Prostata, Blase & Co.

Krankheitsbilder in der Urologie

Die Krankheitsbilder, deren Behandlung in das Fachgebiet des Urologen fallen, können zunächst in zwei Hauptgruppen unterteilt werden: Zum einen geschlechtspezifische Erkrankungen, von denen nur Männer betroffen sind, und zum anderen nicht geschlechtsspezifische Erkrankungen, an denen sowohl Männer als auch Frauen leiden können.

Bericht: Heidi Heinhold

1. Geschlechtsspezifische Erkrankungen

man with face covered in shadow holding his head in his hands
Depressive Verstimmung, Rücken- und Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen - die Symptomatik der Andropause hat viele Gesichter.
Quelle: Pixabay/whoismargot

Andropause: Es handelt sich um ein der Menopause der Frauen entsprechendes Phänomen. Anhaltspunkte können Lustlosigkeit, Müdigkeit, Schweißausbrüche, Abnahme von Muskelkraft und Erektionsfähigkeit, depressive Verstimmung, Rückenschmerzen, nachlassendes Bedürfnis nach Sexualität, zunehmender Haarausfall, Kopfschmerzen, Nervosität und Konzentrationsstörungen sein. Ursächlich sind hormonelle Veränderungen, die jedoch langsamer und über eine größere Zeitspanne verlaufen als bei Frauen, weil die Androgenproduktion langsam zurückgeht. Ab dem 40. bis zum 90.(!) Lebensjahr können die Symptome auf ein Hormontief zurück zu führen sein. Das heißt: Die diagnostische Abklärung der ziemlich unspezifischen Hinweise, die auch Frauen bekannt sind, muss zwingend die Bestimmung des Androgenspiegels umfassen, wenn sich aufgrund einer nicht eingeleiteten Therapie die Lebensqualität des Mannes und seines sozialen Umfeldes nicht verschlechtern soll. Das Hauptproblem dürfte darin bestehen, den Mann zur Abklärung einer möglicherweise hormonellen Ursache seiner geklagten Beschwerden zu motivieren.

Gutartige Prostatavergrößerung = Benigne Prostatahypertrophie (BPH): Ungefähr 60% aller Männer ab dem 50. Lebensjahr sind von dieser häufigsten und mit einem Tabu behafteten urologischen Erkrankung betroffen. Sie kann bei frühzeitiger Therapie geheilt werden. Angst vor Impotenz aufgrund der Therapie und Scham führen zur Verharmlosung der Beschwerden, was die Heilungschancen dieses Krankheitsbildes verschlechtert und die Lebensqualität des Betroffenen und seines sozialen Umfeldes nachhaltig beeinträchtigt.

Erektile Dysfunktion: Dieser Begriff wird umgangssprachlich auch auf die medizinisch völlig unterschiedlichen Funktionsstörungen wie Impotenz und Sterilität mit verschiedenen Ursachen angewendet. Bei der ED kann keine oder keine ausreichende Erektion erfolgen oder erhalten werden. Hier ist zunächst die Ursache abzuklären. Eine eigenverantwortlich durchgeführte Therapie mit Medikamenten aus dem Internet kann lebensgefährdend sein!

Prostatakarzinom: Diese häufigste Tumorerkrankung steht an zweiter Stelle der organbezogenen Todesursachen des Mannes, die bei Früherkennung sehr gute Heilungs- und Überlebenschancen nach sich zieht. Darin liegt auch die Begründung regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen, auch wenn diese nicht als angenehm empfunden werden. Welche Therapie erforderlich wird, hängt vom Grad der Erkrankung (=Grading-Stufen) und vom Alter des Mannes ab.

  • Stadien T1/T2N0M0 und den Grading-Stufen 1 und 2: Im höheren Lebensalter ist keine Therapie erforderlich, es reichen regelmäßige Kontrollen aus. Grading-Stufen 3 oder 4: Es gibt zwei Behandlungsmöglichkeiten - die Entfernung der Prostata einschließlich der Beckenlymphknoten oder eine Bestrahlung.
  • Stadium T2N0M0: Operation (Entfernung von Prostata und Lymphknoten im Becken) oder eine Bestrahlung.
  • Stadien T3/T4N0M0: Bestrahlung und, wenn möglich, eine operative Entfernung der Prostata und der Beckenlymphknoten. Hormontherapie ergänzend, wenn vollständige Entfernung des Tumors nicht möglich.
  • Stadien T1 - T4 mit jeweils Befall von Lymphknoten und anderen Organen: Beginn der Therapie mit Hormonbehandlung, bei Erfolglosigkeit ergänzend Chemotherapie, Bestrahlung und/oder Entfernung von Prostatagewebe durch die Harnröhre, um die Tumormasse zu verkleinern und den Harnabfluss durch die Harnröhre zu gewährleisten.

a) Strahlentherapie (interstitiell oder perkutan)
Interstitielle Therapie: Unter Ultraschallsicht erfolgt das Einbringen kleiner radioaktiver Partikel mittels Hohlnadel in den Zwischenzellraum (=Interstitium) des Tumorgewebes:
Perkutane Therapie = üblicherweise durchgeführte Strahlentherapie. Die Strahlung wird von außen auf das erkrankte Organ gerichtet. Sie dauert in der Regel etwa sieben bis acht Wochen und kann, nach der Einleitung im Krankenhaus ambulant weitergeführt werden.

b) Hormontherapie
Sie hat den Zweck, die Wirkung des körpereigenen Testosterons zu dämpfen, weil ein hoher Testosteronspiegel zum Wachstum des Tumors beiträgt. Sie kann unbegrenzt durchgeführt werden und richtet sich nach der individuellen Wirkung und möglicherweise ergänzender Therapie. Eine Hodenentfernung kann erfolgen, um die Testosteronbildung zu unterbinden und die Einnahme von Medikamenten entbehrlich zu machen, wird jedoch selten durchgeführt.

c) Chemotherapie
Dauertherapie mit Substanzen, die das Tumorwachstum verhindern. Behandlungszeitraum ist abhängig vom Wirkungserfolg.

d) Rezidivprophylaxe durch regelmäßige Nachsorge
Bei den Nachsorgeuntersuchungen wird die Prostata abgetastet und der PSA-Wert (prostataspezifisches Antigen) im Blut bestimmt. Empfohlen sind Intervalle in den ersten beiden Jahren seit Therapieabschluss alle drei Monate, später alle sechs bis zwölf Monate. Hinsichtlich der Rezidive sind nur wenige Angaben vorhanden. Beschrieben sind Überlebensraten von bis zu 75 Prozent nach fünf Jahren.

2. Nicht geschlechtspezifische Erkrankungen

Hierzu gehören Harnwegsinfektionen, Steinleiden (= Urolithiasis) und insbesondere Funktionsstörungen der Blase.

Harnwegsinfektionen: Es handelt sich um aufsteigende Infektionen des Urogenitaltraktes, bei denen Bakterien, seltener Viren oder Pilze, über den Ausgang der Harnröhre in die Blase und vor dort aus bis in die Harnleiter und Nieren wandern. Diese Infektionskrankheit tritt sehr häufig und in jedem Lebensalter auf. Im Säuglingsalter sind Jungen öfter betroffen als Mädchen, m Erwachsenalter erkranken Frauen häufiger als Männer.

xray image of bladder stone
Röntgenbild eines Blasensteins

Urolithiasis: Die Urolithiasis ist medizinisch gesehen keine eigene Erkrankung, sondern ein Symptom, denn Steine sind das Ergebnis einer oder mehrer anderen, übergeordneten Ursachen. Sie sind diagnostisch festzustellen; die Faktoren, die Steinbildung ausgelöst haben, sind nicht immer sofort erkennbar. Steine und mit ihnen häufig die Beschwerden, können beseitigt werden, ihre Ursache bleibt jedoch bestehen und damit das Risiko der erneuten Steinbildung. Unbehandelt liegt die Wahrscheinlichkeit einer Neuerkrankung bei etwa als 50 bis 60 Prozent. Als (mit-)ursächlich für dieses den Zivilisationskrankheiten zugeordnete Phänomen werden der vermehrte Fleischkonsum und andere ungünstige Ernährungsgewohnheiten angegeben. Männer erkranken drei mal häufiger, als Frauen. Bereits kleine Kinder können ebenfalls betroffen sein.

Inkontinenz: Inkontinenz ist als Verlust oder das Nichterlernen der Fähigkeit, Stuhl und/oder Urin sicher zu speichern und an gewollten Ort zu einer selbstbestimmtern Zeit auszuscheiden definiert. Betroffen sind wesentlich mehr Frauen als Männer. Mit(ursächlich) ist die Anfälligkeit des weiblichen Blasenschließmuskels für Verletzungen / Funktionsbeeinträchtigungen. Zu unterscheiden sind:

  • Stress-/Belastungsinkontinenz
    Vorwiegend bei Frauen auftretende Inkontinenzform aufgrund einer Schwäche der Beckenbodenmuskulatur, die z.B. durch vaginale Geburten, Innervationsstörungen des Beckenbodens, zu kurze Harnröhre (angeboren) oder operative Verletzung des Schließmuskels sein. Beim Mann ist diese Form vorwiegend iatrogen oder traumatisch bedingt. Merke: Jede Operation oder Verletzung im Bereich des äußeren distalen Sphinkters kann zur Beeinträchtigung des Kontinenzmechanismus führen. Die Stress- / Belastungsinkontinenz ist in drei Schweregrade unterteilt. Typische Merkmale allgemein sind z.B. unwillkürlicher Harnabgang beim Husten, Niesen, Pressen (=passive intravesikale Druckerhöhung). Speziell nach Schweregraden:
    • Grad I: Harnabgang beim Husten, Niesen, Pressen und schweren Heben.
    • Grad II: Harnabgang beim Gehen, Bewegen und Aufstehen.
    • Grad III: Harnabgang bereits im Liegen.
  • Pflegemaßnahmen/Therapie: Krankengymnastik zur Stärkung der Bauchdecken-, Beckenboden- und Zwerchfellmuskulatur, α-Sympathikomimetika zur Stärkung der glatten Muskulatur des Blasensphinkter, Östrogensubstitution zur Verbesserung der zur Kontinenz beitragenden Schleimhautkomponente, Operation zur Wiederherstellung der funktionell bedeutsamen proximalen Urethra.
  • Drang-/(Urge-)inkontinenz
    Unfreiwilliger Harnabgang durch ungewollte, nicht unterdrückbare Kontraktion der Blasenmuskulatur. Häufigste Inkontinenzform beim alten Menschen. Sensorisch bedingt: Erhöhte Empfindlichkeit der Blasenwand. Motorisch bedingt: Funktionsstörung der Blasenmuskulatur. Ursachen können z.B. Harnwegsinfekte, neurologische Erkrankungen und Abflusshindernisse sein.
    Typische Merkmale: Unwiderstehlicher Harndrang mit unwillkürlichem Harnabgang. Der Betroffene spürt den Harndrang zwar, erreicht die Toilette jedoch nicht rechtzeitig.
    Pflegemaßnahmen/Therapie: Ursächliche Faktoren beheben bzw. beeinflussen, z.B. durch Antibiotika oder operativ. Elektrostimulation, Medikamentöse Therapie der so genannten überaktiven Blase mit dem Ziel, die sensible Reizschwelle für Harndrang herabzusetzen. Toilettentraining.
  • Überlaufinkontinenz
    Harnabgang durch Druck in der Blase, der den Sphinkterdruck überschreitet. Mögliche Ursache: Abflusshindernis mit Überdehnung der Blase. Ständig überfüllte Blase mit Restharn nach unvollständiger Entleerung. Permanenter Harnabgang in kleinen Mengen, dabei kein Harndrang.
    Typisches Merkmal: Ständiger, tröpfchenweiser Harnabgang.
    Pflegemaßnahmen/Therapie: Entlastung der Blase, Beseitigung des Abflusshindernisses, intermittierender Einmalkatheterismus, Medikamente.
  • Reflexinkontinenz
    Unkontrollierte, reflektorische Kontraktion der gesamten Blasenmuskulatur, z.B. bei Querschnittlähmung, führt zur Entleerung der Harnblase, weil die neuronale Steuerung der Blasenfunktion unterbrochen ist. Es wird meist auch kein Harndrang verspürt.
    Typisches Merkmal: Unwillkürlicher Harnabgang in unterschiedlichen Zeitabständen.
    Pflegemaßnahmen/Therapie : Regelmäßige Blasenentleerung (intermittierender Selbstkatheterismus), medikamentöse Begleittherapie mit Anticholinergika (atropinartige Wirkung).
  • Extraurethrale Inkontinenz
    Harnabgang außerhalb des natürlichen harnableitenden Systems, z.B. durch angeborene oder erworbene Fistelbildung.
    Typisches Merkmal: Ständiger Harnverlust über Scheide, Darm oder an der Hautoberfläche. Spezielles Merkmal: Luftblasen im Urin beim Wasserlassen geben Hinweis auf Blasen-Darm-Fistel.
    Therapie: Operative Beseitigung der Fistel
  • Mischform Stress- und Dranginkontinenz
    Sie basiert auf einer Überaktivität der Blase und einer Störung des Verschlusssystems.
    Typische Merkmale: Die vorbeschriebenen Symptome treten in Kombination auf.
    Pflegemaßnahmen/Therapie: Separate Behandlung der jeweiligen Symptome, den Ursachen entsprechend.
  • Enuresis
    Ungewollte, vollständige, normale Blasenentleerung am falschen Platz und zur falschen Zeit. Tritt selten am Tag (Enuresis diurna), vor allem aber in der Nacht (Enuresis nocturna) auf. Betroffen sind vor allem Kinder. Allerdings darf erst ab einem Lebensalter von fünf Jahren und einem Intelligenzalter von mindestens vier Jahren von Enuresis gesprochen und die entsprechende Behandlung eingeleitet werden. Vorher ist ein spontaner Harnabgang bei Kleinkindern noch physiologisch.
  • Nykturie
    Es handelt sich um vermehrte nächtliche Harnentleerungen, auch ohne größere abendliche Flüssigkeitsaufnahme. Ursachen können sein: Herzinsuffizienz (wenn die begleitenden Ödeme nachts ausgeschwemmt werden), Blasenentleerungsstörungen, z. B. aufgrund einer Prostatahyperplasie mit Restharnbildung und verminderter Blasenkapazität, oder eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz.

3. Anforderungen an absorbierende Hilfsmittel

Ein Qualitätsmerkmal ist das Saugvolumen der Vorsorgungsprodukte. Das muss den Schweregraden der jeweiligen Erkrankung entsprechen. Im Qualitätsmanual Miktionsstörungen & Harninkontinenz hat die Deutsche Gesellschaft für Harnkontinenz folgende Werte tabellarisch definiert:

  • Urinverlust/Attacke Produktkapazität Saugvolumen/4 h
  • Tröpfelinkontinenz < 50 ml < 150 ml 150 ml
    • Grad 1 50 – 100 ml < 300 ml 300 ml
    • Grad 2 100 – 250 ml 300 – 750 ml 750 ml
    • Grad 3 > 250 ml > 750 ml

4. Spezielle Probleme erfordern neue Berufsbilder

Verschiedene Institutionen bieten inzwischen Lehrgänge zur Erlangung der Qualifikation „Kontinenzpflege“ an, mit dem Ziel, die Betroffenen aus ihrer schambedingten und oft selbst gewählten Isolation in eine normales Alltagsleben zurück zu führen. Hierzu ist nicht nur Sachkenntnis hinsichtlich der Hilfsmittel und Pflegehilfsmittel gefordert, sondern fundierte Kenntnisse der Anatomie, Physiologie, Krankheitslehre und Behandlungsmethoden und vor allem psychologisches Geschick, die Betroffenen zu motivieren, offen mit dem Thema umzugehen. So können sie sich über die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten sowohl der Harn- als auch der Stuhlinkontinenz informieren. Schließlich sind beide Krankheitsbilder gut zu beeinflussen, wenn nicht gar heilbar.

18.08.2009

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