DWI des Abdomens

Es ist nicht immer wie es scheint

Als die Diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI, diffusion-weighted imaging) Anfang des Jahrtausends auch für die Abdomen-Diagnostik tauglich wurde, galt sie bald als ein Universalwerkzeug in der Diagnostik. Zu Recht: Denn die DWI eignet sich aufgrund der Darstellung der Bewegungen der Wassermoleküle hervorragend für die Ermittlung von Tumorerkrankungen oder Entzündungsprozessen.

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Prof. Dr. Thomas Lauenstein, Chefarzt der Radiologischen Klinik am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf.

Prof. Dr. Thomas Lauenstein, Chefarzt der Radiologischen Klinik am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, weist in der Session „Diffusionsgewichtete Bildgebung im Abdomen“ jedoch nicht nur auf die Chancen, sondern auch auf die Limitationen des beliebten MRT-Protokolls hin. Dass die DWI richtig eingesetzt die Diagnostik enorm erleichtern kann, soviel ist sicher. Gerade bei unklaren Beschwerde- und Krankheitsbildern liefern die Informationen über eine mögliche Diffusionsstörung erste wichtige Hinweise zu deren Ursprung. Allerdings: Nicht alles, was eine auffällige Diffusion aufweist, ist potenziell krankhaft.

Keine übereilten Diagnosen

Für die exakte Ursachenbestimmung ist eine differenzierte Betrachtung und der Einsatz zusätzlicher Protokolle gefragt: „Die DWI ist nur ein kleiner Mosaikstein im gesamten Konzert der MRT-Sequenzen, bei der Stellung der Diagnose bedarf es auch einer genauen und gründlichen Betrachtung der anderen Sequenzen“, betont Thomas Lauenstein. Mithilfe der DWI wird zwar die Sensitivität in der Bildgebung erhöht, nicht jedoch zwangsläufig deren Spezifität: „Eine genaue Differenzierung des Gesehenen ist mit der DWI oft nicht möglich“, so der Radiologe weiter. Nur anhand der Diffusion lässt sich ein Tumor häufig nicht von einer chronischen Entzündung unterscheiden, was beispielsweise bei der Bauspeicheldrüsendiagnostik von besonderer Wichtigkeit ist.

Ein weiteres Beispiel für eine potenzielle Fehldiagnose sind eingeblutete Zysten, die ebenfalls Diffusionsstörungen aufweisen. „Um eine solche Einblutung von einem Tumor diagnostisch abzugrenzen, ist zusätzliche eine T1-gewichtete Aufnahme vonnöten“, so Thomas Lauenstein. Und auch die Milz hält einen Fallstrick bereit: Allein aufgrund der zellulären Struktur des Organs ist die Diffusionsbewegung der Wassermoleküle eingeschränkt, ein auffälliges Signal in der Diffusionsgewichtung hat also keine krankhafte Ursache, sondern eine physiologische.

Eingeblutete Zyste der rechten Niere (Pfeil) mit hohem Signal in der b=800 DWI...
Eingeblutete Zyste der rechten Niere (Pfeil) mit hohem Signal in der b=800 DWI (Abb 1a), korrespondierend niedrigem ADC-Wert (Abb 1b). Das hohe T1-Signal (Abb 1c) spricht für eine Einblutung.

Aus der täglichen radiologischen Routine ist die DWI als diagnostischer Wegweiser freilich nicht mehr wegzudenken, der Nutzen des Protokolls konnte in den vergangenen 15 Jahren unzweifelhaft unter Beweis gestellt werden. Die von Thomas Lauenstein präsentierten Beispiele zeigen jedoch, dass die DWI nicht die MRT-Wunderwaffe ist, für die das Protokoll lange gehalten wurde. Ein zu starkes Vertrauen allein auf diese Sequenz birgt großes Potenzial für falsch positive Befunde – dessen sollten sich Radiologen bei der Nutzung des Protokolls immer bewusst sein. „Wenn wir die Tücken und auch die Limitierungen des Verfahrens im Hinterkopf behalten, können wir die Vorteile des Protokolls guten Gewissens voll ausschöpfen und haben mit ihm ein wunderbares diagnostisches Werkzeug, das als eine Art Gatekeeper die weitere Untersuchung vereinfacht. Wir müssen uns aber immer bewusst machen, dass eine exakte MRT-Diagnostik weit mehr ist als ein DWI Protokoll“, appelliert der Radiologe.

Nebenmilz mit hohem Signal in der b=800 DWI (Abb 2a) korrespondierend niedrigem...
Nebenmilz mit hohem Signal in der b=800 DWI (Abb 2a) korrespondierend niedrigem ADC-Wert (Abb 2b). Die Läsion zeigt das typische arterielle KM-Muster von Milzgewebe (Abb 2c).

Profil:
Prof. Thomas C. Lauenstein hat in Bonn und Valencia/Spanien Humanmedizin studiert. Von 1999 bis 2005 absolvierte er die Facharztausbildung, 2000 promovierte er. Der Radiologe habilitierte sich 2007 zum Thema „Morphologische und funktionelle MRT des Gastrointestinaltrakts“. Von 2006 bis 2008 war Lauenstein als Assistant Professor im Department of Radiology an der EMORY University in Atlanta/USA tätig. Von 2008 bis 2015 an war er Stellvertrender Direktor am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie der Universitätsklinik Essen. Seit November 2015 ist Lauenstein Chefarzt der Radiologischen Klinik am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf.

Veranstaltungshinweis:
Raum: Congress-Saal
Donnerstag, 03.11.2016, 17:00-17:30 Uhr
Diffusionsgewichtete Bildgebung im Abdomen
Thomas Lauenstein, Düsseldorf
Session: Tipps und Tricks der abdominellen Bildgebung

02.11.2016

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