Telekardiologie

Home Monitoring: Eine smarte Lösung für alle Beteiligten

Jährlich erhalten weltweit mehr als eine Million Patienten einen Herzschrittmacher oder einen implantierbaren Defibrillator. Home Monitoring-Systeme können die Sicherheit und Lebensqualität der betroffenen Patienten deutlich verbessern, erklärt Prof. Dr. Gerhard Hindricks, Leitender Arzt der Abteilung für Rhythmologie am Herzzentrum Leipzig im Gespräch.

Interview: Sascha Keutel

Photo: Home Monitoring: Eine smarte Lösung für alle Beteiligten
Photo: Home Monitoring: Eine smarte Lösung für alle Beteiligten
Quelle: Biotronik GmbH u KGPR

Welche technischen und personellen Voraussetzungen braucht eine kardiologische Abteilung, um ein solches Home Monitoring-System einzuführen?

Die technischen Voraussetzungen sind eigentlich in jeder deutschen Klinik gegeben. Man braucht Zugang zum Internet mit einer einigermaßen akzeptablen Übertragungsrate.  Die personelle Infrastruktur und die Arbeitsflüsse bedürfen etwas genauerer Überlegungen. Denn es muss klar geregelt sein, wer sich um welche Daten kümmert und wie mit ihnen dann weiter umgegangen wird.  In Leipzig haben wir eine speziell geschulte Mitarbeiterin, die die Daten hinsichtlich der weiteren Bearbeitung prüft und an das entsprechende Personal weiterleitet. Unterm Strich kann man sagen: Die Gesamtinfrastruktur im Krankenhaus wird durch das kardiologische Home Monitoring deutlich entlastet bei gleichzeitiger wesentlicher Verbesserung der Behandlungsqualität.

Wie beeinflusst das System die Sterblichkeitsrate?

Studien haben sehr positive Effekte auf die Gesundheit dank Home Monitoring ergeben. So haben wir  in der IN-TIME-Studie eine signifikante Reduktion der Gesamtmortalität bei Herzinsuffizienzpatienten durch eine implantatbasierte Fernnachsorge nachgewiesen. Wir haben uns die Gesamtsterblichkeit angeschaut und analysiert, ob sich die kardiovaskuläre im gleichen Umfang wie die Sterblichkeit insgesamt reduziert. Und es ist tatsächlich so! Wesentlicher Treiber der Gesamtsterblichkeitsreduktion ist die Verringerung der kardiovaskulären Mortalität.

Hat das eine psychologische Komponente, weil sich die Patienten einfach sicherer fühlen?

Das hat sicherlich auch eine psychologische Komponente. Die Patienten nehmen das Home Monitoring im Allgemeinen gut an. Es gab nur wenige Patienten, die das Angebot abgelehnt haben, weil sie möglicherweise technologisch begründete Zweifel hatten. Zum größten Teil sind sie jedoch froh, dass sie zu Hause nur den sogenannten CardioMessenger - das ist ein Handy ähnliches, automatisches Übertragungsgerät - in die Steckdose stecken müssen. Denn ab dann läuft die Datenübermittlung vollautomatisch. Der Patient hat somit immer die Sicherheit,  dass das System technische oder medizinische Auffälligkeiten sofort erkennt.

Gibt es Patienten, für die sich Home Monitoring nicht eignet?

Mir fällt keine einzige Bedingung ein, unter der das Home Monitoring bei einem Patienten nicht eingesetzt werden sollte – es ergeben sich keine messbaren Risiken. Das System braucht nur wenig Strom -  was die Lebensdauer der Implantate ohnehin nicht beeinflusst.  Und der Patient erhält zusätzliche Informationen von einem weiteren Partner aus seinem bereits bestehenden Gesundheitsnetzwerk. Dies ermöglicht einen erheblichen qualitativen Behandlungszuwachs, ohne Mehrkosten zu produzieren.

Wie ist der niedergelassene Kardiologe eingebunden?

Bei uns ist die Vernetzung mit den niedergelassenen Kollegen vorgesehen und mit einigen Praxen, mit denen wir intensiv zusammen arbeiten, auch schon umgesetzt. Wir leiten alle relevanten Nachrichten an die Kollegen weiter. Die Verantwortung für die Benachrichtigung der Patienten liegt allerdings weiterhin bei uns. Wann immer wir glauben, dass eine Maßnahme wie beispielsweise eine Veränderung der medikamentösen Therapie notwendig ist, besprechen wir das mit den Kollegen und finden eine gemeinsame Lösung.

Das Home Monitoring wird von Krankenkassen nicht bezahlt. Richtig?

Wir sind in Verhandlungen mit den Kostenträgern im Gesundheitswesen. Diese wollten Daten vorgelegt bekommen, die eine Qualitätsverbesserung nachweisen, bevor sie sich finanziell beteiligen.  Diese Daten liegen jetzt vor. Wir sind in Vorleistung getreten, haben gemeinsam mit der Firma Biotronik eine sehr hohe Studiendichte über das Home Monitoring angelegt, diese finanziert und uns die Arbeit gemacht, ohne den Kostenträgern zu viel abzufordern.
Daher jetzt mein dringender Aufruf an die Kostenträger: Nehmen Sie die Daten zur Kenntnis, positionieren Sie sich angemessen und werden Sie ihrer Verantwortung den Patienten gegenüber gerecht. Setzen sie die qualitative Verbesserung für die Patienten auch in finanziell abbildbare Leistungen um!

Die Daten müssen dokumentiert werden: In welches System fließen sie im Krankenhaus ein?

Eine gute Frage, denn es ist eine nicht zu verachtende Aufgabe, die Verknüpfung aller Daten im Krankenhaus zu erreichen. Ein optimaler Ansatz und effizienter Behandlungspfad  wäre, wenn  die Daten, die eine Verschlechterung des Patienten anzeigen, automatisch über das PACS oder KIS-System in die Krankenakte weitergeleitet werden würden. So könnte man sicherstellen, dass es eine direkte Anbindung, umfassende Dokumentation und nachfolgende Behandlung gibt. Diese Vernetzung ist angedacht, weil das aber sehr kompliziert ist,  noch nicht in allen Bereichen optimal umgesetzt.
Das alles betrifft allerdings in keiner Weise die Datensicherheit: Wir lagern alle Daten auf einer mehrfach gesicherten Plattform, die uns jederzeit und von jedem Computer weltweit einen sicherheitsverschlüsselten Zugriff auf die Daten erlaubt. Und selbstverständlich haben nur autorisierte Personen Zugriff. Das System ist gut geschützt!

Die Daten werden über das Mobilfunknetz übermittelt: Wer bezahlt eigentlich dieses „Telefonat“ und was passiert wenn die Leitung zusammenbricht?

Die Kosten dafür übernehmen im Moment die Hersteller. Dem Patienten entstehen zu keinem Zeitpunkt Zusatzkosten. Und bei einem Ausfall gehen selbstverständlich keine Daten verloren. Wir arbeiten außerdem mit Mobilfunkanbietern zusammen, die eine hohe Netzstabilität garantieren. Die Übertragungsrate beim Home Monitoring ist hoch: Sie liegt bei über 90%.

Wie sehen Sie die Perspektive von Home Monitoring-Systemen?

Beim Management von Erkrankungen werden sie in Zukunft ebenso wie telemedizinische Applikationen eine herausragende Rolle spielen. Es wird eine immer größere Anzahl von Daten über Erkrankungen geben, die häufig auftreten, und die mittels automatischer Datensysteme übermittelt werden. In Zukunft wird es sogar BioMonitore geben, die an die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst sind und in der mittelfristigen Zukunft werden Implantate auf dem Markt erhältlich sein, für die Sensoren freigeschaltet werden. Ein Patient mit Rhythmusstörungen bekommt dann einen EKG-Monitor freigeschaltet, ein anderer mit Rhythmusstörungen plus Diabetes bekommt einen Insulin- oder Glukose-Sensor implantiert und zusätzlich den EKG-Monitor freigeschaltet. Das wird die Kardiologie der Zukunft sein.


PROFIL:
Professor Gerhard Hindricks ist seit 1998 Leitender Arzt der Abteilung für Rhytmologie am Herzzentrum Leipzig. Er ist Präsident der European Heart Rhythm Association und ist aktives Mitglied sowohl in der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie-, Herz- und Kreislaufforschung, als auch in der European Society of Cardiology (ESC). Hindricks ist des Weiteren Editor und Gutachter für führende medizinische Fachzeitschriften, wie das European Heart Journal, Circulation: Arrhythmia and Electrophysiology und viele mehr.

05.11.2015

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