v.l.n.r.: Dr. Klaus von Dohnanyi, Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff; Markus Wild;...
v.l.n.r.: Dr. Klaus von Dohnanyi, Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff; Markus Wild; Martin Große-Kracht.

Beschaffungskongress der Krankenhäuser

Zweite Welle bringt neue Defizite in der Gesundheitsversorgung ans Licht

Mitten in der zweiten Welle der Covid-19-Pandemie steht das deutsche Gesundheitswesen vor ähnlichen Problemen wie zu Beginn der ersten Welle: Zwar gibt es jetzt ausreichend Schutzmasken, dafür fehlt es jedoch an Personal und Medikamenten. „Es gibt immer noch kein Konzept, wie wir die Liefersicherheit von Medizinprodukten sicherstellen können“, sagt Martin Große-Kracht, Vorstandsmitglied des Gesundheitsdienstleisters Ategris, im Rahmen des virtuellen Beschaffungskongresses der Krankenhäuser am 2. und 3. Dezember. „Momentan hinken wir in Deutschland den meisten anderen europäischen Ländern hinterher.“

Report: Sonja Buske

Das Problem der Lieferengpässe gibt es nicht erst seit Ausbruch der Pandemie, machte Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff in seinem Eröffnungsvortrag deutlich. Der Leiter des Centrums für Krankenhaus-Management (CKM) beobachtet schon seit Jahren, dass es durch die Verlängerung globaler Lieferketten, die Konzentration von Produktionsstandorten oder aber durch die Begrenzung von Produktionskapazitäten zu Lieferproblemen bei nahezu allen Produktgruppen kommt. „Durch Covid-19 hat sich die Lage nur verschärft, insbesondere bei Produkten, die zur Persönlichen Schutzausrüstung (PSA) gehören“, weiß von Eiff. 

Dies zeigt auch eine aktuelle Studie des CKM zum Thema PSA: 580 Krankenhäuser, 48 Rehakliniken und 109 Pflegeheime haben an der Befragung teilgenommen und angegeben, dass sie neue Lieferwege erschließen mussten, um ihren Bedarf zu decken. 90 Prozent der Einrichtungen sind dabei an unseriöse Anbieter geraten, 95 Prozent haben schadhafte Produkte erhalten. „Die große Frage stellt sich also, wie wir zukünftig mit solchen Situationen umgehen“, bringt von Eiff es auf den Punkt. „Es gab zu Beginn des Jahres keine zentrale Plattformlösung zum Abgleich von Bedarf und Verfügbarkeiten. So etwas darf nicht mehr passieren.“

Logistik-Probleme

Aktuell fehle es allerdings auch an Schilddrüsen-Medikamenten oder an dem Wirkstoff Ibuprofen. „Zudem haben wir jetzt mit einem großen Logistikproblem zu kämpfen: Die Luftfrachtpreise sind explodiert, es fehlt an See-Containern und Güterwaggons, und Containerschiffe sind bis Januar 2021 ausgebucht. Daran müssen wir arbeiten“, fordert der CKM-Leiter.

Markus Wild, Geschäftsführer der Prospitalia GmbH, sieht hier die Politik im Zugzwang: „Wir weisen auf das Problem der Lieferengpässe schon seit Jahren hin, aber die Politik hört uns nicht zu, sie löst momentan nur die Probleme von gestern.“ Wild nennt Atemschutzmasken als Beispiel, die in großer Menge angeschafft wurden, aber gar nicht mehr in dem Umfang benötigt werden. Dafür fehle es jetzt an bestimmten Medikamenten und Wirkstoffen. „Wir brauchen dringend Personal und Konzepte, wie die Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann.“ Das beste Beatmungsgerät nütze nichts, wenn kein ausgebildetes medizinisches Personal zur Verfügung steht, um es zu bedienen.

Einkaufsorganisationen legen Gesamtkonzept vor

Um die Themen Beschaffung und Logistik stärker in den Fokus der Politiker zu rücken, haben sich die Einkaufsorganisationen jetzt zusammengeschlossen und wollen mit einer Stimme sprechen. Wild: „Wir werden ein Gesamtkonzept erarbeiten und der Bundesregierung vorlegen. Darin wird auch das Thema Impfungen eingeschlossen sein.“ Wild betont auf dem Kongress, dass Lieferausfälle nicht nur durch Pandemien ausgelöst werden. Naturkatastrophen wie Überflutungen könnten Deutschland in ähnliche Situationen bringen. „Das Szenario muss breiter betrachtet werden“, fordert er.

Martin Große-Kracht wünscht sich ein besseres Konzept zur bedarfsgerechten Verteilung knapper Produkte. Denkbar wäre hier entweder die Bevorratung oder die Sicherung der Zugriffe. Eine Herstellerverpflichtung wäre für ihn eine Lösung, doch die ist teuer. „Wenn wir unabhängiger werden wollen, müssen wir dafür auch bezahlen. Wir können nicht die beste Versorgung fordern, aber nur bereit sein, die niedrigsten Preise zu zahlen. Hier muss umgedacht werden.“

04.12.2020

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