IT-Infrastruktur

Pro und Contra „Elektronische Gesundheitskarte“

"Die elektronische Gesundheitskarte ist weit von ihren Möglichkeiten entfernt", konstatiert Medizinökonom Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff von der HHL Leipzig Graduate School of Management.

Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff, Akademischer Direktor am Center for Health...
Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff, Akademischer Direktor am Center for Health Care Management and Regulation der HHL Leipzig Graduate School of Management.
Quelle: Foto: HHL

Der rapide Anstieg des Datenvolumens macht auch vor den Krankenhäusern nicht halt. Im medizinischen Bereich zielen Big-Data-Anwendungen darauf ab, die diagnostische Präzision zu erhöhen, die Zeit zwischen Primärdiagnose und Therapie zu verkürzen sowie die therapeutische Präzision zu steigern.

Der immer größer werdenden Datenflut begegnen immer mehr Krankenhäuser mit der Konsolidierung ihrer IT-Infrastruktur. Hierbei werden Server- und Desktopsysteme sowie Anwendungen und Datenbestände vereinheitlicht und zusammengeführt. Das Ziel sei laut des Medizinökonom Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff von der HHL Leipzig Graduate School of Management die Flexibilisierung der IT-Infrastruktur, indem man physische Systeme reduziert und durch virtuelle ersetzt. Dies bringt neben den Vorteilen für den Patienten einen konkreten monetären Nutzen, der sich unter anderem durch die Reduzierung von Schnittstellen oder des Wartungsaufwands der IT-Infrastruktur ausdrückt.

Neben der technischen Seite der Konsolidierung der Healthcare-IT weist Prof. von Eiff auf die nutzenorientierte Seite hin. „Da verlassen wir die Sphären der klassischen Krankenhaus-IT-Systeme und gehen über zu neuen bis hin zu wirklich innovativen Technologien“, sagt der Krankenhausökonom.

Im Kontext von Digital Health nennt Prof. von Eiff das Beispiel der elektronischen Gesundheitskarte. Vorteile sieht der Medizinökonom u.a. in der Reduzierung der Behandlungskosten durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen sowie der zielorientierten, medizinisch geeigneten Behandlung durch Verfügbarkeit von Laborbefunden, bildgebenden Daten und Verlaufskontrollen wichtiger Parameter. Kosteneinsparungen könnten durch die direkte Abrechnung zwischen Ärzten, Apothekern und Krankenkassen – Schätzungen gehen von ca. 200 Mio. Euro pro Jahr aus – sowie durch die Vermeidung von geschätzten jährlich 1 Mrd. Euro Versicherungsbetrugs realisiert werden. Prof. von Eiff: „Die Kosten der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte werden mit circa. 1,5 Mrd. Euro beziffert. Demgegenüber gehen Experten davon aus, dass durch die elektronische Gesundheitskarte Einsparungen im Gesundheitssystem erreichbar sind, die einer Reduktion des Beitragssatzes der gesetzlichen Krankenversicherung in Höhe von 3,7 Prozentpunkten entspricht.“

Die Realisierungshindernisse bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wie auch einer auf Konsolidierung, Integration und Prozessorientierung ausgerichteten IT-Strategie liegen laut des Krankenhausökonom in den Bereichen ungeklärte Finanzierung, Datensicherheit sowie Umsetzungshindernisse.
So führten laut Prof. von Eiff ungeklärte Finanzierungsfragen dazu, dass einzelne Gruppen (z.B. niedergelassene Vertragsärzte, Kostenträger) befürchteten, die Finanzlast alleine stemmen zu müssen und von daher ablehnendes Verhalten – trotz sachlicher Richtigkeit eines Konzepts - zeigten.

Bestes Beispiel sei die elektronische Gesundheitskarte, die in der Variante der Versichertenkarte eingeführt, aber weit entfernt von den Möglichkeiten sei, die sie birgt, um diagnostische und therapeutische Effektivität zu erhöhen, Patientenrisiken zu senken und Wirtschaftlichkeitseffekte z.B. in Form der Vermeidung von Doppeluntersuchungen oder der Behandlung chronisch Kranker zu zeigen.

Die einseitige Überbetonung des Datenschutzes in Deutschland hält Prof. von Eiff für ein weiteres Realisierungshindernis. „Überspitzt formuliert gilt in Deutschland der Grundsatz ‘Datenschutz vor medizinischer Behandlungseffektivität und klinischen Patientenrisiken‘. Die Furcht vor dem Missbrauch sensibler Daten durch Arbeitgeber oder Versicherer wiegt oft höher als der Nutzen für den individuellen Patienten im Notfall“, so der Krankenhausökonom. Die Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland zeige, wie Ideologie beladen und unsachlich die Debatte geführt würde.
Hindernisse sieht Prof. von Eiff aufgrund der mit der Umsetzung innovativer IT-Strukturen verbundenen veränderten Arbeitsprozesse, Formen der Zusammenarbeit sowie Berufsbildstrukturen.

Solche grundlegenden Veränderungen erzeugten bei den betroffenen Mitarbeitern Ängste, die zu Realisierungswiderständen führen. Hilfreich könnten hier laut Prof. von Eiff Change-Management-Interventionen sein. Sie würden seiner Ansicht nach gerade in Institutionen des Gesundheitswesens noch viel zu wenig genutzt mit der Begründung, sie seien zu zeitaufwendig und zu teuer. Erfahrungen aus der Industrie zeigten aber, dass gerade mit Interventionen wie Open Space, Try Out, Produktklinik, Benutzer-Service sowie Key-User-Unterstützung Prozesse grundlegenden organisatorischen Wandels beherrschbar seien.

Prof. von Eiff ist Mitorganisator des MARA-Kongresses 2015 (18./19. September 2015 in Bonn). Hier wird ausführlich über die Chancen und Risiken von Digital Health, Big Data und 3D-Drucker-Technologie, insbesondere auch aus Sicht der Radiologie, diskutiert.

Quelle: Pressemitteilung HHL Leipzig Graduate School of Management

06.02.2015

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