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Oberflächendesinfektion bei COVID-19

SARS-CoV-2: Hartnäckig und langlebig – aber nicht unverwundbar

Oberflächendesinfektion hat sich als eine effektive Präventionsmaßnahme gegen COVID-19 erwiesen, wie Virologen der Ruhr-Universität Bochum (RUB) zeigen konnten. Für eine sinnvolle Desinfektionsstrategie gegen das Coronavirus müssen jedoch einige Faktoren beachtet werden, sagt Prof. Dr. Eike Steinmann. Im Gespräch schildert der Leiter der Abteilung für Molekulare und Medizinische Virologie an der RUB, wann Desinfektion ein sinnvolles Verfahren gegen SARS-CoV-2 ist, welche Mittel sich zur Inaktivierung des Virus eignen und warum Privatpersonen nicht ohne guten Grund zu den ‚harten Sachen‘ greifen sollten.

Bericht: Wolfgang Behrends

portrait of eike steinmann
Prof. Dr. Eike Steinmann ist Leiter der Abteilung für Molekulare & Medizinische Virologie an der Ruhr-Universität Bochum
Quelle: RUB

Ob ein Desinfektionsmittel gegen einen bestimmten Virustyp wirksam ist, hängt unter anderem vom Aufbau der Viren ab, erklärt Steinmann: „Coronaviren sind von einer Lipidhülle umgeben, einer Membran, in der Proteine eingelagert sind. Das macht sie anfällig gegenüber alkoholbasierten Desinfektionsmitteln, denn diese zerstören die Hülle und machen das Virus damit unschädlich.“ Fehlt eine solche Umhüllung, müssen andere Wirkstoffe zur Desinfektion eingesetzt werden; beispielsweise bei Noroviren. Gegen solche unbehüllten Viren hat sich zudem der Einsatz von UV-Strahlung als wirksam erwiesen, denn diese greift die Nukleinsäuren (RNA) der Viren an. Konkret bedeutet das: Mittel der Wirksamkeitsklasse ‚begrenzt viruzid‘ sind zur Inaktivierung des Coronavirus SARS-CoV-2 völlig ausreichend. Da im klinischen Umfeld jedoch auch widerstandsfähigere Erreger wie die genannten Noroviren zu finden sind, kann dort auch der Einsatz potenterer Mittel (‚viruzid‘ und ‚begrenzt viruzid plus‘) sinnvoll sein.

Für eine effektive Desinfizierung sollten alle Oberflächen einbezogen werden, die potentiell Kontakt mit den Viren haben: Arbeits- und patientennahe Flächen, Betten, Untersuchungsgeräte. Aktuelle Studien zu SARS-CoV-2 weisen das Virus – oder zumindest seine RNA – an vielen Stellen eines Raums nach, nachdem ein infizierter Patient dort untergebracht war: An Bettkanten, Lichtschaltern, Türklinken ebenso wie auf Toilettensitzen, Fernbedienungen und Kopfkissen. „Das zeigt, dass das Virus über Kontakt mit den Händen, aber auch durch kleinste Tröpfchen fast überall in einem Raum verbreitet wird“, zählt Steinmann auf. „Durch eine umfassende Reinigung und Desinfektion können die Erreger jedoch zuverlässig inaktiviert werden.“

Labor-Lebensdauer von SARS-CoV-2 gibt Anhaltspunkte

Insbesondere auf der Innenseite von Masken konnte das Virus noch nach 7 Tagen nachgewiesen werden

Eike Steinmann

Eine der zentralen Fragen, mit denen sich Forscher weltweit derzeit beschäftigen, betrifft die Lebensdauer der neuen Coronaviren auf Oberflächen. Während sich erste Berechnungen vor allem auf Erfahrungen mit den verwandten Virustypen SARS-CoV und MERS-CoV stützen, liefern neuere Studien belastbare Zahlen zum COVID-19-Erreger SARS-CoV-2. „Interessant ist dabei vor allem eine Studie, die im New England Journal of Medicine erschienen ist“, sagt Steinmann. „Darin haben US-Forscher untersucht, wie lange Viren auf unterschiedlichen Materialien – Kupfer-, Karton-, Stahl- und Plastikoberflächen – überlebten. Die Ergebnisse zeigen, dass das Virus zum Teil noch nach mehreren Tagen infektiös nachweisbar war.“ Auch Alltagsgegenstände wie Geldscheine, Taschentücher oder Atemschutzmasken wurden im Rahmen einer anderen Studie getestet, die in Lancet Microbe erschienen ist. „Insbesondere auf der Innenseite von Masken konnte das Virus noch nach 7 Tagen nachgewiesen werden“, sagt der Virologe und ergänzt: „Diese Werte wurden zwar unter Laborbedingungen gemessen, vermitteln jedoch ein recht gutes Bild darüber, wie lange Viren unter alltäglichen Umständen stabil bleiben können.“

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Welche Rolle spielt die Temperatur?

Aktuell sind Forscher der RUB um Juniorprofessorin Dr. Stephanie Pfänder der Frage nachgegangen, wie sich Veränderungen in der Raumtemperatur auf die Lebensdauer der Viren auswirken. Dazu verglichen die Wissenschaftler die Oberflächenstabilität der Viren bei Raumtemperaturen von 4°C und 30°C miteinander. Fazit: Auf Oberflächen bleibt das Virus bei Hitze und Kälte ungefähr gleich lange ansteckend. „Bisher hatte man angenommen, dass die Temperatur dazu beiträgt, dass SARS-CoV-2 sich im Sommer weniger gut überträgt“, sagt Pfänder. „Zumindest auf Oberflächen scheint die Stabilität der Viren durch die verschiedenen Temperaturen aber nicht beeinträchtigt zu sein.“ Eine potenziell geringere Ansteckungsrate im Sommer könne jedoch auf anderen Faktoren wie UV-Strahlung und Luftfeuchtigkeit beruhen, gibt die Virologin zu bedenken.

In Privathaushalten ist weniger oft mehr

Wer ein Desinfektionsmittel im Haus hat, fühlt sich für den Fall der Fälle abgesichert. Die eigentliche Verwendung spielt dann gar keine so wichtige Rolle

Eike Steinmann

Für Privathaushalte sollten bei der Desinfektion andere Maßstäbe gelten als an Kliniken, betont der Virologe: „Im Alltag reicht normales Händewaschen – in Kombination mit Abstandhalten und Hustenetikette – in aller Regel völlig aus. Desinfektionsmittel sind erst dann sinnvoll, wenn tatsächlich Kontakt zu Infizierten besteht.“ Für die zwischenzeitlich explodierte Nachfrage nach Desinfektionsmitteln von Privatpersonen hat Steinmann eine andere Erklärung: „Vermutlich kommt in vielen Fällen ein psychologischer Effekt zum Tragen: Wer ein Desinfektionsmittel im Haus hat, fühlt sich für den Fall der Fälle abgesichert. Die eigentliche Verwendung spielt dann gar keine so wichtige Rolle.“

Wer im privaten Haushalt zum sprichwörtlichen Hammer – also zum Desinfektionsmittel – greift, tut sich im Zweifelsfall keinen Gefallen, warnt der Experte: „Diese Mittel sind aggressiv und greifen bei regelmäßiger Anwendung die Haut an.“ Ohne umfassende Pflege können leicht Verletzungen der Haut entstehen.


Profil:

Prof. Dr. Eike Steinmann ist seit 2018 Leiter der Abteilung für Molekulare & Medizinische Virologie an der Ruhr-Universität Bochum. Nach Abschluss seines Biologiestudiums an der Universität Hannover und an der Northeastern University, Boston, USA, promovierte er am Institut für Molekulare Virologie der Universität Heidelberg. Anschließend wurde er Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Juniorarbeitsgruppenleiter in der Abteilung für Experimentelle Virologie am TWINCORE - Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung in Hannover. 2012 folgte seine Habilitation für Experimentelle Virologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und ab 2014 leitete er die Arbeitsgruppe “Virus Transmission” am TWINCORE-Institut. 2016 wurde er als “Außerplanmäßiger Professor” an der Medizinischen Hochschule Hannover berufen.

16.06.2020

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