"Digitalisierung hilft, Sektorengrenzen zu überwinden"

Die Digitalisierung spielt eine Schlüsselrolle bei der wichtigen Zukunftsaufgabe, die starre Trennung der Versorgungssektoren zu überwinden. Das sagte Oliver Schenk, Abteilungsleiter "Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik, Telematik" im Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf dem Gesprächskreis Gesundheit des BVMed am 1. Juni 2016 in Berlin.

BMG-Abteilungsleiter Schenk beim BVMed.
BMG-Abteilungsleiter Schenk beim BVMed.

Der Innovationsfonds biete hier mit seinen Fördermöglichkeiten gute Ansätze. Wichtig sei es für das Ministerium, die Themen Telemedizin und Interoperabilität voranzubringen. Außerdem sprach sich Schenk für einen "engeren Austausch zwischen Industrie, Existenzgründern und Wissenschaft auf der einen sowie den Krankenkassen auf der anderen Seite" aus, um die Chancen der Digitalisierung für die Gesundheitsversorgung besser zu nutzen.

Die Digitalisierung biete viele Entwicklungen, "die die Medizin besser machen, Fortschritte in der Patientenversorgung bedeuten – und auch neue Player mit sich bringen", so der BMG-Experte. Alles, was digitalisiert werden könne, werde auch digitalisiert werden. Im komplexen Gesundheitssystem gehe es dabei beispielsweise um 1,5 Milliarden Behandlungsfälle und 5 Milliarden Dokumente. Diese würden oft digital erfasst, "wenn sie aber weitergeleitet werden, gibt es jede Menge Medienbrüche und Doppelarbeit", so Schenk. Dies gehe auch zu Lasten der Patientensicherheit und könne sogar lebensgefährlich werden, wenn wichtige Informationen wie Unverträglichkeiten nicht vorliegen. Die Digitalisierung könne auch bei der Mobilität einer älter werdenden Gesellschaft helfen und schaffe beispielsweise über Telemonitoring neue Behandlungsmöglichkeiten.

Einen enormen Schub sieht Schenk durch medizinische Apps. Es gebe allein rund 100.000 Gesundheits-Apps. Auch wenn die ‎allermeisten davon Fitness- und Lifestyle-Anwendungen seien, zeige sich hier eine ungeheure Dynamik. Für Apple sei das Gesundheitsthema sogar spannender und zukunftsträchtiger als selbstfahrende Autos oder Smart Homes.

Ein weiteres Themenfeld sind Gesundheitsinformationen für die Patienten. Nach neuen Studien sei die Gesundheit der wichtigste Wert der Deutschen – noch vor Erfolg und Freiheit. Gesundheitsinformationen würden zuerst gegoogelt werden, der Arzt sei dann überspitzt gesagt nur noch die "Zweitmeinung". Dreh-und-Angelpunkt bleibe aber das Arzt-Patienten-Gespräch. Die Digitalisierung und das Thema "einfache Sprache" müssten stärker in der Aus- und Weiterbildung der Ärzte verankert werden. Und im Internet "brauchen wir einfache, leicht zu findende, qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen", so Schenks Plädoyer.

Wenn alle Potenziale der Digitalisierung genutzt werden sollen, "müssen wir die Daten vernetzen und vernünftig nutzen". Die Grundlage dafür habe das eHealth-Gesetz 2015 geschaffen. Das Nutzen der Daten mache das System wirtschaftlicher und effizienter, aber auch die Patientenversorgung sicherer und besser, so der Ministeriumsexperte. Sein Fazit: "Die Digitalisierung muss dazu führen, nicht nur das Gesundheitssystem effizienter zu machen, sondern auch den Fokus mehr auf den Patienten zu legen."

BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Joachim M. Schmitt verwies auf die erheblichen Potenziale der digitalen Gesundheitswirtschaft für die MedTech-Branche. Der Digitalisierungsschub gehe dabei hauptsächlich vom zweiten Gesundheitsmarkt aus. Faszinierende Beispiele seien Apps, die Vitalparameter messen und analysieren, aus einem Smartphone ein Hörgerät machen oder beim Aufspüren von Hautkrebs helfen, schreibt Schmitt in einem Aufsatz zur Digitalisierung. Ziel der Gesundheitspolitik müsse es sein, diesen Schub auch für den ersten Gesundheitsmarkt, die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV), zu nutzen. Dafür müssten aber Leistungen und Produkte besser vernetzt und damit Medienbrüche bei den mehr als 5 Milliarden Dokumenten im deutschen Gesundheitssystem überwunden werden. "Deutschland muss den Weg offener Schnittstellen für die Interoperabilität der Systeme konsequent beschreiten", so Schmitt.

Wie jeder neue technologische Schub biete die Digitalisierung Chancen und Risiken, die miteinander abgewogen werden müssten. Eine übergroße Angst vor dem Missbrauch von Daten könne dabei dazu führen, dass Deutschland die Chancen der Digitalisierung verschlafe. "Wir brauchen eine gute Balance zwischen den technischen Möglichkeiten und dem Privatheitsanspruch der Menschen", so Schmitt.


Quelle: BVMed

06.06.2016

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