Kommunikation auf Augenhöhe: So sieht eine zeitgemäße...
Kommunikation auf Augenhöhe: So sieht eine zeitgemäße Arzt-Patienten-Beziehung aus, betonen Experten. Auch die Nutzung digitaler Technologien spielt dabei eine wichtige Rolle.

Bildquelle: Adobe Stock/fizkes

Artikel • Umdenken in der Arzt-Patient-Beziehung

Wie Patienten-Empowerment den Behandlungserfolg fördert

Die zunehmende Verfügbarkeit medizinischer Informationen für Verbraucher hat dazu geführt, dass wir uns detaillierter über die eigene Gesundheit informieren. Garth Graham, M.D., Director and Global Health Head of Healthcare and Public Health bei Google/Youtube, bestätigte diesen Trend: Anlässlich des WHO Health Summits 2022 erklärte er, dass mehr als 2 Milliarden Menschen Google verwenden, um sich über medizinische beziehungsweise gesundheitliche Fragen zu informieren.

Artikel: Cornelia Wels-Maug

Auf Basis eines fundierteren Verständnisses des eigenen Gesundheitszustandes beziehungsweise der Parameter, die zu einer besseren Gesundheit beitragen, sowie dem Wissen um die persönlichen Lebensumstände, möchten viele Menschen im Krankheitsfall in die Gestaltung ihres Behandlungsprozesses miteinbezogen werden. Diesbezügliche Untersuchungen im onkologischen Bereich belegen, dass sich die Partizipation der Patienten positiv auf den Behandlungserfolg auswirken kann, da sie unter anderem die Adhärenz der Betroffenen steigert. Beispielsweise hat eine Studie der Charité-Universitätsmedizin Berlin ergeben, dass durch die Partizipation älterer Krebspatienten nicht nur deren Autonomie und Mündigkeit nach einer Operation erhöht wird, sondern auch zu „deutlich besseren Behandlungsergebnissen bei chronischen Erkrankungen“ führt.1 Demnach konnten Komplikationen und längere Krankenhausaufenthalte vermieden werden, wenn Patienten gut über Verhaltensweisen vor und nach einer Operation informiert wurden. 

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht Patienten-Empowerment als wichtigen Bestandteil von Programmen zur Verbesserung der Patientensicherheit sowie der Lebensqualität insbesondere im Falle chronischer und onkologischer Erkrankungen. Aus diesem Grund bemühen sich immer mehr Gesundheitseinrichtungen auszuloten, wie eine solche Beteiligung von Patienten aussehen könnte beziehungsweise in welchen Fällen sie angebracht ist und welche Herausforderungen dabei auftreten können.

Patientenbeteiligung in Deutschland

Bei Patientenpartizipation geht es im Kern darum, die Betroffenen aktiv an dem Behandlungsprozess teilhaben zu lassen. Dies kann unter anderem durch die Bereitstellung von Informationen, den Einbezug bei der Formulierung des Behandlungsziels und die Befähigung zur Selbstmedikation erreicht werden. Es gibt allerdings weder eine strikte Definition dieses Konzepts noch eine feste Terminologie, denn man sprich gleichermaßen auch von Patienten-Empowerment, Patientenbeteiligung oder -kooperation. 

Im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) wurde 2021 eine Evaluierung der digitalen Reife derjenigen 1.624 Krankenhäuser vorgenommen, die mindestens eine der darin vorgesehenen Fördermaßnahmen beantragt hatten. Die ersten Ergebnisse dieser Evaluation wurden am 14. September veröffentlicht.2 Der Mittelwert des Digital Radar (DR)-Scores der teilnehmenden Krankenhäuser über die sieben erfassten Kategorien (Dimensionen) beträgt 33,3 von 100 möglichen Punkten. Patientenpartizipation ist eine der erfassten Kategorien, die mit einem Mittelwert von 5.3 deutlich am schlechtesten abschnitt, gefolgt von Telehealth mit einem Mittelwert von 18. Der niedrige Mittelwert in der Kategorie Patientenpartizipation spiegelt die bislang geringe Bedeutung wider, die Patientenbeteiligung in der deutschen Krankenhauslandschaft spielt.

„Die Kommunikation auf Augenhöhe zu gestalten, ist für alle Seiten ein Zugewinn“

Der niedrige Mittelwert in der Dimension Patientenpartizipation schließt aber nicht aus, dass es durchaus einige Gesundheitseinrichtungen gibt, die Patienten bereits in der einen oder anderen Form beteiligen. Eine davon ist das Universitätsklinikum Frankfurt. Anlässlich des e-Health Tages der Uniklinik Frankfurt im September 2022 berichtete PD Dr. Christoph Welsch, Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Infektiologie, von seinen Erfahrungen mit diesem Konzept: „Der Begriff ist in der Klinik noch neu, aber die Kommunikation auf Augenhöhe zu gestalten, ist für alle Seiten ein Zugewinn. Aktuell ist die Kommunikation noch sehr hierarchisch und paternalistisch und der Patient ist eher Zuschauer seines Heilungsverlaufs“. 

Der Patient ist Kunde, wir sind Gesundheitsdienstleister. Wir Ärzte müssen diese Rolle erst lernen und annehmen

Christoph Welsch

Daher tritt Welsch für eine neue Kommunikationskultur zwischen Patienten und der Ärzteschaft ein. Voraussetzung dafür sei, dass der Patient Prozesse versteht und bereit ist, sich zu beteiligen. Letzteres hängt jedoch von mehreren Faktoren ab, etwa dem Krankheitsbild, Bildungsniveau, Kulturkreis und Alter des Patienten sowie dessen Vertrautheit mit neuen Medien und Technologie. Insbesondere aber erfordere es ein Umdenken der klassischen Arzt-Patient-Beziehung. „Der Patient ist Kunde, wir sind Gesundheitsdienstleister. Wir Ärzte müssen diese Rolle erst lernen und annehmen“, legt Welsch dar. Daraus ergeben sich eine höhere Compliance und Patientenbindung sowie ein optimiertes Zeitmanagement. Allerdings erfordere Patientenpartizipation anfänglich einen zusätzlichen Zeitaufwand, der aber längerfristig zu besseren Entscheidungen der Patienten und effizienteren Prozessen im Gesundheitswesen beiträgt.

Internationaler Ausblick Trendbarometer 21

Andere Länder sind bei der Einbeziehung von Patienten in den eigenen Behandlungsprozess bereits ein Stück weiter. Eine wichtige unterstützende Rolle spielt dabei die Digitalisierung im Gesundheitswesen, insbesondere im Bereich der Patientenkommunikation sowie der vernetzen Gesundheitstechnologien. Das HIMSS Trendbarometer 2021 „Consumer-enabled & connected health in Europe” verdeutlicht, dass Deutschland im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern in dieser Hinsicht noch einiges an Nachholbedarf hat, obgleich die diesbezügliche Gesetzgebung der letzten Jahre zu einem Aufholen geführt hat.3 Die positiven Erfahrungen mit einem vermehrten Einbezug der Patienten in anderen Ländern werden es auch Gesundheitseinrichtungen in Deutschland erleichtern, diesen Weg einzuschlagen. 


Quellen: 

  1. Charite - Universitätsmedizin Berlin: Postoperative Behandlung durch Patienten-Empowerment
  2. DigitalRadar - Ergebnisse der ersten Datenerhebung (zum Stichtag 30.06.2021) 
  3. HIMSS eHealth Trendbarometer: Consumer-Enabled and Connected Health in Europe

24.01.2023

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