Endokrinologie

Schilddrüse: Alte Irrtümer, neue Erkenntnisse

Schilddrüsenerkrankungen kommen in Deutschland häufig vor, ebenso häufig aber auch Informationsdefizite bei Betroffenen. Dass zum Beispiel Hashimoto-Patienten ihre Jodaufnahme reduzieren müssen, oder dass bei einem Schilddrüsenknoten nur die Operation bleibt, entspricht keinesfalls den Empfehlungen der Medizin. Im Gespräch mit dem Forum Schilddrüse e.V. haben sich drei Hochschulmediziner zu diesen Themen geäußert und berichten aus der wissenschaftlichen Debatte.

Dr. Joachim Feldkamp
Dr. Joachim Feldkamp

Mit dabei die beiden Endokrinologen und Internisten Privat-Dozent Dr. Joachim Feldkamp vom Klinikum Bielefeld und Professor Onno Janßen vom endokrinologikum Hamburg sowie Professor Frank Grünwald, Facharzt für Nuklearmedizin an der Universität Frankfurt.

Hashimoto: Helfen Jodverzicht und vegane Ernährung?

Ein großer Mythos hält sich hartnäckig bei vielen Hashimoto-Patienten: Sie glauben, dass Jod für sie schädlich ist. „Das stimmt nicht. Hashimoto-Patienten dürfen Jod zu sich nehmen. Sie sollten aber darauf achten, dass es dauerhaft nicht erheblich mehr ist als die empfohlene Tagesdosis, sprich 200 Mikrogramm pro Tag“, erklärt Dr. Feldkamp. So könnten Hashimoto-Patienten etwa bedenkenlos Jodsalz verwenden, Fisch essen und Urlaub an der See machen. Auch eine spezielle Ernährung sei nicht notwendig. Manche Patienten entscheiden sich bewusst für eine vegane, vegetarische oder eine glutenfreie Ernährung, was allerdings laut Feldkamp die Erkrankung nicht ursächlich beeinflusst. Bei Hashimoto greife das körpereigene Abwehrsystem die Schilddrüse an, eine Autoimmunreaktion, die durch bestimmte Nährstoffe weder gemildert noch getriggert wird.

Die Gewichtszunahme ist ein weiterer Aspekt, den viele Patienten häufig missverstehen. Hierbei handelt es sich um ein Symptom der Schilddrüsenunterfunktion, die bei Hashimoto besteht. Normalerweise nehmen Patienten, sobald sie therapiert werden, wieder ab. Manchmal kann es jedoch sein, dass die Pfunde nicht so einfach wieder purzeln. „Ein möglicher Grund ist, dass das zur Behandlung eingesetzte Schilddrüsenhormon zu hoch dosiert wurde“, vermutet Feldkamp. Viele Patienten, aber auch Ärzte glauben bei Schilddrüsenhormonen an das Prinzip „viel hilft viel“, also dass eine hohe Dosis an Schilddrüsenhormon auch viel Gewichtsabnahme bedeutet. Das stimmt nicht. „Die Patienten haben oft durch das Schilddrüsenhormon mehr Hunger“, warnt Feldkamp und fügt hinzu: „Das Einstellen der Dosis erfordert ein wenig Geduld. Wichtig ist zum Beispiel, dass der Patient sein Schilddrüsenpräparat nüchtern einnimmt und erst eine halbe Stunde danach frühstückt einschließlich des Getränks. Hält er sich nicht an diesen Zeitplan, werden die Hormone nicht adäquat in den Blutkreislauf aufgenommen.“ Ein weiterer Grund für eine Gewichtszunahme können bei Frauen die Wechseljahre sein. „Oft entsteht ein Hashimoto während dieser Phase der hormonellen Umstellung, die auch Einfluss auf das Immunsystem hat. Der Stoffwechsel verlangsamt sich und Frauen verlieren leider nicht mehr so einfach an Gewicht wie vorher. Mit der Schilddrüse hat das aber nichts zu tun.“

Vorbeugen und frühzeitig therapieren

Von einem weiteren Irrtum bei Schilddrüsenerkrankungen berichtet Professor Grünwald. „Nicht jeder Schilddrüsenknoten erfordert gleich eine Operation. Werden die Knoten frühzeitig entdeckt, können sie mit Medikamenten behandelt werden.“ Am besten sei jedoch die Vorbeugung, so Grünwald. Da reiche es schon, auf die Jodversorgung zu achten. Denn Knoten entstehen meist aufgrund von Jodmangel. Die Befürchtung, dass sich hinter dem Knoten eine Krebserkrankung verberge, ist laut Grünwald meistens nicht gerechtfertigt. „Schilddrüsenkrebs ist sehr selten. Die meisten Knoten sind gutartig und müssen nicht operiert werden.“ Trotzdem würden Patienten häufig auf die Operation drängen. Daher sollten Ärzte hier gut aufklären. Eine Operation an der Schilddrüse bedeutet, dass die gesamte oder zumindest die Hälfte des Organs entfernt wird. Sie birgt zum einen das Risiko einer Stimmbandlähmung und zum anderen kann die körpereigene Steuerung des Kalziumspiegels dauerhaft beeinträchtigt sein. Außerdem müssen die Patienten im Anschluss ein Leben lang Schilddrüsenhormone einnehmen. „Daher sollten Schilddrüsenknoten erst dann operativ behandelt werden, wenn eine andere Behandlung nicht mehr in Frage kommt“, schlussfolgert Grünwald.

Die Schilddrüse braucht in der Schwangerschaft mehr Jod

Professor Janßen räumt mit einem weiteren Irrtum auf: Schlechte Schilddrüsenwerte verhindern keine Schwangerschaft. Jedoch sei es wichtig, so der Experte, mit gesunden Schilddrüsenwerten in die Schwangerschaft zu gehen. „Die Schilddrüsenhormone sind wichtig für die Gehirnentwicklung des Kindes, vor allem in den ersten Wochen der Schwangerschaft. Frauen sollten sich also vor einer Schwangerschaft vergewissern, dass sie ausreichend mit Jod versorgt sind, da es für die Herstellung der Schilddrüsenhormone benötigt wird. Und sie sollten ihre Schilddrüsenhormonwerte kontrollieren lassen.“ Eine Aufnahme des Schilddrüsen-Checks in den Mutterpass wäre in diesem Zusammenhang laut Janßen sicherlich sinnvoll, wird aber in der Praxis zurzeit noch nicht umgesetzt. In der Stillzeit sei es ebenfalls wichtig, auf Jod zu achten. Da gestillte Säuglinge nur über die Muttermilch Jod aufnehmen, sollte diese ausreichend Jod enthalten.

Jod-Supplementation in der Schwangerschaft auch bei Hashimoto

Eine optimale Versorgung können Schwangere und Stillende über Jodtabletten und eine jodreiche Ernährung sicherstellen, empfiehlt der Experte und verweist auf die im Deutschen Ärzteblatt (29. April 2016) publizierte aktuelle Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (Initiative Klug Entscheiden). Danach sollten alle Schwangeren und Stillenden täglich 150 bis 200 Mikrogramm Jod als Nahrungsergänzung einnehmen, um ihren erhöhten Bedarf zu decken. Dies gelte auch, wenn sie an einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse wie Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow leiden. Bei Hashimoto-Patientinnen ist die Jodgabe in der Schwangerschaft unbedenklich. Frauen mit Morbus Basedow sollten die Jodeinnahme erst mit ihrem Arzt besprechen. Wenn noch keine Schwangerschaft besteht, sollten Basedow-Patientinnen warten, bis die Erkrankung therapiert ist. Auch wenn der Basedow während der Schwangerschaft oft besser wird, erleiden Frauen nach der Entbindung oft einen Rückfall. Dann müssen sie Schilddrüsenblocker (Thyreostatika) nehmen, welche in die Muttermilch übergehen. Je nach benötigter Dosis müssten diese Frauen dann abstillen, oder die Schilddrüse muss operativ entfernt werden.

Fragen zur Schilddrüse?

Über die Schilddrüse gibt es immer noch viele Irrtümer. Um darüber aufzuklären, informiert das Forum Schilddrüse e.V. seit 1988 über Neues und Altbekanntes rund um das Schmetterlingsorgan. Ein Schlucktest, News, Videos und ein Lexikon gehören zum Angebot des Forums, zu finden auf der Webseite „forum-schilddruese.de“. Wer weitere Fragen hat, kann kostenlos aus dem mehrsprachigen Broschürenkatalog (Beispiele: „Mini-Organ mit Maxi-Wirkung“, „Hashimoto-Thyreoditis“, „Morbus Basedow“, „Radiojodtherapie“, „Operation der Schilddrüse“) bestellen oder werktags von 9 bis 13 Uhr telefonisch das Info-Büro anrufen. Auch Vorschläge zu Themen, die das Forum Schilddrüse zukünftig behandeln soll, können eingereicht werden. Alle zwei Wochen bietet das Forum Schilddrüse außerdem eine Experten-Sprechstunde per Telefon an. Hier können Patienten konkrete Fragen zu ihrer Erkrankung stellen oder sich eine zweite Meinung einholen. Gesprächspartner der Sprechstunde sind erfahrene Internisten, Endokrinologen, Nuklearmediziner und Chirurgen aus dem neunköpfigen wissenschaftlichen Beirat des Forum Schilddrüse e.V. Die Termine und die jeweiligen Experten der Beratungssprechstunden sind auf der Website zu finden.

 

Quelle: Forum Schilddrüse e.V.

07.06.2017

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