio-loge häufig mit Krankheitsbildern zu tun, die nur in jungen Jahren auftreten, viele sogar nur in bestimmten Altersgruppen. Das gilt auch für die Thoraxdiagnostik beim Kind, über die Dr. Leenen in einem Vortrag auf dem diesjährigen RKR sprechen wird: „Das fängt bereits im frühgeborenen Alter an, wo bei Unreife der Lunge oft ein Atemnotsyndrom auftritt. Als Folgeerkrankung kann es bei Kindern zu einer bronchopulmonalen Dysplasie (BPD) kommen. Diese ist dank der Surfactant-Therapie zum Glück seltener geworden. Des Weiteren findet die Thorax-Bildgebung ihre diagnostische Anwendung bei Fehlbildungen der Lunge oder Zwerchfellhernien. Bei den älteren Kindern sind Indikationsstellungen häufig Lungenentzündungen oder Fremdkörperaspiration.“

Bei fast allen diagnostischen Fragestellungen rund um den Thorax ist ein Röntgenbild immer noch unverzichtbar. Aber auch hier kommen die Sonographie und die Magnetresonanztomographie als weiterführende Informationsgeber in vielen Fällen zum Zug, sagt der Hamburger Chefarzt: „Der Ultraschall und auch der MRT sind hervorragend geeignet, um Veränderungen der Brustwand oder des Mediastinums darzustellen, aber auch Erkrankungen der Lymphknoten oder Knochenentzündungen. Dazu werden verschiedene Sequenzen gefahren, um Klarheit darüber zu gewinnen, welches Gewebe betroffen ist.“ Auch hier gilt wieder der Leitsatz: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Die abzubildenden Strukturen sind nicht nur kleiner, sondern verändern sich auch im Laufe der Zeit. Solche altersbedingten Unterschiede müssen dem Untersucher bekannt sein, ansonsten kann es zu Fehlbefunden kommen. Gerade weil die Kinderradiologie jedoch nicht fester Ausbildungsbestandteil zum Facharzt für Diagnostische Radiologie ist, wünscht sich Dr. Leenen mehr Aufmerksamkeit für seine Subspezialität. Denn gerade die kleinsten Patienten bedürfen der größten Verantwortung.

 

PROFIL:

Dr. Andreas Leenen ist Kinderarzt und Kinderradiologe und leitet seit 2003 die Abteilung für Bildgebende Diagnostik im Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg. Nach dem Studium der Humanmedizin in Berlin absolvierte er seine Facharztausbildung in Kinderheilkunde, Radiologie und Kinderradiologie in Berlin am Universitätsklinikum Benjamin Franklin, am Rudolf-Virchow-Krankenhaus und in der Charité. Von 2009 bis 2012 war er im Universitätsklinikum Göttingen tätig, zuletzt als Oberarzt. Sein Hauptinteresse gilt dem Ultraschall und der MRT, seit 2012 ist er Mitglied des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR).

18.11.2014

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