MTRA

Bitte nur im Zweifelsfall: Die gehaltene Aufnahme

Sind gehaltene Aufnahmen von Sprunggelenken nach Supinationstrauma heute noch sinnvoll? Dieser Fragestellung geht Claus Becker, leitender medizinisch-technischer Radiologieassistent des Uniklinikums Regensburg, in seinem Vortrag im Rahmen der MTRA-Fortbildung nach.

Claus Becker
Claus Becker

Um Aufschluss über den Schaden an den Bändern eines Sprunggelenks beispielsweise nach einem Sportunfall zu bekommen, werden von den radiologischen Abteilungen immer wieder gehaltene Aufnahmen des Sprunggelenks angefordert. Bei diesem für den Patienten sehr schmerzhaften Untersuchungsverfahren werden Aufnahmen in zwei Ebenen angefertigt.

Die AP-Aufnahme, um die laterale Aufklappbarkeit zu testen, und die seitliche Aufnahme, um den Talusvorschub zu testen. Bei diesen Aufnahmen wird die Ferse für die Röntgenuntersuchung fest eingeschraubt und ein Gegendruck von 15 kp auf den Unterschenkel ausgeübt. Je stärker das Sprunggelenk in der Röntgenuntersuchung auseinanderklappt bzw. sich der Talus gegenüber dem Unterschenkel verschiebt, desto größer ist der Schaden an den Bändern. Allerdings ist das Verfahren umstritten und nicht ohne Grund: Denn selbst eine positive Diagnose hat in den meisten Fällen keinen Einfluss auf die klinische Therapie. „Heutzutage werden immer weniger Bänderrisse operiert, sondern meistens erfolgt eine konservative Therapie mit einer Ruhigstellung des Fußes. Die schmerzhafte Diagnostik hat also keinerlei klinische Konsequenzen. Insofern ist die Frage sehr berechtigt, in welchen Fällen die gehaltene Aufnahme überhaupt sinnvoll ist“, erklärt Claus Becker.

Der Vorteil der gehaltenen Aufnahme ist das standardisierte Verfahren, das eine Reproduzierbarkeit der Untersuchungsergebnisse zum Beispiel bei Verlaufsuntersuchungen, etwa für Gutachten, möglich macht. Argumente, die gegen die Funktionsuntersuchung sprechen, sind die Schmerzhaftigkeit, die fehlende klinische Konsequenz und die Strahlenbelastung für den Patienten. „Im Grunde kann die Prozedur dem Patienten eigentlich erspart bleiben, denn ein Bänderriss ist ebenso gut im Ultraschall wie im MRT zu sehen“, sagt der leitende MTRA. Die Aussagekraft dieses Verfahrens ist nach Ansicht von Becker beschränkt. Viele Menschen, häufig Frauen, haben sehr lockere Bänder und damit eine verstärkte Aufklappbarkeit, die nicht verletzungsbedingt ist. Um ein eindeutiges Untersuchungsergebnis dieser Gelenke bei einer gehaltenen Aufnahme zu bekommen, müsste eine Vergleichsröntgenaufnahme des anderen Fußes gemacht werden, was allerdings eine noch höhere Strahlenbelastung sowie noch mehr Schmerzen für den Patienten bedeuten würde. Ein erfahrener Unfallchirurg oder Orthopäde kann zudem bei der klinischen Erstuntersuchung durch manuell durchgeführte Aufklapptests ohne Röntgen erkennen, ob eine Schädigung der Bänder vorliegt oder nicht. Eine Röntgenuntersuchung wird nur noch angefordert um festzustellen, ob ein knöchernes Trauma oder ein Bandaufriss vorhanden ist.

Retrospektive Studien haben gezeigt, dass die Heilungschancen bei der operativen und konservativen Therapie des Bänderrisses gleich sind. Die konservative Therapie ist im Grunde schonender, da der Patient nicht die Operationsprozedur durchlaufen muss. Die Orientierungshilfe der Strahlenschutzkommission sieht zwar beim Bänderriss keine Röntgenaufnahme vor, aber noch wird von Chefarzt zu Chefarzt unterschiedlich entschieden, ob eine gehaltene Aufnahme gemacht wird oder nicht. Im Universitätsklinikum Regensburg wird die gehaltene Untersuchung seit einem Jahr nicht mehr regelhaft durchgeführt, sofern ein erfahrener Kliniker den Patienten untersuchen kann. „Selbst bei einer Betäubung, die in manchen Häusern gegeben wird, ist die Untersuchung noch sehr schmerzhaft. Deshalb sollten Patienten gegebenenfalls dazu ermutigt werden, die Untersuchung abzulehnen“, so Becker.

 

Profil:

Claus Becker machte seine Ausbildung zum medizinischtechnischen Röntgenassistenten von 1994 bis 1997 im Klinikum Großhadern in München. 1997 wechselte er an das Universitätsklinikum Regensburg. Seit 2008 ist der 40-Jährige dort leitender MTRA.
 

 

10.05.2012

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