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News • Longevity-Vorbild
Gesundes Altern – Was Deutschland von Singapur lernen kann
DGGG-Kongress beleuchtet Modell der konsequenteren Verbindung von Forschung, Prävention und Versorgung
Nicht möglichst viele Lebensjahre, sondern möglichst viele Jahre bei guter körperlicher und geistiger Gesundheit: Das ist die Vision von Prof. Dr. Brian Kennedy, Direktor des Centre for Healthy Longevity an der National University of Singapore. Der Longevity-Forscher untersucht, wie sich biologische Alterungsprozesse messen und gesundheitliche Risiken früh erkennen lassen und wie daraus wissenschaftlich fundierte, personalisierte Prävention entstehen kann. Kennedys Forschung befasst sich mit Biomarkern, die Alterungsprozesse abbilden können, darunter epigenetische Marker, Proteine, Stoffwechsel- und Entzündungsparameter sowie physiologische und funktionelle Messwerte. Dabei warnt der Wissenschaftler vor zu einfachen Versprechen.

Bildquelle: DGG; Foto: National University of Singapore
Ein Test, der beispielsweise ein biologisches Alter von 55 statt 62 Jahren ausweist, belegt demnach noch nicht, dass ein Mensch tatsächlich sieben Jahre langsamer altert. „Entscheidend ist vielmehr, ob ein Biomarker wissenschaftlich validiert ist und ob sich der Effekt einer Intervention damit objektiv beurteilen lässt“, so Kennedy. Ende September stellte er seine Arbeit beim Gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Frankfurt am Main vor.
Kennedy verfolgt einen translationalen Ansatz: Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung sollen über Tier- und Humanstudien in klinisch überprüfbare Strategien und schließlich in die praktische Prävention überführt werden. „Es wird vermutlich nicht die eine Longevity-Pille für alle geben. Vielmehr könnten Menschen in Zukunft anhand ihres individuellen Risikoprofils gezielter behandelt und präventive Maßnahmen ausgewählt werden“, sagt Kennedy. Dazu gehören Faktoren wie Bewegung, der Erhalt von Muskelkraft und körperlicher Funktion, Ernährung sowie die konsequente Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Stoffwechselstörungen. „Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel könnten perspektivisch ebenfalls eine Rolle spielen – allerdings nur, wenn ihre Wirksamkeit und Sicherheit beim Menschen ausreichend belegt sind“, ergänzt er. Große Gesundheitskohorten, Multi-Omics-Daten, Biomarker und Künstliche Intelligenz könnten künftig helfen, Muster zu erkennen: Welche Intervention ist für welchen Menschen zu welchem Zeitpunkt sinnvoll und lässt sich ihr Effekt messen? Zugleich bleibt der Forscher vorsichtig: Für viele Medikamente, biologische Altersuhren und andere Longevity-Ansätze fehlten noch belastbare Langzeitdaten beim Menschen.
Nicht die Frage, wie lange Menschen leben, sollte im Mittelpunkt stehen, sondern wie Gesundheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität möglichst lange erhalten werden können
Hans-Werner Wahl
Wie relevant diese Fragen auch für Deutschland sind, zeigte der gemeinsame Jahreskongress der DGGG und DGG vom 23. bis 26. September 2026 in Frankfurt am Main. Kennedy gehörte zu den internationalen Keynote-Speakern aus sieben Ländern und stellte dort seinen Ansatz vor. DGGG-Kongresspräsident Prof. Hans-Werner Wahl sagte zu dem Vortrag: „Das war ein echtes Highlight dieses Kongresses und eine große Inspiration für die deutsche Geriatrie und Gerontologie. Wir freuen uns sehr, dass wir diese Koryphäe der Longevity-Forschung nach Deutschland holen konnten.“ Außerdem betonte er die Notwendigkeit, Altern und die Rolle älterer Menschen in der Gesellschaft differenziert zu betrachten. Auch in anderen Formaten des Gemeinschaftskongresses mit rund 1.200 Teilnehmenden zeigte sich, dass die Longevity-Debatte nicht auf einzelne Wirkstoffe oder Anti-Aging-Angebote verkürzt werden darf.
Der Forschungsstandort Singapur bietet für Kennedy besondere Voraussetzungen: Rund jeder fünfte Einwohner ist bereits älter als 65 Jahre, während die niedrige Geburtenrate und die alternde Bevölkerung den Druck auf das Gesundheitssystem erhöhen. Die Lebenserwartung bei Geburt lag 2025 über die Geschlechter verteilt bei fast 84 Jahren. Der Stadtstaat setzt deshalb auf gesundes Altern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Programme wie „Healthier SG“ fördern individuelle Gesundheitspläne und Prävention, „Age Well SG“ unterstützt ältere Menschen dabei, aktiv, sozial eingebunden und möglichst lange selbstständig in ihren Quartieren zu leben.
Eine mögliche Lehre aus Singapur liegt aus Sicht von DGGG-Kongresspräsident Prof. Wahl in der konsequenteren Verbindung von Forschung, Prävention und Versorgung. Wissenschaftliche Erkenntnisse über Alterungsprozesse könnten noch stärker darauf ausgerichtet werden, individuelle gesundheitliche Risiken früh zu erkennen und Prävention gezielt einzusetzen. Damit verbindet sich die Longevity-Debatte mit einer zentralen Aufgabe der deutschen Altersmedizin und Alternsforschung: „Nicht die Frage, wie lange Menschen leben, sollte im Mittelpunkt stehen, sondern wie Gesundheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität möglichst lange erhalten werden können. Singapur kann dafür Impulse geben“, so Wahl.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie
10.10.2026



