Atherosklerose

Kontrolle auf der Außenseite

Auf der Außenwand von Blutgefäßen mit atherosklerotischen Plaques bilden sich tertiäre Lymphorgane, die Atherosklerose hemmen können, wie LMU-Wissenschaftler zeigen. Dieser Fund eröffnet neue Therapieoptionen der Erkrankung.

Photo: Kontrolle auf der Außenseite

Atherosklerose entsteht, wenn Ablagerungen in der Gefäßinnenwand – sogenannte atherosklerotische Plaques – zu chronischen Entzündungen führen und die Blutgefäße verengen. Plaques behindern den Blutfluss und blockieren ihn schließlich vollständig, was einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslöst. Verursacht werden die chronischen Entzündungen durch eine außer Kontrolle geratene Reaktion des Immunsystems. „Aber das Immunsystem kann an den betroffenen Arterien die überschießende Immunreaktion auch dämpfen“, sagt Professor Andreas Habenicht (Institut für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten, Direktor Professor Christian Weber). Das Team von Habenicht konnte nun in Kooperation mit nationalen und internationalen Forschergruppen zeigen, dass sogenannte arterielle tertiäre Lymphorgane (ATLOs) auf den Gefäßaußenwänden den Entzündungen entgegen wirken können. Über ihre Ergebnisse berichten die Wissenschaftler in der
Fachzeitschrift Immunity.

Wie atherosklerotische Plaques entstehen, ist noch nicht vollständig geklärt. Rauchen, Übergewicht oder mangelnde Bewegung tragen zu ihrer Entstehung bei. Oft beginnt die Krankheit schon im Jugendalter und ist vermutlich auch Teil des natürlichen Alterungsprozesses. „Wir haben nun im Mausmodell beobachtet, dass im Verlauf des Alterungsprozesses Immunzellen die Arterienwand infiltrieren und auf der Gefäßaußenwand tertiäre Lymphorgane bilden – und zwar genau dort, wo an der Innenseite atherosklerotische Plaques liegen“, sagt Habenicht. Diese ATLOs ähneln Lymphknoten. Im Unterschied zu anderen Schlüsselkomponenten des Lymphsystems wie etwa der Milz oder den Mandeln, die bereits während der Embryonalentwicklung angelegt werden, entstehen ATLOs erst während des Alterungsprozesses als Reaktion auf chronische Entzündungen – sie bilden also eine Art „Zweigstelle“ des Immunsystems, die flexibel dort entsteht, wo sie gebraucht wird.

Schützende Immunzellen überwiegen

ATLOs enthalten alle Immunzellen, die nötig sind, um eine Immunreaktion zu steuern. Darunter sind sowohl Zellen, die Immunreaktionen aktivieren, als auch solche, die Immunreaktionen dämpfen. „Welche Funktion ATLOs genau haben, war bisher ungeklärt. Insgesamt ging man davon aus, dass sie Autoimmunerkrankungen und chronische Entzündungen eher fördern. Das ist überraschenderweise aber gerade nicht der Fall“, sagt Habenicht. „Als wir ATLOs ausschalteten, entwickelte sich im Mausmodell mehr Atherosklerose, nicht weniger. Wir schließen daraus, dass die immun-dämpfenden Zellen das Übergewicht über die aktivierenden Zellen haben, sodass die Immunreaktion insgesamt gebremst wird“.

ATLOs sind damit wichtige Steuerungszentren der Immunabwehr bei Atherosklerose und möglicherweise auch bei anderen chronischen Entzündungskrankheiten und bestimmten Krebserkrankungen. Daher sind sie ein interessantes, bisher unbeachtetes Ziel für neue Therapiestrategien. “Unserer Ergebnisse eröffnen die Möglichkeit, die Atherosklerose-spezifischen Immunzellen zu isolieren und molekular zu charakterisieren. Anschließend können wir die Zellen dann hinsichtlich ihrer Funktion untersuchen und mittelfristig verwenden, um neue Therapieoptionen zu entwickeln. Langfristig könnte so möglicherweise eine Impfung gegen Atherosklerose entwickelt werden – aber bis dahin ist es noch ein langer Weg“, betont Habenicht.


Quelle: LMU München

25.08.2015

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