News • Strategien und neue Therapieansätze

Virologen diskutieren über Neustart nach Corona-Pandemie

Die vergangenen drei Jahre waren geprägt von Maßnahmen und Einschränkungen. Inzwischen hat sich das Corona-Geschehen geändert. Doch der Aufklärungsprozess steht noch am Anfang.

Die Gesellschaft für Virologie wird sich bei ihrer 32. Jahrestagung vom 28. - 31. März in Ulm in Plenarsitzungen und auch Workshops weiter mit der SARS-CoV-2-Forschung befassen, aber auch andere spannende Themen stehen im Fokus. Prof. Dr. Thomas Stamminger, Medizinischer Direktor am Institut für Virologie am Universitätsklinikum Ulm und diesjähriger Tagungspräsident, gibt Einblicke in Schwerpunkte und Kongress-Highlights.

Ist Corona nun besiegt? Oder welche Fragen stehen im Vordergrund der aktuellen Diskussion zu diesem Thema?

portrait of Thomas Stamminger
Professor Dr. Thomas Stamminger

Bildquelle: Universitätsklinikum Ulm

Prof. Stamminger: "Besiegt ist Corona mit Sicherheit nicht, aber die Schrecken, die Corona am Anfang der Pandemie verursacht hat, liegen hinter uns. Allerdings gibt es nach wie vor Menschen, die entweder sehr schwer an Corona erkranken oder das Virus über lange Zeiträume ausscheiden. Die Behandlungsmöglichkeiten sind hier immer noch limitiert. Wir werden bei dieser Tagung über die Gründe diskutieren, die zu solchen schweren Krankheitsverläufen führen und natürlich auch über neue Ansätze, wie die Therapie verbessert werden kann." 

Welche besonderen Schwerpunkte haben Sie gesetzt? Was sind die Top-Themen in diesem Jahr? 

"Ein wichtiges Thema ist die Vorsorge vor neuen Pandemieerregern, die aus dem Tierreich auf den Menschen übertragen werden könnten. So hat sich zum Beispiel das sogenannte Vogelgrippe-Virus, eine hochpathogene Variante der Influenza-Viren, in den letzten Jahren extrem ausgebreitet. Bisher gibt es nur wenige Berichte darüber, dass Menschen infiziert wurden, aber Influenza-Viren können sich sehr leicht genetisch verändern. Dieses Virus hat also mit Sicherheit das Potential, sich an den Menschen anzupassen und somit eine neue Pandemie zu verursachen. In einer weiteren Plenarsitzung wollen wir uns mit neuen therapeutischen Ansätzen auseinandersetzen, die darauf abzielen, den Eintritt von Viren in Wirtszellen zu hemmen. Dieses Prinzip kommt bei HIV-Infektionen bereits zum Einsatz, kann aber bei entsprechender Erforschung auch bei anderen Virusinfektionen zur Therapie verwendet werden."

Anfang 2022 machte die Meldung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung die Runde, dass an einem Impfstoff gegen verschiedene Atemwegsviren auf Basis des Zytomegalievirus (CMV) geforscht werde. Könnten Herpesviren uns tatsächlich bei Atemwegsinfekten helfen? 

"Herpesviren wie das Zytomegalievirus haben sich über eine sehr lange Zeit hinweg an ihren menschlichen Wirt angepasst und besitzen deshalb Funktionen, die das Immunsystem modulieren und genutzt werden können, um eine effektivere Impfantwort zu erzeugen. In experimentellen Systemen konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass eine Impfung auf Basis von Zytomegalieviren vor einer Infektion mit Immundefizienzviren schützen kann. Inwieweit dies auch bei Atemwegsinfektionen zum Erfolg führt, bleibt abzuwarten, aber es lohnt sich sicher, auch solche neuartigen Impfstrategien intensiv zu erforschen."

Wie bereiten sich Fachleute auf neue Erreger vor, die von Tieren auf den Menschen überspringen könnten?

"'One Health' gilt hier als wichtiges Schlagwort. Die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt hängen eng zusammen. Eine Bekämpfung von Tiererkrankungen vermindert auch die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung neuer Erreger auf den Menschen. Voraussetzung ist immer ein genaues Wissen, welche Viren aktuell kursieren und wie hoch das Potential der jeweiligen Erreger ist, um die Speziesbarriere zu überwinden. Hier muss in Zukunft auf jeden Fall noch viel intensiver geforscht werden."

Während der Corona-Pandemie hat die Politik ja verschiedene Forschungsprogramme in der Virologie unterstützt. Werden diese Forschungen auch jetzt noch fortgesetzt?

Wir benötigen eine längerfristige Förderung, um neue Strukturen zu schaffen und neue therapeutische Ansätze intensiv zu erforschen

Thomas Stamminger

"Es war in der Tat so, dass mit Beginn der Corona-Pandemie kurzfristig verschiedene Programme zur Erforschung von SARS-CoV-2 ausgeschrieben und finanziell unterstützt wurden. Leider waren viele dieser Förderinstrumente zeitlich sehr limitiert und wurden zwischenzeitlich eingestellt. Hierin sehe ich ein großes Problem. Wir benötigen eine längerfristige Förderung, um neue Strukturen zu schaffen und neue therapeutische Ansätze intensiv zu erforschen."

Welche aktuellen Aspekte im Zusammenhang mit Viren und viralen Infektionen sind momentan besonders hervorzuheben? Welches sind für Sie wichtige Highlights der Tagung?

"Durch die Erforschung von SARS-CoV-2 konnten wir wichtige neue Erkenntnisse zur Immunantwort bei viralen Atemwegsinfektionen gewinnen, die auch für präventive Strategien genutzt werden können. Ein Highlight der Tagung wird deshalb sicherlich die Plenarsitzung mit dem Thema 'Immunantwort bei SARS-CoV-2 Infektion und Impfung' sein, die gemeinsam von der Gesellschaft für Virologie und der Deutschen Gesellschaft für Immunologie ausgerichtet wird. Für diese Sitzung konnten wir Prof. Michel Nussenzweig aus New York als Sprecher gewinnen, der für seine Arbeiten zu breit neutralisierenden Antikörpern gegen Viren ein hohes internationales Renommee besitzt." 


Quelle: Gesellschaft für Virologie

21.03.2023

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