Kann das deutsche Gesundheitswesen an der Telemedizin genesen?

Ein aktueller Versuch

Kann das deutsche Gesundheitswesen an der Telemedizin genesen?

Den Begriff Telemedizin gibt es seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zehn Jahre später zeigte die Deutsche Telekom erste Anwendungen, die für entlegen lebende Menschen medizinische Versorgung bereitstellen sollten.

Bericht: Anja Behringer

Zum Beispiel – ausgehend von amerikanischen Vorstellungen – für Astronauten im All, bei Arbeitern auf Ölbohrinseln oder Verletzten in Kriegslazaretten. Zehn Jahre später kam die erweiterte Version Telematik im Gesundheitswesen und ab der Jahrtausendwende wurde im Rahmen der New Economy die Bezeichnung E-Health eingeführt. In all diesen Jahrzehnten hat sich die Idee der medizinischen Versorgung über weite Distanzen per Telekommunikation nicht verändert. Ihre Vorteile der schnellen Intervention, Diagnosesicherheit durch gleichzeitige Expertenmeinung per Videokonferenz und damit letztlich Kostenersparnis gelten auch heute noch. Nur umgesetzt ist von den Absichten wenig.

Niedriger Digitalisierungsgrad im Gesundheitswesen

Grund dafür ist der mangelnde Digitalisierungsgrad des Gesundheitswesens, wie das Bundeswirtschaftsministerium letztes Jahr in einer Studie ermittelte. Und der Bundesverband Digitale Wirtschaft sieht als gravierendste Ursachen für den Rückstand der Gesundheitswirtschaft vor allem politische Probleme: zu starre gesetzliche Regelungen (etwa beim Fernbehandlungsverbot), zu starre Strukturen in der Gesetzlichen Krankenversicherung, auf den Schutz von Partikularinteressen ausgerichtete „Beharrungskräfte der gemeinsamen Selbstverwaltungsgremien von Krankenkassen und Ärzten“, zu komplexe Datenschutzbestimmungen und zu wenig Aufklärung durch die Akteure im Gesundheitswesen über die Vorteile digitaler Technologien.

Auf Kongressen und Workshops werden Best-Practice-Beispiele beschworen wie man von anderen Branchen lernen könne, zum Beispiel vom Lean Management der Automobilbranche: möglichst keine Wartezeiten, keine unnötig langen Wege und keine Übergabe fehlerhafter Zwischenergebnisse zwischen Prozessschritten („Null-Fehler-Prinzip“). Die Aufenthaltsorte der Patienten werden nun durch digitale Armbänder überwacht - auch die Klinikmitarbeiter können Abläufe deutlich effizienter gestalten.

Modellprojekt telemedizinische Vernetzung

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Univ.-Prof. Dr. med. Gernot Marx ist Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der RWTH Aachen, Mitglied des ZTG-Forums Telemedizin und Projektleiter von TELnet@NRW.

Einen anderen Ansatz verfolgt das Modellprojekt TELnet@NRW unter Leitung der Uniklinik RWTH Aachen. „Mit so vielen Studienpatienten in den ersten Wochen haben wir gar nicht gerechnet! Wir sind höchst zufrieden mit dem Start der Interventionsphase dieses wichtigen und zukunftsweisenden Projekts“, freut sich Univ.-Prof. Dr. med. Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care, Mitglied des ZTG-Forums Telemedizin und Projektleiter von TELnet@NRW. „Unser Dank gilt allen beteiligten Projektpartnern, Krankenhäusern und den Praxisnetzwerken, die maßgeblich für diesen Erfolg verantwortlich sind und die für das Projekt elementaren Daten liefern.“

Eine schnelle Diagnose und Therapie kann insbesondere in der Intensivmedizin lebensrettend sein. Notwendig ist dazu als neue digitale Versorgungsform ein übergreifendes telemedizinisches Netzwerk, das aufzubauen und zu evaluieren Ziel des mit 20 Millionen Euro aus dem Innovationsfond durch den Gemeinsamen Bundesausschuss geförderten Modellprojekts ist. Über 20.000 Patienten haben bereits seit Start der Interventionsphase im Oktober vergangenen Jahres daran teilgenommen. Für valide Erkenntnisse sind 40000 Teilnehmer aus dem ambulanten und stationären Bereich avisiert. Die Teilnehmer werden aus den 21 beteiligten Versorgungseinrichtungen rekrutiert – die jeweilige Einwilligung der infrage kommenden Patienten vorausgesetzt. Dabei stehen Patienten mit einer infektiologischen Fragestellung sowie schwer kranke Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen, im Vordergrund. Es wird analysiert, inwiefern und in welchem Maße die Ziele dieser Versorgungsoptimierung erreicht werden Eine speziell eingerichtete Telematik-Infrastruktur ermöglicht regelmäßige Teleintensiv-Visiten der universitären Experten der Telemedizinzentren Aachen und Münster sowie der Partner aus den Konsortialkrankenhäusern und Praxisnetzwerken. Nach Ende der Laufzeit des Projekts Anfang 2020 wird sich zeigen, ob die Ergebnisse für eine Aufnahme von telemedizinischen Visiten als Teil der Regelversorgung sprechen.

Sorgen um die Zukunft ärztlicher Versorgung

Die Anstrengungen haben politische, wirtschaftliche und medizinische Gründe. Zum einen leidet der Arztberuf unter Nachwuchssorgen. Die flächendeckende medizinische Versorgung in Deutschland ist gefährdet, nachdem in den nächsten Jahren Tausende von Medizinern in den Ruhestand gehen und keine Nachfolger für ihre Hausarztpraxis, vor allem in ländlichen Gebieten finden. Zweitens wird Medizin allgemein zu teuer, die Krankenkassen bremsen hinsichtlich der Überalterung der Gesellschaft. Zu diesen Problemen muss sich schließlich die Politik etwas einfallen lassen. Natürlich steht der Datenschutz bei telemedizinischen Aktivitäten an vorderster Stelle, aber auch andere Verordnungen - wie zum Beispiel das Fernbehandlungsverbot - gehören auf den Prüfstand. Aktuell wird Mitte des Jahres das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz) in Kraft treten.

In der Schweiz wird „aus der Ferne“ behandelt

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Aktuell finden regelmäßig infektiologische Beratungen zwischen niedergelassenen Ärzten und den infektiologischen Kollegen der Universitätskliniken Aachen (RWTH) und Münster (UKM) statt. Täglich gibt es Teleintensiv-Visiten, Übergaben und Fallbesprechungen. „Rund 300 Infektions-Experten sind bundesweit in Krankenhäusern tätig “, sagt Prof. Marx. „Damit ist klar, dass nicht jedes Krankenhaus diese Expertise vorhalten kann.“ Das soll mit TELnet@NRW aufgefangen werden, denn „eine frühe und gemeinsame Diagnose ist besser und sichert die Leitlinieninhärenz.“

Prof. Alexander Zarbock als Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am UKM freut sich vor allem über die Zusammenarbeit unter den Häusern: „Dadurch dass wissenschaftliche Expertise für die Kollegen nun jederzeit abrufbar ist, unterstützen wir die bestmögliche wohnortnahe Patientenversorgung“.

21 Gesundheitspartner im Telematiknetz

Als Konsortialpartner nehmen neben den Unikliniken aus Aachen und Münster 17 Krankenhäuser aus den Regionen Aachen und Münster, die Techniker Krankenkasse sowie die Ärztenetzwerke „Gesundheitsnetz Köln-Süd (GKS)“ und „MuM – Medizin und Mehr“ an dem Projekt teil. Unterstützt wird es durch Kooperationspartnerschaften mit der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe sowie allen gesetzlichen Krankenkassen in Nordrhein-Westfalen. Wissenschaftlich begleitet und evaluiert wird das Projekt von der Universität Bielefeld und dem Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH (ZTG) in Bochum. Insbesondere die Phasen der Evaluation, die sich über die gesamten drei Jahre Laufzeit erstrecken, sind grundlegend für das Projekt. Die Datenerhebungsmethode mit einer Cluster-Randomisierung im Stepped Wedge-Design ermöglicht es dem Projektteam, jedes Krankenhaus im Zeitverlauf mit sich selbst, aber auch mit Krankenhäusern vergleichen zu können. Zusammen mit der durchgängigen Datenerfassung können auf diese Weise Kausalitäten zwischen den Veränderungen in Therapie und Diagnostik und der telemedizinischen Intervention errechnet werden. Nach der Auswertung wird entschieden, ob die telemedizinischen Visiten Teil der Regelversorgung werden können. 


Profil:

Univ.-Prof. Dr. med. Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der RWTH Aachen, Mitglied des ZTG-Forums Telemedizin und Projektleiter von TELnet@NRW, studierte 1987 - 1994 Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule (MHH) Hannover. 1995 erfolgte dort die Promotion, 2000 die Habilitation. 2004 bekam er an der MHH die Vorzeitige Verleihung der Würde "Außerplanmäßiger Professor" sowie im selben Jahr eine C3-Professor auf Lebenszeit für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 2008 folgte eine W3-Professor auf Lebenszeit für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operativer Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. Sein Arbeitsschwerpunkt ist aktuell die flächendeckende Einführung der Telematik ins Gesundheitswesen mit Überführung in die Regelversorgung.

16.02.2018

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