Steuer rauf, Raucheranzahl runter

Der Tabakkonsum vieler Raucher beginnt im jugendlichen Alter. Aus Sicht der Prävention ist es deshalb sinnvoll, gerade Kinder und Jugendliche vom Rauchen fernzuhalten. Im vergangenen Jahrzehnt ist es gelungen, die Anzahl rauchender Jugendlicher mehr als zu halbieren, ihr Anteil sank von rund 28 Prozent im Jahr 2001 auf 12 Prozent im Jahr 2012.

Photo: Steuer rauf, Raucheranzahl runter
Photo: Steuer rauf, Raucheranzahl runter

Dennoch ist es nach Ansicht von Dr. Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention und des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg verfrüht, sich auf den Erfolgen auszuruhen.

RöKo Heute: Welche Maßnahmen haben sich in der Vergangenheit als die wirkungsvollsten zur Einschränkung des Tabakkonsums bei Kindern und Jugendlichen erwiesen?
Pötschke-Langer: Die wirksamste Maßnahme ist eine kontinuierliche Erhöhung der Tabaksteuer. Nur wenn der Preis hochgeht, sinkt der Konsum. Vor allem nach den deutlichen Tabaksteuererhöhungen in den Jahren 2002 bis 2005 ging der Anteil der Raucher in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen deutlich zurück. Die aktuellen Steuererhöhungen sind viel zu gering, um als Mittel der Verhaltenssteuerung zu wirken. Wir wünschen uns ab 2015 wenigstens eine jährliche Erhöhung von 50 Cent pro Packung über mehrere Jahre. Nur so kann der leichten Zunahme des Rauchens, die wir 2012 beobachtet haben, entgegengewirkt werden. Ein Vorbild sind die skandinavischen Länder mit einem Packungspreis von über 10 Euro.

Es läuft also primär über den Geldbeutel. Gibt es denn überhaupt keine Einsicht?
Die zweite wirksame Maßnahme ist die verringerte soziale Akzeptanz des Rauchens in der Öffentlichkeit. Von 2007 bis 2010 gab es eine breite öffentliche Debatte um den Nichtraucherschutz und die Nichtraucherschutzgesetze, die das Rauchen zum Beispiel in Gaststätten verbieten, wurden eingeführt. In diesem Zeitraum sank der Anteil der rauchenden Jugendlichen um etwa 5 Prozent. Die intensive Berichterstattung hat zu einer deutlichen Akzeptanzzunahme für die Gesetze von ehemals 52 Prozent im Jahr 2005 auf heute über 80 Prozent geführt. Und sie hatten auch einen positiven Effekt auf den privaten Raum, denn immer weniger Raucher rauchen in den eigenen vier Wänden. Man darf eines nicht vergessen: Kinder und Jugendliche orientieren sich stark am Verhalten der Erwachsenen. Wenn sie sehen, dass die Erwachsenen weniger rauchen, dann hat das einen spürbaren Effekt auf ihr eigenes Verhalten.

Inwieweit ist Rauchen noch mit der sozialen Schichtzugehörigkeit verknüpft?
Wir haben die unglückliche Konstellation, dass ausgerechnet die Gruppen in unserer Gesellschaft, die am wenigsten verdienen, am meisten rauchen. Zu den Berufsgruppen mit den höchsten Raucheranteilen zählen bei den Männern neben Arbeitslosen, Gebäudereiniger, Maler, Lackierer und Transportgeräteführer, wohingegen Elektroingenieure, Lehrer oder Ärzte den geringsten Raucheranteil haben. Ähnlich verhält es sich bei den Frauen. Neben den familiären Vorbildern spielt der Bildungsstand also eine entscheidende Rolle. In bestimmten Schichten spielt das Rauchen noch eine Rolle, in anderen überhaupt nicht mehr

Was versprechen Sie sich vom jüngsten EU-Beschluss, der abschreckende Bilder auf den Verpackungen vorsieht?
Die bildlichen Warnhinweise sind ein wirksames Mittel der Prävention, aber ihr Effekt wird sicherlich nicht so deutlich ausfallen wie bei den gerade beschriebenen Maßnahmen. Sie haben einen emotionalisierenden Effekt und prägen sich gut ein. Der Hinweis auf eine Rauchstopp-Telefonnummer erhöht auch das Anrufaufkommen ganz erheblich. Neben der Abschreckung erhöhen die bildlichen Warnhinweise auch die Motivation zur Entwöhnung und bestätigen Exrauchern die Richtigkeit ihrer Entscheidung. Denn die meisten Raucher, etwa 75 Prozent, hören tatsächlich aus eigenem Willen und aus eigener Kraft ohne Hilfsmittel auf. Nur wenige nutzen die Raucherentwöhnungsangebote der Krankenkassen oder ärztliche Beratung.

Welches Ziel haben Sie vor Augen und wie kann das erreicht werden?
Es gibt Länder wie Irland und Neuseeland, deren Regierung es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Raucheranteil bis zum Jahr 2025 auf unter 5 Prozent zu senken, und die entsprechende Maßnahmen vornehmen. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber es ist wünschenswert und möglich, den Anteil rauchender Jugendlicher in Deutschland auf unter 10 Prozent zu senken. Dazu müssten ein Nichtraucherschutz ohne Ausnahmen, ein umfassendes Tabakwerbeverbot und eine restriktivere Vertriebsstruktur durchgesetzt werden. Und die bestehenden Gesetze, wie die Tabakrahmen-Konvention, müssten – gegen den Druck der Tabaklobby – endlich umgesetzt werden.

Im Profil:
Dr. Martina Pötschke-Langer hat sowohl einen geisteswissenschaftlichen als auch einen medizinischen Abschluss der Universtität Heidelberg. Beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg leitet sie seit 1997 die Stabsstelle Krebsprävention, die 2002 von der WHO als Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle anerkannt wurde. Ihre Arbeit umfasst die Information von Öffentlichkeit und Politik zu relevanten Themen der Krebsprävention. Außerdem ist Martina Pötschke-Langer an der Umsetzung des internationalen Rahmenabkommens für Tabakkontrolle sowie der Bewertung der Tabakkontrollmaßnahmen in Deutschland und weltweit beteiligt.
 

30.05.2014

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