Chatbots, AI, Big Data & Co.

MEDICA beleuchtet Chancen und Perspektiven der digitalen Revolution

Künstliche Intelligenz, Wearables, Chatbots und vieles mehr: Zu Themen und Trends, die die Digitalisierung der Medizin besonders prägen werden, bietet das MEDICA Health IT Forum im Rahmen Medizinmesse MEDICA 2017 in Düsseldorf (13. – 16. November) einen Über- und Ausblick.

Der Chatbot Izzy soll Frauen dabei helfen, ihren Menstruationszyklus im Blick...
Der Chatbot "Izzy" soll Frauen dabei helfen, ihren Menstruationszyklus im Blick zu behalten. Das ist nur eine der vielen neuen Anwendungsmöglichkeiten, die AI und Big Data in der Medizin bedeuten.
Quelle: MEDICA

„Izzy is your friend. She understands you and helps you being prepared by keeping track of your menstrual cycle“, wer bei Facebook `Izzyperiod´ in die Suchmaske eingibt, stößt auf diesen Satz. Er ist bereits mehr als tausend Mal geteilt worden und hat bis Ende August mehr als 750 Kommentare erzeugt. Das wäre prinzipiell nichts Außergewöhnliches, wäre `Izzy´ eine Person. Es handelt sich jedoch um einen Chatbot. Solche textbasierten Systeme, mit denen jeder in natürlicher Sprache online kommunizieren kann, sind weltweit auf dem Vormarsch und auch im Gesundheitswesen wird ihnen ein großes Entwicklungspotenzial zugeschrieben.

Von Künstlicher Intelligenz (KI), `Precision Medicine´, Internetmedizin über Big Data und `Participatory Health´ sowie eben auch Chatbots reicht die diesjährige Bandbreite des seit Jahren etablierten MEDICA Health IT Forums.

Geplant ist, besondere Services mit Firmen zu entwickeln, deren Zielgruppe weiblich ist

Hajnalka Hejja

„Wir entwickeln einen weiblichen Chatbot basierend auf dem Facebook-Messenger. Sie heißt Izzy“, startet Dr. Hajnalka Hejja, Medical Doctor, Founder & CEO Smart Health UG aka MediLad, ihre Erklärung. Heija ist eine der Referentinnen beim MEDICA Health IT Forum in der Session „In case of discomfort ask your chatbot – intelligent Robots and Apps enter the Healthcare Ecosystem“ (Montag, 13. November, ab 13:20 Uhr). Izzy ist eine Gefährtin für junge Frauen, die mehr über reproduktive Gesundheit erfahren wollen. Sie soll zwar nicht bei der Verhütung einer Schwangerschaft helfen. Dies überlässt Smart Health UG aka MediLad anderen Anbietern. Die erste Anwendung von Izzy ist die Vorhersage von Menstruation und Eisprung. Der Unterschied zu Apps: Es muss keine App bzw. Software installiert werden und die Interaktion gestaltet sich komplett anders. Denn es findet quasi ein Gespräch zwischen Userin und dem weiblichen Chatbot (via Facebook Messenger) statt. Die Eingabe von wenigen Daten reicht aus, um den Verlauf des Menstruationszyklus hinreichend genau zu erfassen.

Bislang seien es laut Dr. Hajnalka Hejja vorrangig junge Frauen aus den USA und Großbritannien, die diesen Dienst nutzten. „Obwohl Izzy bislang ausschließlich englischsprachig ist, gibt es aber auch einige deutsche Nutzerinnen“, so Heija. Der Chatbot-Dienst richte sich an alle jungen Frauen, die in einem sozialen Umfeld aufwachsen, in dem Gespräche über Schwangerschaftsaspekte schwierig bis unmöglich seien. Die Nutzung von Izzy ist dabei kostenfrei, obwohl natürlich auch für einen Service wie diesen eine Finanzierung sicherzustellen ist.

Deutschland sei ein guter Standort, um hochqualitative Anwendungen im Gesundheitswesen zu etablieren, berichtet Hejja. Es gebe zahlreiche private Versicherungen und private Anbieter, die bereit seien, für diese innovative Form der Information und Kommunikation zu zahlen. „Geplant ist, besondere Services mit Firmen zu entwickeln, deren Zielgruppe weiblich ist. Wir suchen derzeit nach Partnern auf diesem Gebiet“, berichtet Hejja. Izzy solle sich in der Folge zu einem Marktplatz für weibliche Gesundheitsprodukte entwickeln, wobei die Kommunikation über den Facebook Messenger aus Sicht von Smart Health UG aka MediLad nur der erste Verbreitungsweg sei. Weitere Messenger-Dienste wie Telegram oder Kik sollen folgen. Hejja räumt dabei zwar ein, dass die Nutzung von Chatbots im Gesundheitswesen zurzeit noch relativ ungewöhnlich sei: „Dies wird sich aber ändern, weil sich die Gesellschaft ändert. Das sehen wir auch für Deutschland so.“

Das MEDICA Health IT Forum hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen der...
Das MEDICA Health IT Forum hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen der Medizinmesse MEDICA etabliert.
Quelle: MEDICA

So kommt Forschungswissen schneller ans Patientenbett

Solche Dienste sind genauso Bestandteil der Digitalisierungswelle in der Medizin und der damit verbundenen `Ermächtigung´ des Patienten wie der Einsatz von IT in der `Precision Medicine´. Auch diesem Gebiet gehört die Zukunft. Bundesforschungsministerin Prof. Johanna Wanka hat erst kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass die Regierung in dieser Legislaturperiode insgesamt 700 Millionen Euro für die Forschung zur Präzisionsmedizin bereitgestellt habe. Aber sie erklärte zugleich, dass es immer noch Hürden gebe, Forschungswissen schnell ans Krankenbett zu bringen. Genau dies ist das Ziel der Forschung von Prof. Erwin Böttinger. Der bisherige Leiter des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BHI) ist nun zum Hasso-Plattner-Institut (HPI) gewechselt – und er ist geplant beim MEDICA Health IT Forum als Keynote-Speaker am Montag, 13. November, zur Podiumsdiskussion „The Future is digital: How Data and Analytics will transform the Healthcare Market (in the next 5 years).“ Projekte, in denen BHI und HPI kooperieren, schließt er nicht aus: Am BHI wird die Entwicklung von klinischen Entscheidungshilfen für den „Echtzeit-Einsatz“ am Point-of-care vorangetrieben. Das bezieht sogar Aktivitäten in Aus-, Fort- und Weiterbildung ein.

Präzisionsmedizin aus der `Datenwolke´

Böttinger erläutert seinen Schritt: „Ich habe jetzt am HPI die Möglichkeit, sehr fokussiert Präzisionsmedizin durch Neuentwicklung von digitalen Lösungen voranzutreiben. Daher habe ich die Position als Head des Digital Health Centers am HPI angenommen.“ Ziel der Arbeit dort ist die Entwicklung der ‚Gesundheitscloud’ – eine umfassende und vom Patienten kontrollierte, überall zugängliche Gesundheitsdatenplattform, die Patienten ermächtigen sowie Gesundheitseinrichtungen und -personal helfen soll, beispielweise beim Umgang mit chronischen Erkrankungen.

Dem Patienten – und auch dem Gesundheitspersonal – könnten sich auf diese Weise völlig neue Wege eröffnen. Der Patient stellt seine Daten zur Verfügung. Bereits vorhanden sind Daten zu klinischen Studien. Ein Algorithmus soll beide Datensätze zusammenbringen und errechnen, ob der Patient für eine Studie infrage kommt, und wenn ja, für welche. Die Patienten und Ärzte profitieren so sehr schnell von Forschung und Wissenschaft. Die Entscheidung über die Therapie entscheiden gegebenenfalls der informierte Patient und sein Arzt gemeinsam. Forschung kommt auf diesem Wege schnell ans Krankenbett – und zwar möglichst flächendeckend: „Wir wollen dies zur möglichsten breiten Anwendung bringen“, erläutert Böttinger das ambitionierte Ziel. Gleich, ob es sich um regionale Verbünde von Versorgungseinrichtungen, Uni-Kliniken oder private Einrichtungen handelt: Entscheidend sei, dass es regionale Partner aus den verschiedenen Bereiche gebe, die gemeinsam Lösungen entwickeln wollten. Die Organisation des deutschen Gesundheitswesens stellt dabei jedoch alle Beteiligten vor Herausforderungen. Denn der Datentransfer über die Sektorengrenzen gestaltet sich hierzulande unverändert schwierig – und damit bleiben aktuell die Verläufe der Krankheitsgeschichten von Patienten schwer nachvollziehbar und oft kaum darstellbar.

Erfahrungen in den USA machen Mut

Amerikanische Erfahrungen machen jedoch Mut. Die Umsetzung von Forschung in die Praxis gelang Böttinger am renommierten Mount Sinai Health System in New York: „Wir haben dort ein transnationales Programm für die Umsetzung von Pharmakogenomik durchgeführt.“ Böttinger hat beispielsweise in einem Team zu Clopidogrel gearbeitet. Der Gerinnungshemmer (Thrombozytenaggregationshemmer) wird häufig eingesetzt etwa nach Koronarangioplastie. Rund ein Viertel der Patienten sind dabei resistent gegen Clopidogrel. Das bedeutet für sie, dass sie von einer Behandlung nicht profitieren und somit ihre Risiken für Infarkt, Schlaganfall o. ä. unverändert hoch bleiben. Diese Resistenz ist genetisch festgelegt und lässt sich mit Hilfe genetischer Daten erkennen.

Nutzen kann das den Patienten aber nur dann etwas, wenn ihre genomischen Daten vorliegen und zur Anwendung kommen. Genau dazu wurde am Mount Sinai die passende Software entwickelt, die zunächst in erster Linie den Arzt bei der Therapiefindung unterstützen soll. Wenn er/ sie eine Verordnung von Clopidogrel in die elektronische Patientenakte einträgt, dann prüft das Programm in Echtzeit, ob genetische Tests zu diesem Patienten vorliegen. Sollte diese Analyse anzeigen, dass beim Patienten eine Clopidogrel-Resistenz vorliegt, wird diese Information auf dem Bildschirm des Arztes angezeigt. Die Software schlägt dann ein alternatives Medikament vor.

Aber lässt sich so etwas wirklich in einem noch viel größeren Ansatz auf das zergliederte deutsche Gesundheitswesen übertragen? Die Lösungen, die die Versorgung entscheidend verbessern werden, werden aus Sicht von Böttinger Cloud-basierte umfassende Lösungen sein, die über alle Sektorgrenzen hinweg Daten integrieren können – und zwar Daten, die vom Patienten selbst verwaltet werden. Im Vergleich zur „offiziellen“ Telematikinfrastruktur würden sie Kosten sparen, die Qualität der Versorgung verbessern, eine nutzer-orientierte Versorgung ermöglichen und letztlich dem Patienten mehr Komfort bieten. Böttinger ergänzt: „Die Gesundheitskarte kann aber ein Schritt in diese Richtung sein.“

Daten als Geschäftsmodell? Nicht für Ärzte und Kliniken

Zurzeit ist es zwar nicht die elektronische Gesundheitskarte, sondern sind es mächtige Konzerne wie Google und Amazon, die die Entwicklung Cloud-basierter Lösungen auch im Gesundheitswesen vorantreiben. Und sie haben dabei zweifelsohne kommerzielle Interessen. Das könnte den Weg frei machen für andere Anbieter: „Ich glaube, im Bereich der Gesundheitsforschung ist Vertrauen besonders wichtig“, ergänzt Böttinger. Deutsche Gesundheitseinrichtungen sollten aus Sicht von Böttinger zwar Daten nutzen, wenn Patienten aktiv zustimmten. „Daten als Geschäftsmodell kommen für Ärzte und Krankenhäuser jedoch nicht infrage“, unterstreicht Böttinger. Vielmehr seien gemeinnützige Lösungen wichtig, wie sie das HPI mit der umfassenden Gesundheitsdatenplattform entwickeln wolle. Die Digitalisierung der Medizin sollte insgesamt viele Leistungen wie Dokumentation und das Ausstellen von Verordnungen automatisieren und das Gesundheitspersonal von ungeliebter Arbeit befreien: „Die Entlastung der Kollegen ist ein Ziel unserer Arbeit.“ Auch dieser Punkt ist Böttinger bei seinen Projekten wichtig. Die ebenfalls angestrebte Stärkung des Patienten sei dazu kein Widerspruch, schließlich profitierten von einer gelungenen Therapie und Versorgung Kranker alle.

Weitere Informationen zum MEDICA Health IT Forum in Halle 15 (Stand E 56) sind auch online abrufbar unter: http://www.medica.de/mhif1.


Quelle: MEDICA/Dr. Lutz Retzlaff

20.09.2017

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