Plädoyer für einen holistischen Ansatz

Nicht nur die Progression der onkologischen Grunderkrankung, auch therapiebedingte Nebenwirkungen können Beschwerden verursachen. Mithilfe der onkologischen Radiologie können die Ursachen dieser meist unspezifischen Symptome geortet und unmissverständlich zugeordnet werden.

Lungenfibrose (NSIP = unspezifische interstitielle Pneumonie) nach...
Lungenfibrose (NSIP = unspezifische interstitielle Pneumonie) nach Chemotherapie mit Methotrexat.

„Allerdings bietet nur die Ganzkörper-CT die erforderliche Sicherheit, toxische Einflüsse und Komplikationen richtig zu deuten“, appelliert Prof. Dr. Hans-Ulrich Kauczor, Ärztlicher Direktor der Abteilung Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Therapieentscheidende Fragestellungen
„Wichtig ist es vor allem, ein Substrat für die meistens relativ unbestimmten Beschwerden der Patienten zu haben“, erläutert Kauczor. Und weiter: „Die Herausforderung besteht in der Differenzialdiagnostik: Ist es ein Fortschreiten des Tumors, handelt es sich um eine nicht infektiöse Toxizität oder liegt eine infektiöse Komplikation vor?“ Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend für die weiteren therapeutischen Maßnahmen: Umstellung der Tumortherapie, Gabe von Kortison – eventuell verbunden mit dem Absetzen des relevanten Medikaments – oder aber als dritte Möglichkeit die antibiotische Therapie, wenn es sich um eine infektiöse Komplikation handelt.

Therapieinduzierte Komplikationen
„Um die Auswirkungen einer Chemotherapie im Auge zu behalten, ist ein genauer Blick auf Lunge, Herz-Kreislauf-System, Gefäße, Leber, Pankreas und Colon unerlässlich“, erklärt der Heidelberger Professor. Auch das Gehirn kann betroffen sein. Aufgrund der toxischen Wirkungen von Chemotherapeutika auf die weiße Hirnsubstanz kann es zu Schwindel, Übelkeit, Unwohlsein, aber auch zu konkreten sensorischen Defiziten und Sensationen kommen. Die Lunge ist ebenfalls ein häufiger Ort für toxische Komplikationen – sowohl infektiöser als auch nicht infektiöser Genese. Ein Beispiel ist die Pilzpneumonie als direkte Folge der Immunsuppression durch die Chemotherapie. Veränderungen an den Gefäßen können zu Vaskulitis und Thrombosen führen. Eine seltene, aber typische Komplikation ist die sinusoidale Obstruktion in der Leber, ein Phänomen, das mithilfe der Multiphasen-CT sehr gut detektiert werden kann. Weitere Reaktionen auf bestimmte Chemotherapeutika sind die Verfettung der Leber sowie die nicht infektiöse Entzündung von Colon und Pankreas.

Diagnostische Kompetenz
Prof. Kauczor führt weiter aus: „Wir müssen also immer im Blick haben, dass es nicht nur die Tumorprogression einerseits und das Ansprechen auf die Therapie andererseits gibt. Es kann auch Veränderungen geben, die durch die Therapie selbst verursacht werden.“ Diese Unterscheidung ist nicht immer trivial, lässt sich doch zum Beispiel im Fall der Lunge die aktive Pneumonitis mit nachfolgender Fibrosierung nur schwer von der Lymphangiose abgrenzen. Sind die Gefäße betroffen, ist das nicht zwangsläufig eine der Bettlägerigkeit geschuldete Thromboembolie, sondern kann auch eine toxische Reaktion auf die Chemotherapie sein. Hier ist Spezialwissen gefragt. „Das sind anregende Herausforderungen, die die diagnostische Kompetenz der Radiologie bei der Versorgung von Tumorpatienten fördern“, ist Kauczor überzeugt.

Ohne fachliches Spezialwissen geht nichts
Die meisten Patienten werden zurzeit im Rahmen ihrer Tumorverlaufskontrolle in onkologischen Zentren oder Schwerpunktpraxen versorgt und behandelt, in denen das spezifische Fachwissen vorhanden ist. Vor dem Hintergrund der vielfältigen Versorgungsstrukturen und ihrer weiteren Entwicklung werden aber voraussichtlich auch allgemeiner ausgerichtete Praxen dieses Feld besetzen. Unabdingbare Voraussetzung hierfür ist allerdings eine umfassende Zusatzqualifikation der beteiligten Radiologen mit Tumorbildgebung und Tumorverlaufskontrolle als Schwerpunkte.

IM PROFIL
Prof. Dr. Hans-Ulrich Kauczor studierte Ende der 1980er Jahre in Bonn und Heidelberg Medizin und arbeitete danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Radiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), die er viele Jahre später – von 2003 bis 2007 – leiten sollte. An der Kölner Universität erwarb er seinen Doktor und habilitierte sich an der Universität Mainz. Seit 2003 ist er Professor für Diagnostische Radiologie an der Universität Heidelberg, an der er 2008 die Ärztliche Direktion der Radiologischen Klinik übernahm. Für seine radiologischen Forschungen wurde er im Jahr 2000 mit dem Holthusen-Ring der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) ausgezeichnet.
 

25.01.2014

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