Nicht an, sondern durch Labormedizin sparen

Bildquelle: Berufsverband Deutscher Laborärzte

Labor & Wirtschaft

Nicht an, sondern durch Labormedizin sparen

Fast immer, wenn in Deutschland in den letzten Jahren in den Medien über die Laboratoriumsmedizin berichtet wurde, standen honorarpolitische Themen im Vordergrund. Stets ging es um die Frage, wie die angebliche Überbewertung labormedizinischer Leistungen abgebaut werden kann und wie die dadurch freiwerdenden Gelder am besten unter den übrigen haus- und fachärztlichen Disziplinen aufgeteilt werden sollten.

Von Dr. Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL)

Zwei Aspekte kamen dabei stets zu kurz: Die medizinischen Optionen der Labormedizin für das Patientenwohl und die Voraussetzungen, die zum wirtschaftlichen Betrieb eines medizinischen Labors nötig sind. Beides ist kaum zu trennen, denn die starke Innovationkraft der Laboratoriumsmedizin, die permanent hohe Investitionen in neue Analysengeräte erfordert, ist Voraussetzung, dass medizinische Fortschritte beim Patienten überhaupt ankommen. Dies führt zu einem dritten vernachlässigten Aspekt: Durch innovative – vielleicht sogar teure – Testverfahren könnten am Ende die Kosten im Gesundheitswesen insgesamt gesenkt werden. Frei nach dem Motto: Durch Labordiagnostik sparen, statt an der Labordiagnostik sparen.

Labormediziner erstellen zwei Drittel aller ärztlichen Diagnosen

Die rund 2,5 Prozent der Gesamtkosten, die bei den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland auf Labormedizin entfallen, ließen sich zweifellos noch effizienter einsetzen, würden Kostenträger und Politik die richtigen Schlüsse ziehen. Denn trotz der massiven Honorarabflüsse hat sich die Laboratoriumsmedizin in den letzten Jahren immer mehr von einem versorgungsrelevanten zu einem systemrelevanten Querschnittsfach entwickelt – mit enormer Steuerungswirkung für das gesamte Gesundheitssystem: Zwei Drittel aller ärztlichen Diagnosen werden von den rund 1000 Labormedizinern in Kliniken und Praxen erstellt oder bestätigt.

Um ihrer Lotsenfunktion im Gesundheitssystem noch gerechter zu werden, haben sich die Fachärzte für Laboratoriumsmedizin auf den Weg gemacht, eigene Labordiagnostische Pfade und Leitlinien zu erarbeiten. Inspiriert durch die in den USA initiierte Kampagne „Choosing wisely“ und fußend auf den Vorarbeiten in der Fachgesellschaft Deutsche Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin e.V. (DGKL) werden derzeit unter Beteiligung des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL) von der KBV Mittel und Wege zu deren Einführung in die medizinische Praxis mit dem Ziel der Steigerung der Indikationsqualität laborärztlicher Leistungen erarbeitet.

Diese gemeinsame Arbeitsgruppe möchte ausdrücklich durch die Empfehlung labormedizinischer diagnostischer Pfade auch zukünftig eine qualitativ hochstehende und dennoch kostengünstige Patientenversorgung, insbesondere auch bei aufwendigen und teuren Therapieformen, ermöglichen.

Einer der Grundpfeiler der modernen Labormedizin: Das Vier-Augen-Prinzip
Einer der Grundpfeiler der modernen Labormedizin: Das Vier-Augen-Prinzip

Quelle: Berufsverband Deutscher Laborärzte

Enge Kooperation nötig

abei ist eine enge Kooperation ausgerichtet an strukturschaffenden Diagnose- und Behandlungspfaden zwischen den anfordernden Ärzten in Praxis und Klinik und den Fachärzten für Laboratoriumsmedizin nötig – das hierbei immanente Vier-Augen-Prinzip ist der beste Schutz vor Fehldiagnosen und damit vor einer Mittelverschwendung im Gesundheitswesen, also gelebter Patientenschutz.  

Der Nutzen dieses kollegialen Austausches ist aber auch stark abhängig davon, welche Bedeutung und Wertschätzung den Laborärzten zukommt: So ist in den Niederlanden dieser kollegiale Austausch gerade im Bereich der Mikrobiologie sehr stark ausgebildet, der Erfolg zeigt sich in einer der niedrigsten MRSA-Raten weltweit.

Der Vorteil des in Deutschland, Österreich und Italien vorgeschriebenen Arztvorbehalts für die Erbringung labormedizinischer Leistungen – Laborleistungen dürfen nur unter ärztlicher Leistung durchgeführt und beurteilt werden – garantiert im ständigen innerärztlichen Dialog auf Augenhöhe eine hohe Diagnosequalität und Therapiesicherheit.

Dort, wo im europäischen Ausland ohne diesen Arztvorbehalt agiert wird, werden Laborleistungen durch Medizinisch-Technische Assistenten oder Naturwissenschaftler technisch erbracht und die Ergebnisse unbewertet zusammengestellt; ihre Einordnung und Gewichtung obliegt dann dem zuweisenden Arzt ohne Dialogmöglichkeit mit einem mit den speziellen medizinischen Belangen der Laboranalytik vertrauten Laborkollegen.

Die hohe Individualisierung europäischer Gesundheitssysteme setzt sich bis in die diagnostisch technischen Disziplinen hinein durch, obwohl Diagnostika-Hersteller und die jeweiligen Fachgesellschaften sich seit Jahren um europaweite einheitliche Standards bemühen. Nach wie vor werden die klinisch-chemischen und hämatologischen Grundleistungen im Labor in zahlreichen Mitgliedsstaaten noch – ähnlich wie in der Schweiz – von Praktikern vor Ort erbracht, während insbesondere in den skandinavischen Ländern, den Beneluxstaaten sowie in Deutschland und Österreich sich große Erbringereinheiten gebildet haben, die das Land flächendeckend überziehen.

Durch diese deutlichen Unterschiede in der Leistungserbringung haben sich bei insgesamt zunehmenden Untersuchungszahlen und einem starken Innovationsdruck die Vergütungen in den Mitgliedsländern der EU total unterschiedlich entwickelt, obwohl eine Verknappung der Mittel bei steigenden Morbiditätsraten in allen Gesundheitssystemen zu beobachten ist.

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Welches System ist das beste?

Es stellt sich also die Frage, welches der Systeme auf die zukünftigen Herausforderungen am besten vorbereitet ist. Rein numerisch steht dabei die Laboratoriumsmedizin in Deutschland vor der weitaus größten Aufgabe, da unser Land durchschnittlich mit mehr als 18 Arztbesuchen pro Jahr deutlich vor allen anderen EU-Staaten liegt. Demgegenüber steht aber auch ein durchstrukturiertes, durch niedrige Vergütung bis an die Grenze des Machbaren rationalisiertes System labormedizinischer Versorgung, in dem das überregionale Speziallabor genauso wie der Vor-Ort-Versorger im ambulanten und stationären Bereich noch seinen Platz hat.

Mit dem Aufbau einer umfassenden Telematik-Infrastruktur mit elektronischen Anforderungs- und Befundübermittlungen hat sich die Deutsche Laborärzteschaft an die Spitze der Digitalisierung in unserem Gesundheitswesen gesetzt. Aufgrund einer flächendeckenden Infrastruktur durch eigene Fahrdienste sorgen die deutschen Laboratorien außerdem dafür, dass auch in entferntesten ländlichen Gebieten eine medizinische Diagnostik wie in den urbanen Ballungsräumen möglich ist und damit das Versprechen der Politik auf gleichwertige Lebensbedingungen eingelöst werden kann.

Aufgrund der Tatsache, dass dies alles unter ärztlicher Leitung und in enger Kooperation mit der deutschen Haus- und Fachärzteschaft aufgebaut und weiterentwickelt wurde, dürfte die Versorgungsqualität in Deutschland beispiellos und auch für zukünftige Entwicklungen bestens gerüstet sein. Bestrebungen, den Arztvorbehalt aufzugeben, erteilt der BDL daher eine klare Absage. Bereits eine Schwächung des Vertrauensverhältnisses zwischen Laborarzt und behandelndem Arzt sieht der Berufsverband als Gefahr für die Qualität der Versorgung.

Schwächung der kollegialen Zusammenarbeit vermeiden

Die kollegiale, interdisziplinäre Zusammenarbeit wird auch geschwächt, wenn Reformen der Laborversorgung letztlich rein monetäre Ursachen haben – wie zuletzt wieder bei der Laborreform 2018. Triebfeder dafür war nicht etwa die Verbesserung der Versorgung, sondern lediglich die Lösung eines Hausarzt-Facharzt-Konfliktes über Stützungszahlungen für zu viel angeforderte laboratoriumsmedizinische Leistungen bei begrenzten Mitteln.

Der BDL fordert deshalb eine nachhaltige Revision dieser Reform mit dem Ziel, die Verhinderung notwendiger Laboratoriumsuntersuchungen durch falsche wirtschaftliche Anreize zu beenden. Nicht die Laboratoriumsmedizin macht die Gesundheitsversorgung so teuer, sondern fehlgeleitete oder zu spät angesetzte Therapien.

Trotz aller Klagen über wachsende Laborkosten bleibt festzuhalten, dass sich die Kosten der Tests sowie die Vergütung der ärztlichen Leistung seit Jahren auf unterem europäischen Niveau bewegen und die Laborausgaben der gesetzlichen Krankenkassen seit Jahren langsamer steigen als deren Gesamtkosten.

Profil:
Dr. rer. nat. Dipl.-Chem. Andreas Bobrowski (63) ist Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL). Dr. Bobrowski hat an der RWTH Aachen zunächst Chemie, später Humanmedizin studiert und wurde 1987 approbiert. Seit 2005 leitet er die Laborärztliche Gemeinschaftspraxis Lübeck, in deren Vorgängerpraxis er zwölf Jahre zuvor eingetreten war. Seit 1999 gehört er der Abgeordnetenversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) an. Seit 2011 ist er als einziger Laborarzt Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Bobrowski engagiert sich seit Jahren für den rationalen Umgang mit Labordiagnostik durch die Entwicklung und Einführung Diagnostischer Pfade in der Medizin.

25.09.2019

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