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Lebenserwartung: Deutschland in Westeuropa unter den Schlusslichtern

Einer aktuellen Studie des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zufolge, ist Deutschland bei der durchschnittlichen Lebenserwartung nur Schlusslicht im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern.

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Prof. Dr. Holger Thiele, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK)

Bildnachweis: © HKM/Ronny Kretschmer

Die Gründe hierfür sehen die Autoren hauptsächlich in Defiziten bei der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erklärt Prof. Dr. Holger Thiele, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK), in einer Stellungnahme der Fachgesellschaft. Bestehende kardiovaskuläre Erkrankungen würden außerdem zu spät erkannt und können deshalb oft nicht bestmöglich behandelt werden. Gerade in diesem Bereich schneidet Deutschland deshalb schlecht ab. 

Die Studie ist auf der Webseite des BiB abrufbar.

"Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (DGK) begrüßt die Publikation dieser Studie und die neue Aufmerksamkeit, die das Thema dadurch hoffentlich erfährt. Die kardiologischen Fachgesellschaften beklagen seit Jahren die Missstände in der Gesundheitspolitik, die Unterfinanzierung des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislaufforschung sowie die Defizite hinsichtlich der Aufklärung der Gesellschaft bei Präventions- und Notfallmaßnahmen, (Früh-) Selbst-Diagnostik und der Wahrnehmung von gesundheitsfördernden Angeboten (siehe hierzu u.a. das Positionspapier zur Forderung einer Nationalen Herzkreislauf-Strategie, Herbst 2021)."

Auf die Initiative der DGK hin wurde deshalb die Nationale Herz-Allianz (NHA) ins Leben gerufen, das langfristigste Aktionsbündnis in der Geschichte der deutschen Herzmedizin. Es vereint alle großen herzmedizinischen Gesellschaften Deutschlands sowie die Patientenvertretung mit dem Ziel, Konzepte zur Forschungsförderung, zur Verbesserung der Digitalisierung im Gesundheitswesen, zu Präventionsmaßnahmen und zur Verzahnung zwischen Kliniken und Niedergelassenen Ärzten zu entwickeln, um so die Situation der Herz-Forschung und -Patientenversorgung in der Bundesrepublik nachhaltig zu verbessern. 

Zu den näheren Gründen für die niedrige Lebenserwartung der Deutschen im internationalen Vergleich, trotz der finanziellen Vorzüge, die die Bundesrepublik als führende Volkswirtschaft in Europa genießt, führt die DGK beispielhaft folgende Versäumnisse an:

  • Prävention ist als Schwerpunkt in Deutschland noch nicht ausreichend etabliert, so der Experte. Als Beispiel sei hier aufzuführen, dass weniger als 20% der Hoch-Risiko-Patienten für Atherosklerose in Deutschland die gewünschten Zielwerte beim LDL-Cholesterin erreichen. 
  • Darüber hinaus sei in Deutschland – anders als in anderen Ländern – das frühkindliche Screening für die relativ häufige Erbkrankheit familiäre Hypercholesterinämie (FH) nicht etabliert. Weniger als 5% der Fälle werden erkannt, Betroffene erleiden häufig bereits in jungen Jahren ohne Selbstverschulden durch ungünstige Lebensumstände einen Herzinfarkt durch Gefäßverschluss. Ein einfacher, kostengünstiger Bluttest im Rahmen der U9- bis J1-Untersuchung bei Kleinkindern könnte hier wichtige Hinweise auf Vorhandensein einer FH geben und eine rechtzeitige Therapie der Betroffenen ermöglichen, so der Appell der DGK. 
  • Seit Jahren sei bekannt, dass Herz-Patienten ein 6-mal höheres Risiko haben, einen Myokardinfarkt zu erleiden, wenn sie sich mit der Grippe infizieren.1 Dennoch habe Deutschland eine der niedrigsten Impfquoten für Influenza überhaupt, insbesondere innerhalb der Gruppe der Hoch-Risiko-Patienten mit Herzerkrankungen. Durch routinemäßiges Impfen, zum Beispiel in Kliniken bei Patienten mit akutem Herzinfarkt, könnten viele Sterbefälle verhindert werden, wie die IAMI-Studie gezeigt hat.2 
  • Screenings, etwa für arterielle Hypertonie oder Hypercholesterinämie, seien –  anders als zum Beispiel Colon-CA-Screening, Prostata-CA Screening oder Brust-Krebs-Screening – in Deutschland nicht etabliert. Dabei machten im Jahr 2021 laut der aktuellsten Erhebung des Statistischen Bundesamtes kardiovaskuläre Ereignisse ein Drittel (33,3%) der Todesursachen in der Bundesrepublik aus, Krebserkrankungen hingegen weniger als ein Viertel (22,4%). "Dem ist hinzuzufügen, dass die Number-needed-to-screen für arterielle Hypertonie bzw. Hypercholesterinämie um ein Vielfaches geringer als bei den genannten Krebs-Erkrankungen ist und damit eine viel höhere Effektivität erreichen kann,", so Prof. Thiele. "Wir plädieren daher für die Aufnahme eines regelmäßigen Herz-Check-Ups ab einem Alter von 50 Jahren in die medizinische Grundversorgung." 
  • Ebenfalls nicht in Deutschland etabliert sei ein Screening für Herzinsuffizienz. In Deutschland haben ca. 4 Millionen Einwohner eine Herzinsuffizienz, die damit zu den Volkskrankheiten gehört. Basierend auf anderen Studien könne man davon ausgehen, dass für jeden erkannten Patienten mit Herzinsuffizienz mindestens genauso viele Patienten unerkannt bleiben. Da insbesondere Herzinsuffizienz besser behandelt werden kann, je früher sie erkannt wird, könnten die Betroffenen bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie nicht nur länger leben, sondern auch eine weitaus höhere Lebensqualität genießen. 

Die hier genannten beispielhaften Maßnahmen könnten bei flächendeckender Umsetzung die Überlebensrate bei plötzlichem Herztod in Deutschland massiv erhöhen

Holger Thiele
  • Deutschland liegt im europäischen Vergleich im unteren Drittel bei der Bereitschaft in der Bevölkerung, im Notfall eine Herz-Lungen-Reanimation bei einer fremden Person durchzuführen. Diese Quote könnte laut Prof. Thiele durch verpflichtenden Unterricht in Schulen für Reanimationsschulungen perspektivisch wie in anderen Ländern deutlich erhöht werden. Zusätzlich werde in Deutschland das eigentlich in den Leitlinien empfohlene telefonische Anleiten von Laien bei der Reanimation durch die Rettungsleitstellen viel zu selten angewendet. 
  • Auch eine App-basierte Alarmierung für Ersthelfer werde in Deutschland nur in weniger als 5% der Fälle genutzt. Dabei könnten geschulte Ersthelfer, die sich in der Nähe befinden, mittels dieser Software zielgenau zu den Patienten geführt werden, wo sie ihnen lebenswichtige Zeit durch Reanimation und Anleitung von Umstehenden erkaufen könnten, bis die Rettungskräfte eintreffen. 

"Die hier genannten beispielhaften Maßnahmen könnten bei flächendeckender Umsetzung die Überlebensrate bei plötzlichem Herztod in Deutschland massiv erhöhen", zeigt sich der DGK-Experte überzeugt. Keine dieser Maßnahmen sei grundsätzlich neu oder utopisch, sondern würden in anderen (europäischen) Ländern teilweise seit Jahren erfolgreich praktiziert. "Die Nationale Herz-Allianz setzt sich in allen Belangen gegenüber politischen Entscheidern und Kostenträgern dafür ein, dass auch in Deutschland ein Masterplan für kardiovaskuläre Gesundheit etabliert wird und zukünftig eine flächendeckende und vor allem merklich bessere Diagnostik, Prävention sowie Aufklärung von Patienten stattfindet", so Prof. Thiele abschließend. 


Referenzen:

  1. Kwong et al.: Acute Myocardial Infarction after Laboratory-Confirmed Influenza Infection; New England Journal of Medicine 2018  
  2. Fröbert et al.: Influenza Vaccination After Myocardial Infarction: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Multicenter Trial; Circulation 2021


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung

12.05.2023

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