Kardiologie

Aortendissektion - die unterschätzte Gefahr

Wahrscheinlich doppelt so viele Menschen wie bisher angenommen erkranken an einer akut lebensbedrohlichen Aortendissektion. Zu diesem Ergebnis kommt eine jetzt veröffentlichte Studie des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB).

Die Symptome der akuten Aortendissektion können auch von erfahrenen Notärzten...
Die Symptome der akuten Aortendissektion können auch von erfahrenen Notärzten als Anzeichen des weitaus häufiger vorkommenden Herzinfarktes missdeutet werden.
Quelle: hywards / Shutterstock

Die Experten gehen davon aus, dass jährlich hunderte Patienten an der Erkrankung sterben, weil sie zu spät oder gar nicht erkannt wird. Hinter dem Fachbegriff „akute Typ A-Aortendissektion“ steht eine ebenso lebensbedrohliche wie tückische Erkrankung: Dabei reißt die innere Wandschicht der Hauptschlagader (Aorta) direkt am Herzen ein und löst sich ab. In den Zwischenraum fließt Blut und vergrößert ihn entlang der Aorta immer weiter. So können Abzweigungen – etwa zum Gehirn – verschlossen werden. Die größte Gefahr der Aortendissektion aber ist die Einblutung in den Herzbeutel, die rasch zum Herzstillstand führen kann. Eine Aortendissektion muss deshalb so schnell wie möglich in einem spezialisierten Herzzentrum operiert werden. Unbehandelt verläuft sie in einem Großteil der Fälle innerhalb von 48 Stunden tödlich.

Symptome oft als Anzeichen für einen Herzinfarkt gedeutet

Eine schnelle und sichere Diagnose der akuten Aortendissektion ist allerdings nicht leicht. Die Symptome - vor allem der heftige Brustschmerz - können auch von erfahrenen Notärzten als Anzeichen des weitaus häufiger vorkommenden Herzinfarktes missdeutet werden. Häufig sorgt erst eine Untersuchung mit dem Computertomographen für Klarheit, der aber nicht überall und schnell genug zur Verfügung steht. Schlimmer noch: Wird die Aortendissektion behandelt wie ein Herzinfarkt, kann das fatale Folgen haben, so Stephan Kurz, Kardioanästhesist und Notarzt am DHZB, denn die dafür eingesetzten Medikamente verdünnen das Blut: „Bei der Aortendissektion wird die Blutung dadurch noch beschleunigt und die weitere Versorgung erheblich erschwert“.

Ein Team der Klinik für Herz,-Thorax- und Gefäßchirurgie am DHZB (Direktor: Prof. Dr. med. Volkmar Falk) unter der Leitung von Stephan Kurz hat die Patientenakten und Notarztprotokolle von über 1.600 Patienten analysiert, die wegen einer akuten Typ A-Dissektion am DHZB behandelt wurden.Zusätzlich wurden über 14.000 Autopsieberichte aus dem Institut für Rechtsmedizin der Charité und dem Fachbereich Pathologie des Vivantes-Netzwerks ausgewertet, um zu erfassen, wie viele Patienten in Berlin und Brandenburg an einer Aortendissektion verstorben sind.

Hohe Dunkelziffer

Die Ergebnisse wurden im „International Journal of Cardiology“ veröffentlicht und zeigen dringenden Handlungsbedarf. So wurde ermittelt, dass die mittlere Zeit vom Auftreten der ersten Symptome bis zum Beginn der Operation bei über 8 Stunden liegt und dass die Aortendissektion mit hoher Wahrscheinlichkeit viel häufiger auftritt als bisher angenommen: Das statistische Bundesamt geht von jährlich 4,6 Fällen auf 100.000 Einwohner aus, die Hochrechnung der in der Studie erhobenen Daten ergibt einen mehr als doppelt so hohen Wert (11,9 Fälle). „Anhand unserer Daten müssen wir von einer Dunkelziffer von über 200 Menschen ausgehen, die in Berlin und Brandenburg jedes Jahr verstorben sind, weil eine akute Aortendissektion zu spät erkannt oder falsch behandelt wurde“, sagt Stephan Kurz.

Das DHZB hat deshalb bereits 2015 das Konzept eines „Aortentelefons“ ausgearbeitet: Eine medizinische Hotline, die allen Berliner und Brandenburger Ärzten rund um die Uhr koordinierend und beratend zur Seite steht. So soll die Zeit vom Ereignis bis zur OP nicht nur entscheidend verkürzt, sondern auch besser genutzt werden.Das Konzept hat laut DHZB bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Diagnostik und Erstversorgung geführt: Die Zahl der am DHZB wegen einer akuten Typ A-Dissektion operierten Patienten stieg von durchschnittlich 80 in den Vorjahren auf 138 in 2016, also um mehr als 70 Prozent. Auch die Zeitspanne vom Eintreten der ersten Symptome bis zum Operationsbeginn konnte bereits um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt werden.


Quelle: Deutsches Herzzentrum Berlin

11.07.2017

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