Mikroskopische Aufnahme einer Knochenmarkbiopsie: Zwischen den Knochenbälkchen (rosa) und den Fettzellen (weiß) sind die Stamm- und Vorläuferzellen sowie reife Blut- und Immunzellen (alle violett gefärbt) zu sehen.

 © Dr. Jana Ihlow, Charité – Universitätsmedizin Berlin 

News • Hämatologie

Der Vielfalt der Blutstammzellen auf der Spur

Im Knochenmark gibt es verschiedene Stammzellen, aus denen Blut- und Immunzellen hervorgehen. Wie und wodurch sie sich voneinander unterscheiden, erläutern Forscher in einer neuen Studie.

Tag für Tag produziert der Körper eine riesige Zahl von Blut- und Immunzellen, die uns gesund und am Leben halten. Sie alle entwickeln sich aus Blutstammzellen im Knochenmark. Schon lange ist bekannt, dass sich diese Stammzellen voneinander unterscheiden – zum Beispiel durch ihre Teilungsrate oder die Zelltypen, die bevorzugt aus ihnen hervorgehen. Wie genau diese Vielfalt entsteht und wofür sie wichtig ist, war bisher unklar. 

Ein Team um drei Forscher aus Heidelberg und den Berliner Biowissenschaftler Professor Simon Haas liefert jetzt in „Nature Cell Biology“ erstmals eine schlüssige Erklärung für das beobachtete Phänomen. Demnach existieren im Knochenmark keine festen Untergruppen von Blutstammzellen. Stattdessen verändern sich alle Stammzellen entlang eines vorgezeichneten Weges: von einem langsamen, hochpotenten Zustand hin zu einem schnelleren und aktiveren Zustand mit einem begrenzteren Entwicklungspotenzial. „Ein besseres Verständnis für das Verhalten der Stammzellen kann dazu beitragen, dass Therapien mit ihnen, zum Beispiel gegen Leukämien, effektiver werden“, sagt Haas. 

Dieser Artikel könnte Sie auch interessieren

Photo

Artikel • Forschung, Diagnostik, Behandlung

Themenschwerpunkt: Leukämie

Leukämie ist eine häufige Krebserkrankung des blutbildenden Systems. Die Hauptformen wie die chronische myeloische Leukämie (CML) und die akute myeloische Leukämie (AML) unterscheiden sich zum Teil erheblich in Bezug auf diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Hier erfahren Sie alles zu modernen Ansätze wie molekularer Diagnostik und zielgerichteten Therapien.

Der Wissenschaftler leitet eine Arbeitsgruppe im gemeinsamen Forschungsfokus „Single-Cell-Ansätze für die personalisierte Medizin“ des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH), des Max Delbrück Center und der Charité – Universitätsmedizin Berlin und ist außerdem Professor für Einzelzelltechnologien und Präzisionsmedizin am Precision Healthcare University Research Institute (PHURI) der Queen Mary University London. Sein Labor ist am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie des Max Delbrück Center (MDC-BIMSB) angesiedelt. 

Haas ist einer von vier Letztautoren der aktuellen Studie. Gemeinsam mit Dr. Michael Milsom vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem Heidelberg Institute for Stem Cell Technology (HI-STEM) war er insbesondere für den experimentellen Teil der Studie verantwortlich. Die beiden anderen Letztautoren, Dr. Dr. Daniel Hübschmann vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, vom DKFZ und der Universität Heidelberg sowie Professor Thomas Höfer vom DKFZ, haben die mathematischen Modellierungen vorgenommen, mit deren Hilfe das Team seine Erkenntnisse ebenfalls gewonnen hat. 

Wenn wir detaillierter verstehen, wie die blutbildenden Stammzellen im Körper agieren, können wir ihr Verhalten auch in Patientinnen und Patienten besser vorhersagen und steuern

Simon Haas

„Um herauszufinden, wodurch die Vielfalt der Blutstammzellen entsteht, haben wir mehr als tausend dieser Zellen einzeln isoliert, sie jeweils mit einem fluoreszierenden Protein markiert und dann in Mäuse transplantiert“, erklärt Dr. Florian Grünschläger, ehemaliger Doktorand im Labor von Haas und einer von drei Erstautoren der Studie. „So konnten wir ihre weitere Entwicklung im Körper der Tiere nachverfolgen und beobachten, welche Blut- und Immunzellen wann und in welchen Mengen jeweils aus ihnen hervorgehen.“ 

Durch die Kombination hochauflösender Einzelzelltechnologien und mathematischer Modellierung entdeckten die Forschenden ein überraschendes Muster: Alle Blutstammzellen entwickeln sich entlang einer gemeinsamen Linie. Anfangs teilen und verwandeln sie sich nur langsam, mit der Zeit werden sie schneller und aktiver. Während sie diesen Weg beschreiten, ändert sich nicht nur die Geschwindigkeit der Blutbildung, sondern auch die Art der Blut- und Immunzellen, die sich vorrangig aus ihnen entwickeln. Umkehren können die Stammzellen auf ihrem Weg nicht. 

„Eine zentrale Erkenntnis unserer Studie ist zudem, dass die Stammzellen nicht isoliert agieren“, sagt Dr. Esther Rodríguez Correa, eine weitere Erstautorin und ehemalige Doktorandin im Labor von Milsom. „Stattdessen konkurrieren langsame und schnelle Zellen miteinander, um die verschiedenen reifen Blut- und Immunzellen zu produzieren.“ Welche Zellen das im Einzelnen sind, wird zum einen vom Entwicklungsstadium der jeweiligen Stammzelle bestimmt, zum anderen aber auch vom aktuellen Bedarf. 

„Der Wettbewerb der Stammzellen entscheidet zusammen mit mehreren Rückkopplungssignalen des Körpers, zum Beispiel in Form von Zytokinen, über das Endergebnis“, erklärt Haas. „Er stellt sicher, dass das richtige Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Blut- und Immunzellen aufrechterhalten wird und dass der Körper gleichzeitig schnell auf Stress, beispielsweise eine Infektion oder einen größeren Blutverlust, reagieren kann.“ 

Haas und seine Kollegen gehen davon aus, dass sich viele der an Mäusen gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen. „Auf jeden Fall erklären sie zahlreiche Beobachtungen im menschlichen Blut- und Immunsystem“, sagt der Forscher. „Wenn wir detaillierter verstehen, wie die blutbildenden Stammzellen im Körper agieren, können wir ihr Verhalten auch in Patientinnen und Patienten besser vorhersagen und steuern“, ist sich Haas sicher. Stammzelltherapien und Knochenmarktransplantationen, die schon lange bei Leukämien und anderen Blutkrankheiten im Einsatz sind, könnten so verfeinert und wirksamer werden. 


Quelle: Max Delbrück Center; Text: Anke Brodmerkel

29.05.2026

Verwandte Artikel

Photo

News • Methode zur Risikostratifizierung

Stammzelltherapie beim Multiplen Myelom: Wann es auch ohne Krankenhausaufenthalt geht

Eine autologe Stammzelltransplantation kann beim Multiplen Myelom ein Fortschreiten verhindern und Beschwerden mindern. Eine neue Studie zeigt, wann die Therapie auch ambulant erfolgen kann.

Photo

News • Neuer Therapieansatz für Leukämie entwickelt

AML: Blockade an Knochenmark-Stammzellen entschlüsselt

Ein Forschungsteam konnte nachweisen, wie extrazelluläre Vesikel das Knochenmark bei akuter myeloischer Leukämie (AML) beeinflussen. Die Entdeckung könnte die Behandlung in Zukunft verbessern.

Photo

News • Stammzellen gegen Blutkrebs

Leukämie: Neuer Schlüssel zum Therapieerfolg entdeckt

Eine Knochenmarktransplantation ist bei Leukämie oft die einzige Chance auf langfristige Heilung. Forscher fanden nun heraus, dass es dabei nicht nur auf möglichst passende Gewebemerkmale ankommt.

Newsletter abonnieren