Neurologie

22. Juli ist 1. Welttag des Gehirns

„Unser Gehirn – unsere Zukunft”: Mehr Bewusstsein für die Bedeutung der Gehirn-Gesundheit – Mehr Prävention für oft unterschätzte Krankheiten

Die Neurologie-Weltföderation (World Federation of Neurology, WFN) hat den 22. Juli zum 1. Welttag des Gehirns erklärt. Dieser Anlass soll zu mehr Aufmerksamkeit für die Bedeutung der Gehirn-Gesundheit und die Prävention von weithin unterschätzten Erkrankungen beitragen.

Bild: www.facebook.com/wfneurology?fref=tsTwitter
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Neurologische und psychiatrische Erkrankungen des Gehirns sind für 13 Prozent der globalen Krankheitslast verantwortlich, und damit für mehr als Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Vielen von ihnen könnte wirksam vorgebeugt werden, es stehen auch wirksame Therapien zur Verfügung. Doch die diagnostischen und therapeutischen Ressourcen sind weltweit sehr ungleich verteilt.
„Es gibt keine Gesundheit ohne die Gesundheit des Gehirns. Unser Gehirn ist unser komplexestes Organ, und die Gehirnfunktionen beeinflussen die Gesundheit des gesamten Menschen“, so Dr. Raad Shakir, Präsident der World Federation of Neurology (WFN). „Allerdings nehmen die breite Öffentlichkeit und Entscheidungsträger die wichtige Rolle des Gehirns und seiner Gesundheit häufig nicht ausreichend ernst. Die individuelle und kollektive Belastung durch Erkrankungen des Gehirns, insbesondere durch neurologische Erkrankungen, wird weithin unterschätzt. Erkrankungen wie Schlaganfall oder Demenz nehmen in einem Ausmaß zu, das unsere Gesundheitssysteme rasch überfordern kann. Daher müssen wir uns verstärkt der Prävention widmen. Neurologen sind die Anwälte der Gehirn-Gesundheit, sie müssen eine führende Rolle dabei einnehmen, diesen Herausforderungen durch neue Ansätze zu begegnen.“ Mit diesem Appell ging Dr. Shakir anlässlich des 1. Welttages des Gehirns der WFN am 22. Juli an die Öffentlichkeit. Der Termin ist nicht zufällig gewählt: Die WFN wurde am 22. Juli 1957 in Brüssel gegründet.
„Die Komplexität des Gehirns und neurologischer Krankheiten erschwert häufig ihre ausreichende Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit. Das wichtigste Ziel unserer Kampagne ist deshalb, das Thema Gehirn-Gesundheit in all seinen Aspekten und sozialen Dimensionen zu präsentieren und die Öffentlichkeit für ihre Bedeutung zu sensibilisieren. Von neurologischen Erkrankungen Betroffene sollen unterstützt und die breite Öffentlichkeit über die Bedeutung der Prävention informiert werden“, sagt Dr. Mohammad Wasay, Vorsitzender des Public Awareness and Advocacy Committee der WFN. „Jeder dritte Mensch wird im Lauf des Lebens an Demenz oder einem Schlaganfall erkranken. Krankheiten, die das Gehirn betreffen, sind die weltweit wichtigste Ursache für Behinderungen. Es ist Zeit, zu handeln. Deshalb starten wir diese internationale Kampagne zur Gehirn-Gesundheit.“

Krankheitslast weitgehend unterschätzt
Die Krankheitslast werde häufig unterschätzt, so WFN Präsident Shakir. „Schlaganfall und Schädel-Hirn-Verletzungen sind global die beiden wichtigsten Ursachen von Behinderungen. Ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung leiden unter einer Behinderung aufgrund von Schädel-Hirn-Verletzungen. Der Schlaganfall ist weltweit die zweithäufigste Todesursache nach ischämischen Herzerkrankungen. Nach Berechnungen der WHO sind neurologische Erkrankungen allein für 4,5 bis 11 Prozent der weltweiten Krankheitslast verantwortlich, je nachdem, ob Länder mit hohem oder niedrigem Einkommen betrachtet werden. Das ist mehr als die Belastung durch Atemwegserkrankungen, gastrointestinale Störungen oder Krebs.“
Neurologische Erkrankungen verursachen laut WHO weltweit 12 Prozent aller Todesfälle, wobei es Unterschiede je nach ökonomischem Status gibt. Länder im unteren mittleren Einkommenssegment sind mit fast 17 Prozent der Todesfälle am meisten betroffen, weil hier infektionsbedingte und nicht-übertragbare neurologische Krankheiten gemeinsam zum Tragen kommen. Schlaganfall und andere zerebrovaskuläre Störungen führen von allen neurologischen Krankheiten mit 85 Prozent mit Abstand am häufigsten zum Tod.
Laut WHO werden die DALYs (Disability Adjusted Life Years: die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch vorzeitigen Tod kombiniert mit dem Verlust an Lebenszeit durch Behinderung) aufgrund neurologischer Krankheiten weltweit von 92 Millionen im Jahr 2005 auf 103 Millionen 2030 ansteigen: ein alarmierendes Plus von 12 Prozent. Drastisch in die Höhe schnellen werden, schon aufgrund der demographischen Entwicklung, vor allem verlorene Lebensjahre in Zusammenhang mit Alzheimer und anderen demenziellen Erkrankungen, und zwar um 66 Prozent. Der Löwenanteil der DALYs aufgrund neurologischer Störungen entfällt mit mehr als 55 Prozent auf zerebrovaskuläre Krankheiten wie Schlaganfall und Hirnblutungen. Schätzungen zufolge werden allein im Jahr 2015 rund 50 Millionen gesunde Lebensjahre durch Schlaganfälle verloren gehen.

Ungleich verteilte Ressourcen
„Die Krankheitslast ist ungleich verteilt, manche neurologische Erkrankungen treten in unterschiedlichen Teilen der Welt in unterschiedlicher Häufigkeit auf, oder betreffen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen“, so Prof. Wolfgang Grisold (Wien), Generalsekretär der WFN. „Obwohl wir in der Diagnostik und Therapie von neurologischen Erkrankungen große Fortschritte gemacht haben, bestehen erschreckenden Ungleichheiten in der Verfügbarkeit von Behandlungsmöglichkeiten. Viele Menschen auf der ganzen Welt haben entweder keinen oder unzureichenden Zugang zu neurologischer Versorgung."
Nur knapp neun Prozent der Weltbevölkerung, so zeigen WHO-Daten, verfügen pro 10.000 Einwohner über mehr als ein Spitalsbett in einer neurologischen Einrichtung. Besonders ausgeprägte Mängel gibt es in Südostasien und Afrika. Stehen in wohlhabenden Ländern durchschnittlich drei Neurologen pro 100.000 Einwohner zur Verfügung, sind es in einkommensschwachen Ländern nur 0,03, was unter den einschlägigen Empfehlungen liegt.
Für viele neurologische Erkrankungen stehen kostengünstige wirksame Therapien zur Verfügung, so Dr. Wasay: „Es ist besonders tragisch, wenn Patienten nicht einmal Zugang zu den grundlegenden Medikamenten haben. Am Beispiel der Epilepsie: Bis zu 70 Prozent der Menschen mit Epilepsie könnte durch eine Behandlung mit Antiepileptika anfallsfrei leben. Aber der Anteil der Patienten, die unbehandelt bleiben, liegt in den meisten Ländern mit niedrigem Einkommen bei über 80 Prozent.“

Gehirn-Gesundheit muss eine gesundheitspolitische Priorität werden
„Der 1. Welttag des Gehirns ist auch als Weckruf an die politischen Entscheidungsträger zu sehen. Trotz der großen Belastung, die sie verursachen, sind neurologische Erkrankungen viel zu wenig auf der gesundheitspolitischen Agenda präsent, auf nationaler wie internationaler Ebene“, sagt WFN-Präsident Shakir. „Diese Erkrankungen verursachen haben auch viel größere soziale und wirtschaftliche Auswirkungen, als oft angenommen.“ In Europa betrugen die volkswirtschaftlichen Kosten neuro-psychiatrischer Erkrankungen laut aktuellen, vom European Brain Council und der CDBE2010 Study Group publizierten Zahlen, 798 Milliarden Euro. Auf neurologische Erkrankungen allein entfallen 336 Millionen Euro.
WFN-Generalsekretär Prof. Grisold: „Die Belastung durch neurologische Erkrankungen sollten von der Gesundheitspolitik mit höchster Priorität behandelt werden. Die Botschaft, die wir hier mit dem 1. Welttag des Gehirns vermitteln, ist klar: Regierungen und internationalen Organisationen müssen die Gesundheit des Gehirns priorisieren.“
Ein Gutteil der Krankheitslast wäre vermeidbar. „Zu den wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen zählen Impfprogramme für die Prävention von Neuroinfektionen und den neurologischen Folgen anderer Infektionen“, so Dr. Wasay. „Krankheiten wie Schlaganfall kann durch Lebensstil-Maßnahmen und die Beeinflussung von Risikofaktoren wie Blutdruck, Cholesterin, Rauchen oder Diabetes verhindert werden. Mehr als 100 Millionen DALYs könnten allein durch effektive Strategien zur Reduktion von Schlaganfällen und Schädel-Hirn-Verletzungen gewonnen werden."

Mehr als 100 nationale Fachgesellschaften tragen die Kampagne
Mehr als 100 nationale Mitgliedsgesellschaften der WFN setzen zum 1. Welttag des Gehirns Aktivitäten auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene. Die WFN stellt dafür Informations- und Aufklärungsmaterial zur Verfügung. Eine wichtige Rolle in der Kommunikation spielen soziale Medien, insbesondere Facebook und Twitter.
www.wfneurology.org/
www.facebook.com/wfneurology?fref=ts
Twitter: @wfneurology
Hashtag: #WorldBrainDay

Quellen: Birbeck et al, Global opportunities and challenges for clinical neuroscience, JAMA 2014; Editorial, Europe’s shocking statistics on neurological and mental disorders demand a shift in priorities, Nature 2011; Gustavsson et al, Cost of disorders of the brain in Europe 2010, European Psychoneuropharmacology 2011; Collins et al, Grand challenges in global mental health, Nature 201; Olesen et al, The economic cost of brain disorders in Europe. European Journal of Neurology 2012; WHO: Neurological Disorders: Public Health Challenges; WHO Atlas, Country Resources for Neurological Disorders
 

21.07.2014

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